Vom Wandern

Reisetagebuch La Gomera (7)

Vom Wandern

Willst du eine Landschaft in ihrer Schönheit erfahren, musst du sie erlaufen, sagt Sylke immer. Das ist sehr schön formuliert – und es stimmt. Das Problem ist für einen Schreibtischhengst wie mich natürlich, dass Wandern im Churchill’schen Sinne Sport ist und ich eigentlich seiner No-Sports-Theorie bedingungslos folge. Doch wo die Liebe hinfällt…

…macht sogar das Wandern Spaß. Mal abgesehen davon, dass sich hier ganz neue Einkaufswelten erschließen, die nahezu alle mit dem Wort “Funktions…” beginnen, erlebt man in der Tat eine Menge Dinge, die man so nicht für möglich gehalten hat.

Da ist zum Beispiel die Sache mit der Trittsicherheit und der Schwindelfreiheit, von der man (meist in dieser Kombination) in einschlägigen Wanderführern oft und gerne liest. Als Journalist ist mir Schwindelfreiheit natürlich fremd, mir wird schon schwummrig, wenn ich andere in der Nähe eines Abgrunds sehe. Wenn ich selbst schmale Wege, also solche mit weniger als 100 Zentimetern asphaltierter Breite, zu beschreiten habe, gibt es einige unbeschreibliche Symptome, die ich im Folgenden einmal zu beschreiben versuche.

Zuerst erwähnen sollte man das das “Immer-an-der-Wand-lang-Syndrom“. Das besagt, dass bei einem Abgrund rechts und einem nur leichten Halt (Wand, Stein, wasweißich) links man natürlich scharf links geht – und umgekehrt. Bei Wanderungen mit sich steil den Berg herauf- oder – noch schlimmer! – herabwindenden Steilkehren braucht man mithin mal die linke, mal die rechte Hand zum Abstützen. Wenn’s weder rechts noch links einen Halt gibt, ist das für Nichtschwindelfreie doof und führt zum frühkindlichen Krabbeln, aber das ist schon Teil des zweiten hier zu behandelnden Phänomens.

Das “Prinzip der kleinen Schritte” ist nämlich nicht nur in der Politik beliebt, sondern auch ein Automatismus, der sich bei nicht schwindelfreien Wandergesellen einstellt, sobald es kritisch wird (kritisch ist ein anderes Wort für: es geht links oder rechts oder um Himmels Willen doch bitte nicht links und rechts steil runter). Aus forschem (hihi) Wanderschritt wird dann nämlich ein nahezu der Madame Butterfly ähnliches Trippeln: Sorgsam tasten sich die Füße voran, aber eben nur in ganz kleinen Schritten. Die kleinen Schritte, sorgsam bedacht und gesetzt, werden von kräftigem Klammern der jeweils wandnahen Hand begleitet. Und was ist, wenn es da nix zum Festhalten gibt? Dann geht es in den Duckmodus, der sozusagen eine reifere Version des frühkindlichen Krabbelns darstellt.

Es versteht sich, dass einem (=mir) diese Gangart peinlich ist, weswegen ich erstens nie verraten würde, dass sowas möglich ist und zweitens immer als Letzter wandere schleiche. Ganz schlimm ist es natürlich, wenn sich jemand von denen vor einem umdreht – fürsorglich gemeint, sicher, aber irgendwie auch belastend, weil er (oder sie) ja dann das ganze Elend sieht.

Wird der Weg wieder breiter und weniger abfallend, kommen der Mut und die Sicherheit übrigens schnell wieder zurück, und erst recht beim abendlichen Bier / Wein – da war’s dann, aus der Rückschau, alles gar nicht mehr so schlimm und ganz toll!

Zumindest offiziell, denn wenn die anderen dann erzählen, dass “heute es alles ganz harmlos war”, dann ist es wieder da, dieses mulmige Gefühl in der Magengegend, und man denkt sich, während man laut lachend “Genauuuuuu!” juchzt: “Wenn ihr nur eine blasse Ahnung von meinen Ängsten hättet…”

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