Samstag der Vierzehnte

Den Freitag hatte ich gut überstanden, obwohl er auf einen 13. fiel. Für den Samstag gab es eine Verabredung mit Martina – zu einer für beide ungewohnten Zeit: halb neun. Aber wer umzugsbedingt am Vortage des dritten Advent zu IKEA müssen will, um die Küche zu komplettieren, kann gar nicht früh genug auf den Beinen sein.

Ich stand also um kurz nach sieben auf, holte die wegen schwindender Anzeigen nicht mehr ganz so dicke Süddeutsche aus dem Briefkasten, setzte einen 3-Tassen-Kaffee auf und schickte das am Vorabend gekaufte Mohnbrötchen durch den Minibackofen, damit es Frische vorgaukele.

In der Zeitung stand viel drin. Ich amüsierte mich köstlich bei Herbert Riehl-Heyse und seiner Reportage zum Thema 50 Jahre Deutsches Fernsehen, fand Erschreckendes zur Freiheitsberaubung im Internet, lernte kühne Erfinder und getriebene Dilettanten kennen und musste mich wundern, dass es in Detmold ein art kite museum gibt.

Um neun Uhr klingelt das Telefon, und dank moderner Technik im engen Zusammenspiel mit individueller Programmierung stand auf dem Display „Martina“. Ich hob ab und sagte begrüßungslos nur einen Satz: „Martina, ich habe dich total vergessen und gemütlich gefrühstückt. Ich komme jetzt sofort!“ Martina berichtete mir später im Auto, dass sie dank meines Nichtkommens habe Staub wischen können und dafür sehr dankbar sei.

Der Einkauf fluppte wie nüscht: Keine Schlangen am Küchenteilebestellcomputer und an der Kasse. Es passte sogar alles ins Auto, wir mussten wegen eines halben Zentimeters Kistenüberstand nur zweimal wieder auspacken und alles neu sortieren.

Auch Teil eins des Zusammenbaus in der Mittagszeit ließ keine Wünsche übrig: Alles passte, nichts blieb übrig, nichts fehlte. Um zwei trennten sich unsere Wege, denn es gab andere Termine. Wir verabredeten uns auf den Abend, um bei einem Gläschen Rotwein weiter zu basteln und die Küche ihrer Vollendung näher zu bringen.

Weil es ja Wochenende war, kam ich nicht allein, sondern mit Frau und Rotwein aus dem Weinkeller. Vernünftig wie wir meistens nicht sind, begannen wir den Zusammenbau der Schubladen vor dem Rotweinschwatz. Die erste fügte sich wie aus dem Bilderbuch zusammen, die zweite habe ich verkrüppelt: Falsche Blende! Da hätte die kleine hin gemusst und nicht die große. Was mit einem „Click“ wunderbar zusammen geflutscht war, musste nun wieder getrennt werden. Das kommt aber in der Zusammenbaubilderanleitung nicht vor. Also beraumten wir, drei Studierte mit je zwei linken Händen, eine Debattierrunde mit Rotwein an, um diesen nicht vorgesehenen Job zu bewältigen. Es war kurzweilig und klappte nach drei Anläufen sofort. Im großen Tohuwabohu auseinander genommener zweier Schubladen gelang es mir dann, die andere Schublade zusammen zu bauen, und zwar wieder falsch: Da hätte die große Blende hin gepasst, aber nicht die Kleine. Lachend griffen wir zum Wein: Wir wussten ja nun, wie man das alles wieder auseinander friemelt!

Nun aber aufgepasst! Alle Teile des dritten Anlaufs passten zusammen – zumindest laut Anbauanleitung. Aber während es links vorschriftsmäßig „Click!“ machte, wollte der Nippel rechts nicht einrasten. Kein Grund auszurasten: Wir wussten ja, wie man das macht: Rotwein nachschenken, ein Schlückchen nehmen und mit dem Schraubenzieher einerseits und etwas Gewackel andererseits die Holzverkleidung aus dem Seitenteil rappeln.

Irgendwie klemmte es, aber wo ein Wille ist und die Erfahrung vorhergehender Versuche, da sollte doch…

…Ich hatte die Schublade in der Hand, ohne das Clickteil. Die Schrauben aus dem Holz gebrochen, der Steckmechanismus fest im Seitenteil verclickt, Wir sahen uns an, mit Blicken zwischen Verzweiflung und Amusement ob der praktischen Veranlagung dreier Geistesgrößen.

Aus den Restbestandteilen des Küchenschubladenbastelsets veruchten wir erneut eine Schublade herzustellen. Wie verhext wollte es auch hier rechts nicht rasten. Wir entfernten sanft (ja ja) links das Geclickte, tauschten rechts Seitenteil und Clicker – Ergebnisse negativ.

„Lass man gut sein, wir gehen das einfach umtauschen!“ befand Martina, setzte sich aber hin, um den Mechanismus genauer anzusehen. Das war als ob ich in den Motor meines Autos sehe: Was da warum was macht, bleibt mir immer ein Rätsel. Irgendwann saßen wir alle nicht mehr auf dem Fußboden, sondern am Tisch. Rotwein ohne fertige Küche schmeckt dennoch gut. Wir plauderten in den Sonntag hinein, gähnten Goodbye und verabredeten uns locker für Montag zum Umtausch („oder schlimmstenfalls Neukauf“) bei IKEA.

Montag am Morgen. Das Handy signalisiert eine SMS. Martina schreibt: „Hallo Uli. Du wirst es nicht fassen! Mein Schrank ist aufgebaut mit allem Drum und Dran! Danke Dir schon mal. Liebe Grüße Martina“

Natürlich war es eine gute Freundin, die es am Sonntag geschafft hatte. Sogar die ausgerissenen Schrauben fanden Halt. „Mach Dir nichts draus!“ versuchte Martina mich zu trösten – „sie war halt frischer, und es gibt manchmal so Tage, wo nix klappt…“

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