Die Bucht der verlorenen Schuhe

Apulische Augenblicke (12)

Schuhe

Plötzlich lag sie vor mir, einsam, verlassen, getrennt vom Partner, der ihn Zeit ihres Lebens in guten wie in schlechten Zeiten begleitet hatte: eine doppelt geschnallte Sandale mit Halteriemen an der Ferse. Gleißendes Licht umspielte die Verlassene, die aufrecht im Sand lag. Ich bedauerte die Sandale, versuchte sie zu trösten („weißt du, beim letzten Waschgang fand ich auch eine verlorene Socke – so was kommt vor!“) und ging weiter.

Nach nur wenigen Minuten traf ich auf zwei weitere Alleingelassene, die sich offenbar gerade getroffen hatten: Ein schwarzer Flipflop aus „Itale“, die Richtung Westen geht, begegnet steuerbord eine blaue Flopflip mit blassblauem Plastikschmetterling vorne, der ostwärts steht. Die Blaue scheint etwas zu haben: Sand in den Schuhen und ein unwirscher Blechdraht deuten darauf hin, dass irgend etwas nicht stimmt.

Ich gehe weiter, nachdenklich. Das waren nun in kürzester Zeit schon drei einsame Schuhe – ein linker und zwei rechte. Hatte das etwas zu bedeuten? Ich konnte nicht lange nachdenken, denn ich traf Fila, eine blaue alte Dame mit zermürbtem Leder – und voller Sand! Und nicht nur das – beim zweiten Blick musste ich erkennen, dass hier nun wirklich alles zu spät war: Das Vorderblatt begann sich bereits aufzulösen, der Reißverschluss zwischen Quartier und Zunge steht schlapp offen.

Wenig weiter nur stolpere ich beinahe über eine Sandalette. Auch sie hatte ihr eigentliches Leben deutlich hinter sich gelassen. Ein Stoffstriemen hing nur noch an einem zerrottetem Faden, die lila Blüten, einst als Schmuck gedacht und eine Zierde des schlanken Fußes der Trägerin (sie war hübsch! das sieht man der Sandalette jetzt noch an!) – die lila Blüten verblassen.

Ich ging weiter – und das jämmerliche Bild wollte gar kein Ende nehmen, Schuhsohle um Schuhsohle, ohne Rücksicht auf Material und Herkunft, alle lagen sie im Sand, alle allein, alle verlassen. Kein rechter Schuh fand sich für die linken verlassenen, kein linkes Stück findet den rechten Anhang. Nacheinander fand ich schwarzes Gummi, mit der Oberseite nach unten, eine Holzsohle mit Blümchenplastikriemen, ein schwarzes Plastikgestell, das wie ein Hummer gebeugt über dem Sand steht, ein bis auf Naht und Sohle zerfallener Mokassin, eine schwarze Sandale mit starker Profilsohle, eine weitere schwarze Sandale mit rostigen Schnallen (nein, kein Paar: beides rechte Füße!), eine einfache „37“, ein kleiner Schuh in bleue, ein frottierter mit bedruckter Sohle.

Wer hat diese Schuhe hier in der Bucht ausgesetzt? Wer hat sie, vielleicht nach turbulentem Liebesspiel in der Einsamkeit des Naturschutzgebietes, einfach vergessen? Und was ist mit den anderen, hier nicht liegenden, aber genau so einsamen Schuhen, die ihren Partner verloren haben?

Vielleicht ist es aber auch alles ganz anders. Vielleicht hat sich hier ja der Club der Einbeinigen getroffen und sich demonstrativ von den künstlichen Gliedmaßen getrennt, sie als Opfer der Adria übergeben – natürlich so, wie der Orthopäde sie geschaffen hatte. Für die Schuhe war dann keine Verwendung mehr, sie wurden der Freiheit dieses schönen Reservats überlassen…

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