Die Unschuld verloren

Eine Wanderung entlang der Weißeritz hat im Herbst des Jahres 2002 prinzipiell den gleichen Reiz wie vor einem Jahr – und doch ist sie anders, denn das Hochwasser vom August hat seine Spuren sehr nachhaltig hinterlassen. Aber: Wenn nach der Flut der Flüsse nicht die der Pleite im touristischen Bereich kommen soll, braucht die Region Gäste. Und weil die Wälder über der Weißeritz eh über die Flut erhaben sind, spazierten wir die Weißeritz entlang als sei nichts gewesen.

Von Freital-Hainsberg sind es 18 Kilometer bis zum Mittelpunkt Sachsens. Soweit soll es dieses Mal nicht gehen, sondern lediglich rechts der Weißeritz nur leicht bergan (und somit recht gemächlich) gen Tharandt. Der Fluss hat sich aufs normale Maß reduziert und plätschert gemächlich durchs Tal. Allenfalls die unglaublich ungewöhnlich aufgeräumten Flächen links und rechts der Weißeritz lassen darauf schließen, welche Wassermassen sich im August vom Tief „Ilse“ via Gebirgsbächlein und -flüssen ihren zerstörerischen Weg durchs Tal bahnten: Niederschlagsmengen zwischen 250 bis 407 Liter pro Quadratmeter, das Drei- bis Vierfache der normalen Monatsmenge und etwa 40 Prozent des gesamten Niederschlags in einem Jahr!

Der Heilsberger Park wurde im 18. Jahrhundert geschaffen – teilweise stehen die Bäume, die 1760 gepflanzt wurden, immer noch. Merke: Goethe hätte auch hier seinen Gingko besingen können. „Im Gebiet sind alle Handlungen verboten, die zur Zerstörung, Beschädigung oder nachhaltigen Zerstörung des geschützten Landschaftsbestandteils führen könnte“ steht auf dem Schild am Parkplatz, das die Weißeritz leider nicht lesen konnte, so dass die ganze Gegend ihre Unschuld verloren hat.

Der Weg nach Tharandt führt vorbei an Fliegenpilzen und Bäumen, die direkt aus dem Felsen kommen. Am Ende des Waldwegs eine Brücke, die früher einmal die Eisenbahnstrecke überquerte. Diese wiederum wurde mit einer Brücke über die Weißeritz geführt. Die gerade fertig gestellte Eisenbahn gibt es nicht mehr, die Weißeritz hat die Schienen unterspült, weggerissen. Die Erneuerung der Strecke (und damit die Bahnanbindung nach Dresden) wird sicher ein bis zwei Jahre dauern. Bis dahin fahren aber Busse: Abgeschnitten von der Welt ist Tharandt nicht!

Ähnlich heftig hatte es die Forstwissenschaftler der TU Dresden getroffen – hier wie überall ist es mittlerweile zumindest äußerlich aufgeräumt. Zwei provisorische Brücken erschließen die Insel mit dem Cotta-Bau. Auf dem Weg zur Burg lohnt der Blick zurück ins Tal: Das Gelände ist freier als noch vor drei Monaten: Die Flut hat ganze Häuser weggerissen oder dermaßen zerstört, dass sie abgebrochen werden mussten.

Die Burgruine über Tharandt erzählt eine ältere Geschichte. Die Burg ist erstmals kurz nach 1200 erbaut worden. Burghauptmann Boriwo de Tarant verdanken wir die erste urkundliche Erwähnung – sie stammt aus dem Jahre 1216. Das Bauwerk hielt nicht lange und erlitt das übliche Burgenschicksal: Abgebrannt. Heinrich der Erlauchte baute sie nach dem Brande im Jahre 1224 wieder auf (oder, korrekter: er ließ sie wieder aufbauen…). Die Urkunden berichten von vielen Aufenthalten des Markgrafen in den Jahren von 1242 bis 1282.

Sehr nett formuliert der Texter der Webseiten der Burg, was später passierte: „In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erlebte die Burg nochmals eine Blütezeit. Herzog Albrecht von Sachsen hielt hier sein Beilager mit der böhmischen Königstochter Zedena (Sidonie), die Tharandt während dessen Abwesenheit zu Reichsdiensten oft zum Aufenthalt und nach seinem Tode im Jahre 1500 ganz zum Wohnsitz nahm, wo sie auch 1510 starb. Nach ihrem Ableben wurde die Anlage kaum noch genutzt.“

Ob der bald folgende Blitzschlag (und der damit verbundene Brand) ein Fingerzeig Gottes wegen des erwähnten Beilagers war, ist nicht überliefert. Jedenfalls wurde die Burg unbewohnbar und ihr Material ab 1568 für diverse Bauvorhaben genutzt. 1631 heißt es: „Die Burg ist gantzlichen eingegangen.“

Teile der Burg Heinrichs des Erlauchten allerdings sieht man noch: Die romanische (um 1250 entstandene) Pforte wurde beim Bau der Kirche (1626-1629) versetzt und ist heute noch Teil der Kirche: beeindruckend, aber baulich nicht wirklich korrekt.

Während die Bergkirche als Teil der Unterburg fortbestand, wurde die Oberburg erst einmal ihrem Steinbruch-Schicksal überlassen. Friedrich Schiller, 1787 zu Gast in Tharandt, beklagte sich über das furchtbare Durcheinander. Anscheinend hat dann jemand aufgeräumt, denn am 3. September 1800 notierte Burgruinenbesucher Heinrich von Kleist: „Es war ein unglückseliger Einfall, die herabgefallenen Steine wegzuschaffen und den Pfad dahin zu bahnen. Dadurch hat das Ganze aufgehört eine Antiquität zu sein.“ Insgesamt ist er aber dennoch ganz angetan, schwärmt ein wenig von der „schäumenden Weißeritz“, von „schroffen Felsen“ sowie „Birken und Tannen“. Später kamen noch andere Popstars ihrer Zeit, darunter auch die Vielreiser Goethe (1813) und Alexander von Humboldt (1830). Und nun wir: Wir finden es romantisch, zumal die Fensteröffnungen in den Mauerresten immer wieder neue Blicke auf den Herbstwald freigeben. Praktischerweise ist unterhalb der Burg zwischen Kirche und Tharandter Schloss ein Restaurant, so dass die Frage nach einer Rast schnell positiv beantwortet werden kann.

Neben der bereits erwähnten Weißeritz, die hier die „wilde“ heißt und sich stromab in Freital mit der „roten“ zusammentut, gibt es als Gewässer noch den außerhalb des Heimatkundebereichs unbekannten Schloitzbach – und natürlich ganz viel Wald rundherum. Der Tharandter Wald gehört zu den schönsten Wandergebieten in Sachsen. Rund 200 Kilometer gut ausgeschilderte Wanderwege reichen aus, trotz vor allem am Wochenende erheblichen Begängnisses nicht das Gefühl von Massentourismus zu bekommen. Neben den bereits erwähnten Fliegenpilzen findet man auch eine Menge essbarer, wobei die Sachsen schon morgens früh „in die Pilze rammeln“ und mit geschultem Auge die feinsten Steinpilze finden, die sie dann körbeweise nach Hause tragen. Wer da am frühen Nachmittag zu suchen anfängt, findet also nur Vergessenes (und erntet statt Pilzen gelegentlich Grinsen entgegen kommender Wanderer: Wer zu spät kommt…)

Ulrich van Stipriaan

Originalbeitrag STIPvisiten

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