Oria

Apulische Augenblicke (10)

Um frischen Fisch zu bekommen, fährt man am besten ans Meer. In Villanova, dem Strandort von Ostuni, gibt es vier bis sechs (ich habe sie nicht gezählt) Fischläden – und alle hatten keinen Fisch. Als wir einmal abends da waren, fand ich das gut: Abends muss Fisch entweder noch ungefangen im Meer schwimmen (vom Fisch bevorzugte Variante) oder auf dem Herd stehen (meine Vorzugsversion). Aber jetzt, am Morgen? Wir wollten doch Pesce Spada kaufen, den von uns so geliebten Schwertfisch!

Wir hätten vor Ort in Carovigno suchen sollen: dort entdeckten wir – eigentlich schon auf dem Weg zu unserem Tagesziel – eine Pesceria, und sie hatten dort alles, auch Schwertfisch. Mama sagte den Preis an (22 Euro/Kilo) und verzog sich dann zu einem Schwatz mit anderen Kunden, Sohnemann wetzte die Messer und ging dem Prachtkerl an die Kiemen. Genüsslich schnitt er den Kopf ab, legte ihn (Johannes der Täufer lässt grüßen) wieder in die Theke, kümmerte sich ausgiebig-liebevoll um die blutigen Innereien und grinste uns an: ob wir kotzen wollten? Eine derbe Ansprache für einen Fischhändler seinen Kunden gegenüber, aber wir wollten nicht. Wir wollten den Schwertfisch! Je nach Durchmesser ein, zwei oder drei Tranchen – da sind wir seit unserem Erlebnis auf den Liparischen Inseln vorsichtig geworden! Drei Tranchen sind es geworden, 600 Gramm – gerade richtig für zwei Schwertfischliebhaber!

Vor dem Gewittter

Oria

Unterwegs nach Oria. Ein veritables Gewitter mit senkrecht niedergehendem Blitz und blitzartig (haha!) folgendem Donner. Es gab helle Stellen am Himmel, aber da fuhren wir nicht hin. Wir fuhren nach Oria, hielten vor dem Tor zum jüdischen Viertel, gingen zur Piazza Manfredi – ein sizilianischer König, dieser Manfred, Sohn von Friedrich II. Über den könnte man Bücher schreiben, man könnte auch viele über ihn bereits geschriebene lesen. Der Schwabe aus Sizilien hatte jedenfalls einen Narren gefressen an Apulien und dem Land vor 800 Jahren gut getan. Viele Städte berufen sich heute auf ihn, die schönsten Friedrich-Orte haben wir aber gar nicht gesehen (und müssen also noch mal hin, auf den Spuren des ganz alten Fritz, sozusagen). Oria verdankt seine Burg jenem „stupor mundi“ (dem „Staunen der Welt“ – ein netterer Beiname als des zuvor über Apulien gekommenen Robert Guiscard, den man „terror mundi“, Schrecken der Welt nannte). Friedrich II. war ein bemerkenswerter Mann, der eine eigene Apulien-Rundreise (mit entsprechend vielen netten Geschichten) wert wäre. Mal sehen, vielleicht in einem der nächsten Jahre…

Jüdisches Tor>Wir sind also in Oria. Es ist die alte Königsstadt der Ur-Apulier, der Messapier – die Geschichte reicht also weit zurück. Zwei Stadttore sind gut erhalten, wir begannen unseren Rundgang bei der Porta Ebra, dem „Jüdischen Tor“. Dahinter liegt – was dann nicht weiter verwundert – das ehemalige jüdische Viertel. Sehr heimelige Gassen und Häuser, viele Fotomotive! Wer durchs andere Tor kommt, der Porta Manfredi, landet hingegen mitten im Trubel des Hauptplatzes, der Piazza Manfredi. Tor wie Platz haben, wie bereits eingangs erwähnt, ihren Namen nach Manfred, König von Sizilien und Sohn von Friedrich II. Laut Wikipedia lebte Manfred 1231 – 1266, laut Straßenschlaumachschild in Oria 1232 – 1266. Auf jeden Fall war er aus der Liason mit Bianca Lancia der Jüngeren hervorgegangen. Der tolle Friedrich und die schöne Bianca hatten drei Kinder gemeinsam. Geheiratet hat der Kaiser seine Geliebte aber erst, als sie schon im Sterbebett lag – so konnte er Sohn Manfred für legitim erklären. Die wahren Geschichten von Friedrich II und seinen insgesamt 19 Kindern, davon die meisten außerhalb der offiziellen Ehe gezeugt und geboren, sind sicher auch spannend!

Antica Trattoria LuceAm oberen Ende der Piazza fällt ein schmales Haus auf – das ehemalige Gerichtsgebäude, in dem heute die Polizia Urbana beheimatet ist. Interessanter erschien uns aber ein äußerlich unauffälliger Bau am unteren Ende des Platzes, in Tornähe: Dort befindet sich die „Antica Trattoria Luce 1898“, ein eher schlichtes Restaurant. Sylke sah durchs Fenster rein, es war offensichtlich geschlossen – um halb drei ist das ja auch okay. Aber nichts da: Eine Signorina kam raus und bat uns rein. Sie ist nicht mehr die Jüngste, irgendwo zwischen 68 und 86. Ihre ältere und zumindest klappriger wirkende Schwester verzog sich gerade in die hinteren Gemächer. Die beiden haben die schönen Vornamen Chichina und Titina – aber ich habe versäumt zu fragen, wer denn nun wer sei!

Küche im Das Restaurant ist am besten mit dem Adjektiv „urig“ zu beschreiben, was sich vor allem auf die liebenswürdig diktatorischen Züge der allein regierenden Chefin bezieht. Ob wir essen wollten? Eigentlich nicht, wir waren nur neugierig, also sagte ich „Ja, natürlich!“ Auch trinken? Na klar: Wasser und Wein. Das reichte als Generalbestellung, und wir bekamen – sozusagen par ordre de mufti – Pasta al Forno. Normalerweise verbrennt man sich daran die Zunge, diese waren handwarm. Aber lecker: Makkaroni, Tomaten, Eier, vielleicht auch Käse. Dann kam ein Salat (extra-saurer Essig) mit frischem Brot, dann folgten Polpette – Hackfleischbällchen in Tomatensauce. Wir tranken Rotwein aus einer unetikettierten Flasche und zogen einen Limoncello den als Dolce offerierten Bananen vor. Fotografieren war – ich habe gefragt! – ausdrücklich erlaubt. Ich wurde sogar in die Küche gebeten, nachdem sie aufgeräumt war (und zwei Stunden später, als wir draußen zufällig wieder vorbei gingen, erneut herein gerufen: Ich sollte doch zusehen und fotografieren, wie sie Makkaroni macht). Ob 30 Euro für das Gastmahl recht seien, fragte sie uns nach dem Essen – wir bejahten, das war es wert!

KathedraleDoch Oria zu bummeln macht Spaß: Jede Menge Heilige grüßen aus Wandnischen, die Kathedrale (Spätbarock, falls das jemanden interessiert) bietet eine grün-gelb-violett bunt geflieste Kuppel und – sozusagen am anderen Ende, nämlich unten in der Gruft – 15 aufrechte Mumien – letztere sind allerdings nur auf Anfrage zu besichtigen, was wir uns verkniffen haben. Ganz weltlich: Beim Weg zum Castello trifft man hier auf eine Filiale der Deutschen Bank, gut bewacht von einem Mann mit schwarzer Sonnenbrille – obwohl es gerade mal wieder regnete.

Torre GuacetoDas Kastell, an dem nicht nur Friedrich II gebaut hat, sondern alle jeweils aktuelllen Herrscher, kann man besichtigen, wenn man will. Wir wollten nicht, weil es schon später Nachmittag war und es uns nach Natur lüstete und nicht nach Mauern. Also verließen wir Oria, um auf dem Heimweg m heimeligen Abendlicht schon mal die Küste zu inspizieren: „Torre Guaceto“ heißt das liebreizende Naturschutzgebiet, das sich vom Wasser bis ins Landesinnere erstreckt. Wir erklärten es zum Halbtagesausflusgziel – später also mehr darüber.

Pesce Spada

Abends zu Hause erwarteten uns drei Tranchen Pesce Spada, die wir kalt auswuschen, trockneten, salzten und pfefferten. Dann haben wir sie in wenig Öl in der Pfanne angebraten, gewendet und auch von der anderen Seite kräftig angebraten.

Ein Stück Butter begab sich in die Pfanne, gefolgt von einer geschnittenen Zwiebel und etwas gehacktem Knoblauch (ich glaub‘, es waren drei Zehen für uns zwei). Der Saft einer Zitrone, über den Fisch geträufelt, löschte alles ab. Ein Schluck Weißwein (der, den wir auch tranken!) kam hinzu, eine Hand voll klein gehackter glatter Petersilie ebenfalls.

Dazu gab es Blattspinat (mit Zwiebel und Knoblauch in Butter gedünstet).

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