Ein Westfale aus München in Dresden

Gespräch beim Dinner mit Dr. Hans Deppe, AMD Dresden

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Treffpunkt Intermezzo im Taschenbergpalais. Der Gast ist ausgewiesener Fachmann im Bereich der Halbleiterindustrie – und seine Gegenüber eher ausgewiesene Laien auf eben jenem Gebiet. Also passierte eingangs des Abends prompt das, was jeden Nicht-Fach-Journalisten mit fundiertem Viertelwissen in Verzweiflung bringt: Ein Fachgespräch entwickelt sich.

Selbst gewähltes Elend, denn unser Gast Dr. Hans Deppe hat lediglich auf neugierig-interessierte Fragen geantwortet. Uwe Frommhold, Geschäftsführender Direktor des Taschenbergpalais, stellte nur eine Frage: Was das denn mit den Siliziumscheiben so auf sich habe… – und schon war der Director of Operations und Geschäftsführer der Dresdner AMD-Fabrik in seinem Element.

Nun gehört Hans Deppe glücklicherweise zu jener seltenen Spezies von Fachleuten, die trotz Studium, Promotion und einem Vierteljahrhundert Arbeit in der Halbleiterbranche noch sehr anschaulich und verständlich reden können – aber nach etwa 20 Minuten Frage-und-Antwort-Spiel zu Themen wie Chips, Siliziumscheiben, Schaltungsideen und Reinräumen bleiben letztendlich nur noch die Highlights des Gesprächs im Gedächtnis (Physiker und andere Fachleute mögen jetzt bitte für etwa 32 Zeilen die Augen schließen): Erstens ist das Herstellen der Siliziumscheiben aus langen Stäben im Prinzip nicht anders zu erklären als das Drehen von Kerzen. Nur das alles eben extrem komplexer, kleiner und vor allem reiner ist. Zweitens bleibt hängen, daß die Waschmittelwerbung offensichtlich doch recht hat: Rein ist nicht rein, denn es geht noch reiner: Im etwa 9.000 Quadratmeter großen Reinraum in der Fabrik vor den Toren Dresdens wird AMD nämlich erstmalig die hochmoderne SMIF-Technologie in einem seiner Werke einsetzen. Und diese SMIF (Standard Mechanical Interface) Technologie verhindert, daß die Wafer der Luft im Reinraum ausgesetzt sind – auch wenn diese Luft extrem rein ist. Dank SMIF befinden sich die Wafer in sogenannten „mini-environments“, in denen die Luft noch reiner ist – Klementine wäre begeistert!

Und drittens bleibt hängen, daß dies alles eine sehr faszinierende Technologie ist, die sich weiterhin rasant fortentwickelt.

So, nun dürfen die Physiker und anderen Fachleute wieder weiterlesen. Es kommt nämlich Küchenchef Alexander Tschebull an den Tisch, um seinen Menüvorschlag zu unterbreiten: Vom leicht mediterranen Heilbutt im Reisblatt auf Spargel-Orangen-Ragoût über ein eher regionales Mufflon aus dem Brandenburgischen, das mit Wachsbrechbohnen, einer weißen Pfeffersauce und Kartoffelraviolis den Hauptgang bildete, bis zum Dessert mit Holundermousse, gefüllter Birne und Zimtstangen – da wollte keiner widersprechen. Und Hans Deppe, der gebürtige Westfale, der lange in München gearbeitet hat und somit höchst bierverdächtig ist, freut sich auf den dazu passenden Wein!

Während die Küche arbeitet, gibt es ein handfestes Thema: Was hat das weltweit tätige Halbleiterunternehmen AMD mit Sitz in Sunnyvale, Kalifornien, bewogen, in Dresden ein Halbleiterwerk sowie ein Entwicklungszentrum für Telekommunikationsprodukte, das „Dresden Design Center“ (DDC) zu bauen? „Dresden ist traditionell das Zentrum der Mikroelektronik in Ostdeutschland, bietet ein umfangreiches Potential qualifizierter Arbeitskräfte. Weitere Motive waren die Nähe zu den Technischen Universitäten von Dresden und Chemnitz-Zwickau sowie die finanzielle, administrative und politische Unterstützung der Investition durch die Stadt Dresden, die sächsische Landesregierung und die Bundesregierung“, antwortet Deppe wie aus der Pistole geschossen. Die Wirklichkeit steht der Theorie nicht nach: Bislang hat AMD mehr als 500 deutsche Mitarbeiter eingestellt, zwei Drittel der deutschen Mitarbeiter stammen aus Sachsen. Deppe: „Diese Zahl wird weiter steigen!“ Konkret: Im kommenden Jahr sollen es rund 1.000, im Jahr 2000 dann 1.800 Mitarbeiter sein.

Der Service bringt den Hauptgang und serviert dazu einen 1993 Merlot Mantlerhof – was die Tischrunde zum spontanen Themenwechsel veranlaßt. Erstens gibt es allgemeine Verwunderung darüber, daß es im Brandenburgischen noch Mufflons gibt, zweitens großes Erstaunen darüber, wie gut das schmecken kann, wenn nur die richtigen Leute es zubereiten und drittens dann nach der Vorliebe zum Wein das zweite Outing des AMD-Direktors an diesem Abend: Sein Lieblingsgericht, ganz ehrlich, sei Eintopf. Und zwar nicht irgendeiner, sondern der seiner Frau, der aus frischem Gemüse aus dem eigenen Garten zubereitet sei.

Da das Gespräch sowieso gerade privatisiert, schnell noch die Frage nach dem Hobby!?! „Ich bin begeisterter Funkamateur – und das seit 35 Jahren!“ Was „DJ8UL“ da so manchmal erlebt, ist schon erzählenswert. Zum Beispiel die Geschichte des Mannes, den er 1981 per Funk kennenlernte, mit dem er sich damals zwei Stunden unterhielt – und den er dann aus den Augen verlor…

…bis Hans Deppe kürzlich in Austin, Texas, bei AMD zu tun hatte. Das abgesetzte „DJ8UL in town“ fand schnell einen Partner: Jenen alten aus den Augen verlorenen Freund. Der arbeitet jetzt bei Motorola, mit denen AMD eine strategische Allianz eingegangen ist. Nun kommunizieren die beiden wieder häufiger miteinander, allerdings weniger per Funk: Das geht heute alles per Email als elektronische Post ab. Aber Spaß macht es trotzdem!

Ulrich van Stipriaan

Veröffentlicht in: TaschenbergNews 4/1998
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