(K)Ein Fall für Sensible

Carla Zwylle sah sich die umstrittene Ausstellung in Weimar an – und fand alles gar nicht so schlimm

Hallo Conny,

du siehst, ich bin lernfähig: diesmal habe ich meine Zeilen an Dich in die alte Reiseschreibmaschine geklimpert, weil Du mit meiner Handschrift nicht klarkommst. So bin ich!

Und wo bin ich? In Weimar im Elephanten! Habe total abgetretene Füße (Salve!), soviel bin ich durch Stadt und Museen gelaufen. Zwei Tage sind einfach zu wenig!

Zuerst war ich gestern natürlich bei Göthens und Schillers, das ist ja Pflicht und im Park an der Ilm sogar ganz lustig mit den beiden Gartenhäusern. Stell Dir vor: Das falsche ist sogar teurer im Eintritt als das echte! Dafür darf man alles anfassen und bekommt nicht mal ausgeschimpft, wenn man sich auf einen der neuen Stühle setzt, die sie auf alt gemacht haben. Leider habe ich nicht rausbekommen, ob die Holzplanken überall gleich knarren…

Heute war Museumstag, ich habe diese umstrittene Ausstellung mir angesehen: Aufstieg und Fall der Moderne, in drei Teilen.

Was hatte ich schon alles darüber gelesen. Skandal in Weimar, Missachtung der Künstler, von denen einer gar ein Bild gewaltsam abgehängt hat. Zufällig (???) war grade Presse da, so dass es auch ordentlich ins Bild gesetzt werden konnte. Der Nagel hängt noch, ich habe ihn fotografiert, und der Direktor hat einen Spruch drüber geschrieben.

An vielen Bildern hingen kleine gelbe Zettel, so Post It Dinger, was signalisieren sollte: Da wollen die Künstler entweder ´ne andere Hängung oder das Bild ganz entfernt haben aus der Ausstellung.

Irgendwie verstehe ich den ganzen Rummel nicht. Angeblich, so stand´s überall zu lesen, hängen die Bilder auf Müllsäcken. Großer Quatsch: Plane ist das, die grau ist. Mich hat sie überhaupt nicht an Müllsäcke erinnert. Und dann wollen einige nicht neben anderen hängen, sie beschweren sich sozusagen über die Inszenierung. Gerichtsurteile dazu sind angestrebt. Wenn die durchkommen, sehe ich schwarz für Ausstellungsmacher und Regisseure. Stell Dir vor, Shakespeare oder Goethe oder Schiller könnten sich wehren gegen die Inszenierungen: Da wäre was los! Was, die sind tot? Naja, aber Du weißt schon, wie ich es meine, oder?

In der Begleitzeitung zur Ausstellung stand ein vorausschauend geschriebener Satz des Ausstellungsregisseurs Achim Preiß: „Die Ausstellung und ihre Gestaltung stellt für viele konservative Gemüter sicherlich eine schwere Erregung dar, da sie nicht den üblichen musealen Inszenierungen folgt und eher den Charakter einer Improvisation hat. Das lag in der Absicht…“ Schade nur, dass die Improvisation bis zu falsch geschriebenen Namen und ganz fehlenden Schildchen ging. Das war mir zuviel schlamperter Umgang!

Aber ansonsten habe ich mir diese Unmenge an Bildern gern und lange angesehen, manchmal gekichert, manchmal nachgedacht. Weiter weg und alles sehen, näher ran und Details suchen und finden. Wie gesagt, dumm fand ich`s nicht.

Die DDR-Kunst ist ja der dritte Teil der Gesamtausstellung „Aufstieg und Fall der Moderne“ der Kunstsammlungen zu Weimar. Teil zwei im gleichen Gebäude, aber mit anderem Eingang, behandelt „Die Kunst dem Volke – erworben: Adolf Hitler“ und zeigt vom röhrenden Hirschen über banale Akte zum braven Bauarbeiter alles, was mir nicht gefiel. Und das auch noch im „Gauforum“, einem über die Jahre nicht kleinzukriegenden Monsterbau.

Also weiter zum zweifelsohne schöneren Schloss, in dem Teil 1 zu sehen ist. Klassische Moderne, durchaus mir genehme Künstler. Monet, Cezanne, Munch, van de Velde, Feininger: Toll! Aber hängesensibilisiert wie ich war, gefiel mir da auch nicht alles: Da hing die Extraausstellung bunt gemischt mit den sowieso vorhandenen Bildern, da fand ich`s Licht nicht immer optimal. Aber insgesamt war es eben doch lehrreich und anstrengend.

So, das war´s für dieses Mal. Mal sehen, wo es mich demnächst hintreibt, ich melde mich!

Deine Carla

Aufstieg und Fall der Moderne.
9.5. – 1.8.1999 (Teil 1)
9.5. – 9.11.1999 (Teil 2+3)

Carla Zwylle

Veröffentlicht in: trialog 3/1999
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