Land unter an der Mole

KALENDER NORDEN
An der Grenzlinie zwischen Festland und Meer zu leben hieß schon immer, mit der Natur und den Naturgewalten im Einklang zu leben. So ist die Geschichte Ostfrieslands auch ein Nehmen und Geben von Land: Seit Jahrhunderten versucht der Mensch, dem Meer Land abzuringen – und was da manchmal in jahrhundertelanger mühsamer Plackerei gewonnen wurde, war immer wieder mit einem Rutsch weg: Sturmflut!

Kleinere Sturmfluten sind für die Bewohner der Küste nichts Besonderes: Vor allem wenn Mond und Sonne in einer Achse zur Erde stehen, addieren sich die Kräfte zur Springtide, es kommt also zu besonders hohen Wasserständen. Wenn es dann noch stürmt, kann es schnell zu einer Sturmflut kommen – das Wasser steigt einen Meter höher als normal.

Über derlei Sturmfluten kann man ruhig berichten, sie sind ehrlich gesagt auch das Sonntagsausflugsziel der Einheimischen („Mal eben na’n Water kieken!“). Komplizierter wird es bei schweren (Wasser 2 Meter über normal) oder sehr schweren Sturmfluten (mit drei Meter höherem Wasserstand), denn dann gerät der reguläre Rhythmus von Ebbe und Flut aus den Fugen.

Zum Beispiel 1962: In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 tobte der Orkan „Vincinette“ mit 130 Stundenkilometern über Norddeutschland hinweg. Die ganze Küste bis hin nach Hamburg. Die meisten Anwohner wurden überrascht, denn den Hamburgern ging es 1962 wie den Erzgebirglern 2002: Sie wurden nicht bzw. sehr kurzfristig gewarnt. Aus dem Archiv des NDR:

„Erst gegen 20 Uhr gab das Deutsche Hydrographische Institut in Hamburg eine Sturmflutwarnung für die gesamte Nordseeküste heraus: Das Hochwasser sollte einen Pegelstand von über 4,70 m über Normalnull erreichen. Das hatte es seit über hundert Jahren nicht gegeben. Am späten Nachmittag bereits hatten das Seewetteramt und das Hydrographische Institut die Rundfunkanstalten und die Behörden über den Sturm an der Nordsee informiert. Die Wetternachrichten berichteten jedoch nichts von einer Gefahr für Hamburg.“

Insgesamt starben 330 Menschen bei der Februarsturmflut vom 16. Februar 1962, die meisten in und um Hamburg. An der gesamten Küste brachen die Deiche ein – hauptsächlich war es die Wucht des Wassers, das durch den Orkan aufgepeitscht an den Deichen nagte. In Ostfriesland gibt es nur einen Deichbruch, ein Mensch stirbt.

Glaubt man den Chroniken, so hatte das Land in der Vergangenheit schon Schlimmeres auszuhalten, wie Heiner Schröder dokumentiert:

Erste Julianenflut vom 17. Februar 1164: Mönche des Klosters Wittewierum bei Groningen schreiben von 20.000 Toten an der ganzen Nordseeküste, Jadebusen und Leybucht entwickeln sich, an der Weser stand das Wasser zwölf Meilen im Land.

Marcellusflut vom 16. Januar 1219: Hagel und Vollmond begleiten die Sturmflut, praktisch keine Ebbe, sächsische Weltchronik spricht von 36.000 Toten.

Luciaflut vom 14. Dezember 1287: Wieder Tausende von Toten, Wasser stieg „fünf Fuß höher“ als jemals zuvor, ganze Siedlungen vernichtet, Menschen ziehen sich vor der vordringenden Nordsee zurück und gründen dabei neue Dörfer wie Osteel , Marienhafe oder Upgant-Schott.

Zweite Marcellusflut vom 16. Januar 1362: 100.000 Menschen sollen an der Nordseeküste umgekommen sein, Westermarschen und Teile Ostfrieslands überschwemmt, Leybucht, Harlebucht und Jadebusen werden durch die Flut vergrößert, bei Janssum bricht der Emsdeich, was zum ersten Dollarteinbruch führt.

Erste Dionysiusflut vom 9. Oktober 1374: Wasser soll noch höher gestanden haben als bei der Zweiten Marcellusflut, viele Deiche brechen, Norden und Marienhafe – heute kilometerweit vom Meer entfernt – werden Hafenorte, viele Dörfer müssen aufgegeben werden, beispielsweise Westeel in der Leybucht.

Fastnachtsflut vom 26. Februar 1625: Neumond und Sonnenfinsternis an einem Tag, außer ein paar Deichbrüchen keine großen Schäden und Opfer.

Weihnachtsflut vom 24. Dezember 1717: Die Sturmflutkatastrophe schlechthin, nach offiziellen Zahlen sterben 2.752 Menschen, danach müssen viele Bauern ihre Höfe aufgeben, das Wasser dringt bis nach Aurich und in die Geest vor, 930 Häuser werden weggespült und teilweise kilometerweise entfernt wieder abgesetzt, stellenweise verschwanden die Deiche völlig, Ostfriesland war danach an vielen Deichbruchstellen von Kolken übersät, die Menschen brauchen Jahre, um die Deiche wieder aufzubauen. Die Sturmflut stürzt eine ganze Region ins Elend.

Februarflut vom 3. und 4. Februar 1825: Regen, Hagel und Sturm leiten eine Flut ein, die Ostfriesland ähnlich überschwemmt wie 1717, vor allem Emden ist betroffen. Weil die Deiche in den letzten 100 Jahren deutlich erhöht worden sind, hält sich die Zahl der Todesopfer an der gesamten Küste mit rund 200 noch in Grenzen.

Sturmflut vom 27./28. Januar 1901: Sturmflut wirkt sich vor allem an der Ems aus: Die Stadt Leer wird überflutet.

Sturmflut vom 13. März 1906: An vielen Orten der Nordseeküste werden die bislang höchsten Wasserstände gemessen, trotzdem halten die Deiche

Sturmflut vom 16. Februar 1916: Hohe Wasserstände und kritische Situationen, aber nur in der niederländischen Zuiderzee kommt es zu großen Schäden. Die Niederländer planen nach dieser Sturmflut den 1926 verwirklichten Abschlussdeich, der das Ijsselmeer von der Nordsee trennt.

Hollandflut vom 31. Januar/1. Februar 1953: In den Niederlanden sterben 2.000 Menschen, kurz bevor die Sturmflut die deutsche Küste gefährdet, flaut der Wind ab.

Februarsturmflut vom 16. Februar 1962

Wie immer nach Katastrophen hat man geglaubt dazuzulernen. Norddeich Mole ist nicht mehr wiederzuerkennen: Was da noch 1962 wie ein Finger mit Bahngleis ins Meer ragte, ist nun schon fast Binnenland, und nur mühsam wird die Fahrrinne für die Schiffe zu den Inseln vom Schlick frei gehalten.

Der Deichquerschnitt der 425 Kilometer Hauptdeiche an der Küste zwischen Ems und Weser (und an den beiden Flüssen) ist verändert, damit einhergehend sind die Deiche erhöht worden. Fertig wird man nie an der Küste mit derlei Vorhaben:

Die Bezirksregierung Weser-Ems als Obere Deichbehörde im genannten Bereich nennt als „noch notwendige Küstenschutz-Baumaßnahmen rund 190 Kilometer Deicherhöhungen sowie rund 180 Kilometer Deichverstärkungen“.

Wenn sie damit fertig sind, steht zu befürchten, kommt die nächste Flut. Und die nächste große Flut ist immer stärker als man dachte.

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