Martina Franca

Apulische Augenblicke (8)

Sonntagnachmittag auf der Piazza

Wenn man aus einer Stadt kommt, die am liebsten im Barock verweilen würde bis in alle Ewigkeit, dann ist der Besuch einer Barockstadt natürlich eine Herausforderung. Martina Franca ist überall ein wenig barock – aber mit Dresden kein Vergleich! Ist das gut so? Ja, ist es: Martina Franca ist bürgerlicher Barock. Manchmal erinnern nur die opulenten Portale der ansonsten nach außen schlicht wirkenden weißen Häuser an barocke Baukunst, manchmal komplette Palazzi.

Martina FrancaUnser inoffizieller Wanderweg brachte uns nach einem Aufstieg entlang eines wenig attraktiven Pfades durch einige Gassen direkt zur Hauptkirche des Ortes, dem Dom S.Martino an der Piazza Plebiscito. Barock, natürlich, und nach all den Trullis mal was anderes! Vier Heilige stehen in den Nischen, und überm Portal sieht man den Heiligen Martin auf dem Pferd, wie er gerade seinen Mantel teilt. Dreht man sich um und wendet der Kirche den Rücken zu, öffnet sich der großartige Platz Piazza Maria Immacolata mit prächtigen Kolonaden im halbrund. Schöne Restaurants gibt’s da – aber für uns in Wanderklamotten erschienen sie nicht angemessen. Wir trauten uns in die Osteria Piazetta Garribaldi – alte Steingewölbe, weißes Tischtuch, Gerberasträuße in Keramikkrügen auf den Tischen. Angesichts der leicht vorgeschrittenen Zeit und unserer rustikalen Kleidung in Verbindung mit nebenan sitzenden vornehmeren Herrschaften fragten wir, ob wir auch nur eine Kleinigkeit zu essen bekommen könnten. Aber sicher doch!

Wie so oft bestellten wir die Antipasti und wurden nicht enttäuscht. Alles sehr einfach, aber alles sehr lecker – und nicht enden wollender Nachschub. Sowohl der Chef des Hauses als auch die Chefin brachten uns – wie die sorgenden Vogel-Eltern ihren piepsenden Jungen – immer wieder einen Teller mit dem Hinweis, das sei echt gut und wir sollten nur probieren. Wenn wir nicht irgendwann abgewunken hätten, hätte man uns nach Locorotondo zurück rollen können.

Arte FunebreAber wir wollten doch laufen! Zuerst durch die Stadt und ihre verwinkelten nahezu menschenleeren Gassen (später Sonntag Nachmittag!) – was einerseits auch wunderbar geklappt hat, andererseits aber so ganz ohne Plan und Führer doch nicht alles offenbarte, was man hätte sehen können. Wir sahen also nicht den prächtigen Palazzo Ducale, erlebten dafür aber die verschiedenen Phasen einer Fernsehaufzeichnung des offenbar wichtigen Bestattungsunternehmers Basile: Arte Funebre, die Kunst des Sterbens, im Interview mit einem kleinen knorrigen Typen – die Sendung hätte ich gerne gesehen.  Den Weg zum hiesigen Belvedere, von dem man ins Valle d’Itria und zum Start- wie Zielort Locorotondo sehen kann, haben wir gefunden. Den Blick hingegen, den schönen, fanden wir nicht: Wenn unterhalb der Terrasse gleich alles bebaut und mit Sat-Antennen zugepflastert ist, lohnt es sich nicht!

…Trulling home

MohnLang windet sich die Straße hinunter ins Land, den Barock lassen wir hinter uns und weitere Trullis des Itra-Tals liegen vor uns. Die Wegebeschreibung unserer Wahl war mal wieder befremdlich und passte an entscheidenden Stellen nicht – wir wählten daher die Variante, den Kirchturm des Zielortes anzusteuern und kamen auch tatsächlich an.

Der Weg zurück nach Locorotondo war länger als der Hinweg (weil nicht so gradlinig), aber er war auch liebreizender: Palmen, Olivenbäume, allerlei anderes Grün, Wein, Mohnblumen, Gerstenfelder, Gräser. Und Trullis, Trullis, Trullis. Vereinzelte und als Dorfansammlung, moderne und zerfallene: Die Kamera war schier besoffen von Zipfelmützen.

TrulliLocorotondo rückt näher, die Häuser bekommen Konturen, ihr Weiß changiert im Abendlicht ins Rötliche. Dennoch gibt es keinen Kitschalarm, was man der Landschaft ganz schön hoch anrechnen muss. Einzig der Aufstieg zur runden Stadt beginnt etwas merkwürdig: Man muss ganz mutig die Straße verlassen und auf einem Trampelpfad – natürlich an bellenden Hunden vorbei! – einen finsteren Tunnel ansteuern, der unter der Umgehungsstraße lang geht. Hat man das geschafft, ist die Welt aber sofort wieder in Ordnung: Eine lange Treppe führt zur Stadt hoch, vorbei an einer kleinen Kapelle und einem alten Steintor. Oben angekommen sind wir wieder am Belvedere und genießen im Abendlicht den Blick ins Land. Links der Straße unser Hinweg, hinten am Horizont Martina Franca, rechts die Landschaft des späten Nachmittags. Keine ausgezeichneter Wanderweg, aber: passt schon!

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