Im Innern der Frauenkirche

Seitdem im Sommer vergangenen Jahres die vom Gerüst befreite Kuppel der Frauenkirche wieder die Silhouette der Stadt prägt, ist äußerlich kaum noch eine Veränderung am Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche festzustellen. Das Wetterschutzdach markiert nun den Umriss der “Laterne”, wie der Abschluss oberhalb der Kuppel genannt wird. In diesen Tagen macht sie dem Namen mehr Ehre als wahrscheinlich nach der Fertigstellung, denn nach Einbruch der Dunkelheit ist sie von innen beleuchtet. Durch die Folie des Wetterschutzes wirkt das Licht diffus – in der Tat wie eine Laterne.

In wenigen Monaten wird die Laterne fertig gestellt sein, am 22. Juni wird das über 7 Meter hohe Kuppelkreuz, das ein englischer Kunstschmied nach Originalvorlagen fertigte, den Abschluss der dann 91 Meter hohen Kirche bilden. Am 30. Juli ist die Frauenkirche in ihrer äußeren Gestalt vollendet. Erst dann wird stimmen, was übereifrige Agenturjournalisten schon im vergangenen Sommer falsch in die Welt hinaus posaunten: Dresden hat sein Stadtbild wieder. Schön für die Fotografen!

Von der Öffentlichkeit weniger stark beobachtbar ist, was sich im Innern der Kirche abspielt. Bei (m)einem ersten Besuch im Innern der Frauenkirche am 10. August 2002 – zwei Tage vor der Flutkatastrophe – gab es erst eine Probeachse und zaghafte Versuche, beim Rundgang durch die Kirche am 8. Februar 2004 sah es schon ganz anders aus: Im Altarraum zeugen Gerüste vom geschäftigen Treiben, das hier werktags herrscht. Die Kuppel – 2002 noch gar nicht fertig, wird ausgemalt. Auf zwei Feldern sieht man Bilder – eins ist erheblich kräftiger als das andere, das dafür mit mehr mehr Details aufwartet: Probebilder verschiedener Künstler, die der Entscheidungsfindung dienten.

Anfang Januar dieses Jahres hatte die Geschäftsführung der Stiftung Frauenkirche entschieden, den Kunstmaler Christoph Wetzel mit der Ausmalung zu beauftragen. Wetzel hatte bereits im August 2003 den Evangelisten Lukas in einem der Felder gemalt. Ab April wird er nun die weiteren Bildfelder mit Motiven der Evangelisten und Allegorien der christlichen Tugenden ausmalen – ein spezielles Drehgerüst ist bereits montiert.

Trotz der auch ansonsten allgegenwärtigen Gerüste im Innenbereich schafft es die Wintersonne zwischen zwei Schneeschauern, die Kirche in interessantes Licht zu versetzen. Wenn erst einmal alle Fenster frei sind, wird das sicher ein faszinierendes, jahreszeitlich wechselndes, Lichterspiel werden.

Die mittlerweile weltweit bekannte Frauenkirche kommt, aller das Stadtgesicht prägenden Optik zum Trotz, mit eher bescheidenen Maßen aus. 41 mal 41 Meter Grundriss, 91 Meter Höhe – andere weniger beachtlichen Bauwerke haben größere Ausmaße. Aber erstens duckt sich die Umgebung und lässt den Blick auf die Kuppel (sie beginnt in etwa 40 Meter Höhe) mit abschließender Laterne und Turmkreuz frei. Und zweitens hat George Bähr mit den Maßen der Frauenkirche offensichtlich ein über die Grenzen sächsischen Empfindens hinaus gehenden Nerv getroffen: Die Proportionen der Kirche stimmen, sie sieht, in einem Wort gesagt, schön aus.

Der subjektive Eindruck einer nicht überdimensionierten Kirche verstärkt sich innen – obwohl dort rund 1.700 Menschen Platz finden werden. Die architektonische Geschlossenheit des barocken Innenraums vermittelt sich schon jetzt, obwohl überall Gerüste stehen. Die fünf halbkreisförmige Emporen sind bereits erkennnbar, die Ausgestaltung nimmt langsam Gestalt an. Immer wieder bleibt man beim Rundblick an fertigen und halbfertigen Details hängen…

Bis zur inneren Kuppel fährt ein Aufzug hoch – er wird, nach der Einweihung der Kirche am 31. Oktober 2005, nur noch Behinderten zur Verfügung stehen. Die Treppen hinaufzugehen ist aber keineswegs Last, sondern vielmehr Lust: Blicke eröffnen sich in den Kirchinnenraum und immer wieder durch die Fenster nach außen auf Dresden und (bei guter Sicht) bis ins Elbsandsteingebirge.

Auf dem Ring der inneren Kuppel stehend erfährt man eine neue Dimension: Die Gemälde der Kuppel sind natürlich näher, man erkennt die raffinierte Mischung aus Sandstein, Farbe und Blattgold bei Detailausschmückungen – und der Blick hinab wirkt weit Ehrfurcht einflößender als der von unten hinauf.

Aber es geht noch höher hinauf. Die von außen sichtbare Kuppel, die einzigartig auf der Welt ist und der Kirche den Beinamen “steinerne Glocke von Dresden” gegeben hat, beginnt ja erst über der inneren. Ein Gang windet sich spiralförmig und stufenlos bis zur Plattform der Laterne hoch. Sie ist im Moment noch Baustelle und vom Wetterschutzdach umgeben. Wenn sie offen ist, dürfte es hier ganz schön zugig sein. Der Ausblick lohnt allerdings die Mühe! Wie man hört, zerbrechen sich die Verantwortlichen heute schon den Kopf, wie man die erwarteten Touristenmassen auf die verhältnismäßig enge Plattform lassen soll – der Aufstieg ist auf den letzten Metern nicht sehr großzügig, weil George Bähr zwar an vieles gedacht hat, aber nicht an die Vermarktung der Kirche im Zeitalter des Massentourismus.

Ulrich van Stipriaan

Originalbeitrag STIPvisiten 13. Februar 2004

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