Auf der Suche nach Persönlichkeiten

Tischgespräch mit dem zukünftigen DNT-Intendanten Stephan Amadeus Märki

Etwas gehetzt und abgespannt kommt da ein Mann in den „Elephant“. Muss ein Künstler sein, denkt sich der geschulte Beobachter, denn die bei diesem Berufsstand so beliebte Farbe schwarz hat er perfektioniert: Jackett und Hose schwarz, schwarzes Hemd, na klar, mit oberstem Knopf offen. Das kann soweit jeder. Aber Stephan Amadeus Märki, der zukünftige Intendant des Deutschen Nationaltheaters in Weimar, belässt es nicht bei derlei Äußerlichkeiten, sondern hat stilecht schwarzes Haar und schwarzen Dreitagebart. Außerdem hat er diesen zauberhaft wegweisenden zweiten Vornamen: Amadeus, der von Gott geliebte.

Aber dafür kann er ja nichts, bei der Namensvergabe haben Neugeborene als die Betroffenen kein Mitspracherecht. „Es war der Großvater,“ erzählt Märki, „der war den Künsten verbunden.“

Märki selbst war es in seinem frühen Leben (was sooo lange nicht her ist, er ist Jahrgang 55) mehr der Stephan als der Amadeus – will heißen: Er hielt es eher mit sehr weltlichen Dingen. Er ist Autorennen gefahren (freilich mit dem Künstlernamen Amadeus…) und kann aus der Zeit eine Menge lustige und auch eine nicht ganz so lustige Geschichte(n) erzählen. Der lustigen eine geht so: Da gab es eine Radarkontrolle, und der Stephan Märki fuhr gerade 260. Man hielt ihn zwar an, aber Strafe oder so gab es nicht: „Das Gerät geht bis 240 und behauptet, Sie sind noch schneller gewesen! Da ist sicher das Gerät kaputt. Entschuldigung!“ Und die weniger lustige Geschichte handelt von seinem letzten Rennen, bei dem er mit Tempo 200 in die Mauer gekracht ist…

Manchmal, nicht immer, kommt der Service zur rechten Zeit und lenkt ab mit trefflichen Dingen. An dieser Stelle war es ein Parmesanrisotto, das jedes Gerede über andere, weltliche Dinge verbot. Denn es schmeckte himmlisch.

Doch auch (oder vor allem?) himmlische Genüsse sind nicht von Dauer. Nach diesem und vor dem nächsten Gang besprechen wir das Kapitel, wie der Herr Märki erfolgreicher Jungunternehmer wird. Er hat sich nämlich dem Journalismus verschrieben und eine Presse- und Werbeagentur gegründet, die, wie er verschmitzt und in Anbetracht des Umfeldes nicht ganz unberechtigt sagt, „sogar erfolgreich war“. So erfolgreich, dass er seine Anteile im immer noch jugendlichen Alter von 25 Jahren verkaufte und (wie er zwischen zwei Schluck des zum Essen servierten Weines zugibt) „einen Haufen Geld gemacht“ hat. Aber anders als Andere machte er was draus, ging nach München, studierte. Erst nahm er drei Jahre Schauspiel-, dann noch ein Jahr Regieunterricht.

Irgendwie war diese Doppelausbildung ganz gut, denn als das junge Talent beim Zivilschutz von der Leiter fiel, war’s zumindest mit der Schauspielerei erst einmal vorbei. Wer will schon einen Schauspieler in Gips?

Aber auch mit Gips kann man ein Theater führen – zumal, wenn das Wortspiel gestattet ist, noch Grips dazukommt. Also gründete Amadeus Märki sein Theater in München und machte vor, dass man auch anders arbeiten kann. Diese andere Art zu arbeiten merken übrigens auch jetzt in Weimar diejenigen, die sich bei Märkis „Suche nach Persönlichkeiten“ vorstellen. Sie erfahren noch am gleichen Tag, ob sie genommen werden oder nicht. Das Getue mit wochenlangem Warten und dann einem (oft nichts sagendem) Absagebrief will Märki nicht mitmachen. Die Schauspieler sind verwundert, so behandelt zu werden – aber sie nehmen es dankbar an… So entsteht, hofft er, ein Pool von Leuten, bei denen die Chemie stimmt.

Nach München kam Potsdam („Eine Stadt mit Zukunft und eine Stadt mit Herkunft!“), wo Märki erst einmal tat, was er gar nicht gerne mag: „Ich habe eine Strukturreform durchgeführt, was überhaupt keinen Spaß gemacht hat!“ Beinahe holt ihn die Unlust beim Erzählen ein, aber da ein 93er Barbaresco im Zusammenklang mit einem Rehrückenmedaillon mittlerweile ein feines Mikroklima an unserem Tisch geschaffen hat, geht‘s noch einmal gut…

Eine gute Voraussetzung, um über die Zukunft des Theaters in Weimar zu reden! Da bleibt er nett, aber verrät auch nicht alles: Ja, er wird Regie führen. Ja, es wird mit Beginn der Saison innerhalb von vier Wochen drei bis fünf Premieren geben. Nein, er sagt nicht welche.

Dafür sagt er uns noch was zu seiner neuen Wirkungsstätte: „Der Name des Theaters klingt wie Rolls Royce, aber wir spielen nicht in der ersten Liga!“ Gerne würde er das Schauspiel von der C-Klasse in die A-Klasse führen… Aber drei Jahre brauche er mindestens, um diese Pläne umzusetzen

Ulrich van Stipriaan

1996er Pouilly Fuisse
Savarin vom Kaisergranat auf Zuckerschoten
mit Weißem Alba-Trüffel
*
Parmesan-Risotto mit sautierter Entenleber und Balsamicoessig
*
1993er Barbaresco Cru Bric Ballin
Medaillon vom Rehrücken an Birnen-Rotwein-Kompott
Rosenkohl und Williamsbirn-Kristallen

Veröffentlicht in: trialog 1/2000
Beitrag als PDF ansehen (72 KB)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*