„Ein gut bestelltes Haus“

Gespräch mit dem Intendanten des Staatsschauspiels Dresden, Prof. Görne

Mit der darstellenden Kunst in Dresden verhält es sich im Grunde nicht unproblematisch: Die Semperoper ist nicht zuletzt dank der allabendlichen Fernsehwerbung eines hiesigen Bieres immer präsent und bietet auch unabhängig davon ein Repertoire vom Feinsten – eine Auslastung von nahezu hundert Prozent ist die erfreuliche Folge.

Ist nun unglücklich, wer ein anderes Haus zu leiten die Ehre hat? Nein, nicht wirklich: Prof. Dr. Dieter Görne, Intendant des Staatsschauspiels in Dresden, leidet nicht unter der Popularität des berühmten Nachbarn. „Wir haben das große Glück, dass das Verhältnis zwischen allen Dresdner Intendanten gut ist – und wir kooperieren beim Dresdner Anrecht sogar mit der Semperoper und der Staatsoperette!“ sagt er beim Mittagessen im Restaurant Intermezzo und klopft sich, toi toi toi, auf den Kopf: Möge es so bleiben!

Schön ist das Schauspielhaus übrigens auch – nur dass man es ihm auch nach der historischen Rekonstruktion (1993/95) von außen nicht unbedingt ansieht, und die Werbung hat es auch noch nicht entdeckt.

Mit 60 bis 70 Prozent Auslastung steht man zudem auch so schlecht nicht da – und das bei immerhin insgesamt vier Spielstätten, die zum Staatsschauspiel gehören: Neben dem Großen Haus mit etwa 800 Plätzen direkt gegenüber dem Zwinger (und somit einen Steinwurf vom Taschenbergpalais entfernt) gibt es das Schlosstheater (Nachbar des Taschenbergpalais auf der anderen Seite…), über das gleich noch etwas zu sagen sein wird. Und dann das Theater Oben und das Theater in der Fabrik (TIF), beide je rund 100 Plätze.

Was in der Aufzählung fehlt, ist das Kleine Haus. Das gibt es zwar (in der Neustadt, knapp 400 Plätze) – aber es ist geschlossen. Einerseits wegen umfangreicher Sanierungsarbeiten, andererseits weil es auch hier die im Osten der Republik häufig den Fortgang der Dinge hemmenden Restitutionsansprüche gab. „Aber wenn ich 2001 in den Ruhestand trete, soll der Grundstein gelegt sein!“

Die Schließung des Kleinen Hauses im Sommer 1998 hat auch ein Gutes: Denn von Anfang an gab es Ersatz. Zuerst ein Zelt, das schon ein bemerkenswertes Theatergefühl vermittelte – und nun die Spielstätte im Schloss. Ein Traum! In der ehemaligen Schlosskapelle (Schütz-Kapelle) mit ihren Gewölben wird Zeitgenössisches gespielt – Dramatik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bis das Schloss seiner endgültigen musealen Bestimmung übergeben wird, findet hier also im Keller Kunst statt, die nicht einmal über die Maßen kostet: Nur rund 400.000 Mark mussten für den Theaterbetrieb investiert werden, die anderen Maßnahmen bleiben – egal wie der Raum genutzt wird – erhalten. „Eine Vorstellung, die auch für den Finanzminister verlockend ist!“ meint der Intendant, und am „auch“ merkt man, dass er selbst ebenfalls nicht gerade unzufrieden ist.

Räume reizen zum Experimentieren – im Schlosstheater (wo es alle vierzehn Tage spätabends „freit@g-nachT“ gibt) und allemal im Theater in der Fabrik. Unter der künstlerischen Leitung von Eva Johanna Heldrich gibt es auf der Bühne im ehemaligen Kupplungswerk „eine schöne und ganz wichtige Spielstätte, wo anregendes und innovatives Theater gemacht wird.“ Zwar sei er als Intendant auch im TIF verantwortlich, aber er mische sich nicht ein.

Kann man gut ein Jahr vor dem Ende der beruflichen Arbeit schon Bilanz ziehen und sogar einen persönlichen Ausblick wagen? Schwer ist’s, natürlich, aber „ich glaube schon, dass das Schauspiel in Dresden gut dasteht.“ Der Spielplan der kommenden Saison, sein letzter, werde dokumentieren, was man leisten könne, wo man stehe.

Die Nachfolge ist geregelt – beruhigend für Görne, der seit 1990 als Intendant und vorher als Chefdramaturg dem Haus wichtige Impulse gegeben hat. Wichtig ist das auch deswegen, weil der in Heidenau bei Dresden geborene Görne „ganz gründlich loslassen möchte“: Er lehrt an der Hochschule für Bildende Künste Dresden Theatergeschichte und Dramaturgie und würde das gerne auch weiterhin tun – aber ins Theater will er definitiv nur noch als Besucher gehen. Das aber gerne!

Ulrich van Stipriaan

Veröffentlicht in: trialog 2/2000
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