Gesichter auf Kirschkernen und Gold in Hülle und Fülle

Das Grüne Gewölbe in Dresden

Der Hofstaat zu Delhi am Geburtstag des Großmoguls Aureng-Zeb

Dirk Syndram ist einer der witzigsten Museumsdirektoren Dresdens. Wenn der promovierte Ägyptologe und Direktor des Grünen Gewölbes von Dresden redet, dann hängen alle an seinen Lippen: So spritzig können nur wenige die hehre Kunst vermitteln, und man ahnt: Der Job macht dem Mann Spaß.

Dirk SyndramIn diesen Tagen vor der Wieder-Eröffnung des Grünen Gewölbes ist Dr. Dirk Syndram ein gefragter Mann, denn das “Grüne Gewölbe”, die Schatzkammer August des Starken und einer der bei Besuchern begehrtesten Anziehungspunkte der an Höhepunkten nicht armen Dresdner Museumslandschaft, wird wieder seine Tore öffnen. Als Schlossdirektor hat er vor etwa einem Jahr die museale Konzeption für das Dresdner Residenzschloss vorgelegt – nun beginnt sie Gesicht anzunehmen. Seit Februar war die Schatzkammer geschlossen, die seit1958 im Albertinum bei den Neuen Meistern Dauergast war. Nun ist das “Neue Grüne Gewölbe” dort, wo es seit 1729 ursprünglich war: Im Residenzschloss. Das “Neue” ist eine Etage über den historischen Gewölberäumen angesiedelt, die zum Stadtjubiläum im Jahr 2006 ebenfalls reaktiviert werden.

Doch bis dahin kann man sich erst einmal die 1.020 Kunstwerke ansehen, die in fast 200 Vitrinen in zehn Räumen untergebracht sind. Modernste Technik sorgt für gutes Klima in den Vitrinen, die Beleuchtung ist ausgeklügelt und außerhalb der Vitrinen angebracht – die Wärmebelastung in den Vitrinen ist dadurch minimiert, und dank entspiegelter Gläser kann der Besucher dennoch alles bestens sehen. Blendschutz in den Fenstern reduziert das Tageslicht, gibt aber immer wieder lohnenswerte Blicke auf die berühmte Dresdner Kulisse frei.

Grünes GewölbeDas Grüne Gewölbe steckt voller Hingucker – das ist kein Museum für den eiligen Besucher. Zum Beispiel im “Mikro-Kabinett”: Da finden sich im südwestlichen Eckturm des Schlosses die mittlerweile berühmten Kirschkerne. Syndram merkt mit Blick auf die Chip-Technologen vor den Toren der Stadt verschmitzt an, dass Dresden offensichtlich schon seit Jahrhunderten führend in der Kern-Technologie sei…

Der Kirschkern mit geschnitzten Köpfen aus der Zeit kurz vor 1589 zeigt – offensichtlich je nach Zählweise – 185, 85 oder (derzeit gültiger Wert) 113 menschliche Gesichter. Nachzählen ist rein theoretisch möglich, macht aber schwermütig…

“Das Goldene Kaffeezeug” aus der Werkstatt von Johann Melchior Dinglinger ist eines der berühmtesten Prunkstücke des Grünen Gewölbes. 1697 bis 1701 entstand es – in einer Zeit, wo Kaffee, Kakao und Tee gerade in Mode kamen. Modeschmuck ist das Kaffeezeug aber nicht: Hauptmaterial ist Gold, auch die Tassen haben einen massiv goldenen Körper. Das Grundthema der vier Elfenbeinskulpturen sind die Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde; diese Themen finden sich auch auf den Tassen und den anderen Bestandteilen des Goldenen Kaffeezeugs wieder. Ansonsten steckt auch dieses Ausstellungsstück voller Details – bei der Mitternachtsführung während einer Dresdner Museumsnacht hatte Dirk Syndram noch in den alten Räumlichkeiten über eine Stunde faszinierende Details gezeigt…

Ebenfalls im Dinglinger-Saal steht das Kabinettstück “Der Hofstaat zu Delhi am Geburtstag des Großmoguls Aureng-Zeb.” Dieses einzigartige Hauptwerk der europäischen Juwelierkunst des Barock hat Johann Melchior Dinglinger mit seinen Brüdern und 14 Gehilfen zwischen 1701 und 1708 ohne Auftrag geschaffen. Sie kannten ihren Kurfürst und dessen Spleen nur zu gut: August der Starke kaufte das Kunstwerk. Und er bezahlte gut – der Preis entsprach in etwa dem des Ritterguts Pillnitz, das August der Starke seinerzeit für die (damals noch geliebte) Gräfin Cosel erwarb.

Weniger aufwändig und doch einen Hingucker wert: Der “Koch, der auf dem Bratrost geigt”. Ein unbekannter Künstler schuf diese Groteskfigur aus Barockperlen, Gold, Email, Silber, Diamanten und Eisen. Eigentlich sieht der Koch mit seinem großen Kopf und den kurzen Beinchen ja ganz nett aus, aber noch mehr Vergnügen bereiten die Details. Am Rücken hängt eine Gans, am Diamantbesetzten Gürtel trägt er Feldflasche und Messer. In der rechten Hand hält der Koch einen Bratenspieß, mit dem er den Bratenrost Musik entlocken will – was der gute Koch trotz eindeutiger Haltung wohl vergeigt haben dürfte…

Ulrich van Stipriaan

Originalbeitrag STIPvisiten · 09/2004

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