Altamura und Gravina in Puglia

Apulische Augenblicke (15)

Altamura

Der Urlaub in Apulien war zweigeteilt: Nach dem Aufenthalt im eher unbekannten Carovigno mit reichlich Abstechern in die Umgebung folgte der Gargano mit der eher für touristischen Rummel bekannten Stadt Vieste. Den Weg vom einen zum anderen Quartier verbanden wir mit einem kleinen Umweg, um uns Altamura und Gravina in Puglia anzusehen.

Altamura

Eine gute Idee, samstags um die Mittagszeit in eine 65.000-Einwohner-Stadt hinein zu fahren. So gut, dass andere sie auch hatten: Wir stehen im Stau. Doch, das finde ich gut – gibt es doch auch dem Fahrer die Gelegenheit, dem bunten Treiben links und rechts der Straße zuzuschauen. Irgendwo scheint ein Markt zu sein – die Leute kommen gut bepackt aus dem Quartier zur Rechten. Wenn du die Stadt nicht kennst: Immer den größten Kirchturm im Auge haben und dahin, wo die Menschen her kommen!

Geklappt: Da ist tatsächlich ein Markt! Und dahinter lugen zwei Glockentürme hervor! Zwei Parksuche-Runden später sind wir mittendrin. Altamura, hatten wir gelesen, sei für sein Brot aus Hartweizen bekannt: außen kross und innen fluffig, und obendrein EU-geschützt. Quasi eine Art Dresdner Stollen, aber eben aus Brot und nicht in Dresden in Sachsen, sondern in Altamura in Apulien hergestellt. Wir haben es nicht probiert, weil die Chance auf einen Fehlgriff sicher hoch ist, wenn man sich nicht genau auskennt.

KathedraleDafür waren wir in der Kathedrale, die „Der Staufer“ der Stadt beschert hat. Er musste mal was tun, um die katholische Kirche zu beruhigen, namentlich dem Papst zeigen, dass er (Federico di Svevia) noch nicht vom rechten Glauben abgefallen sei. Und da Altamura noch keine große schöne Kirche hatte, ließ er eine bauen – es sollte seine einzige bleiben. Aber immerhin: mit prächtigem Löwentor und sowieso ganz schön gewaltig. 1232 wurde der Bau begonnen – das heißt also: was man heute dort an barocker Pracht sieht, kam später hinzu (aber das kennt man ja von Kirchen und Schlössern, dass sie nie fertig sind). Nach seiner noblen Geste, der Stadt eine Kathedrale zu schenken, war der Staufer dann wieder ganz er selbst: 1248 sorgte Frederick dafür, dass Papst Innozenz IV. die Kathedrale aus der Gerichtsbarkeit des Bischofs von Bari löste – sie wurde als „Pfalz-Kirche“ so eine Art Palastkapelle…

TreppeNatürlich gibt’s noch mehr in Altamura: In der Kathedrale eine Hochzeit, eine nette Schlendermeile (Corso Federico II di Svevo), eine Kirche der ehemaligen griechischen Gemeinde (San Nicola dei Greci), einen veritablen Palast (Palazzo Viti de Angelis) aus dem 15. Jahrhundert sowie ein Museum, das rund um den Skelettfund des Uomo di Altamura, des Mannes von Altamura belehrt. Außerdem gab es eine Riesenbaustelle, die uns bei der Weiterfahrt ein wenig narrte und noch 30 zusätzliche Minuten Besichtigung uninteressanter Vorortstraßen ohne Wegweiser bescherte. Aber da Sylke manchmal auch nach hinten sah, fand sie doch noch ein wegweisendes Schild und wir konnten raus aus der Stadt Richtung Gravina in Puglia.

Gravina in Puglia

Gravina in PugliaDie Schluchtenstadt über Grotten und Höhlen empfing uns mit einem Abenteuer und einem ungewollt besinnlichen Moment. Das Abenteuer bestand darin, mit einem zwei Meter breiten Auto durch einsachtzig schmale Gassen zu fahren. Okay, ich flunkere: das Auto war 1.687 mm und die Gasse 1.688 mm breit, aber aufregend war es vor allem, weil spätestens nach der zwölften rechtwinkligen Kurve nicht absehbar war, ob die Gassen sich noch weiter verjüngen wollten oder uns irgendwann auf einen Platz ausspucken würden.

Es war dann die Platz-Variante, aber lustig wurde es da nicht – ein beeindruckend langer Beerdigungszug bewegte sich langsam durch die Stadt. Die eher typische süditalienische Hektik wich, Vespafahrer stiegen ab, Männer nahmen sich den Hut vom Kopf, Automotoren wurden abgestellt. Später, beim Rundgang durch die Stadt, sah ich an der Kathedrale, dass sie den elfjährigen Giuseppe an diesem Tag zu Grabe trugen.

AntipastiVor dem Rundgang (und also auch bevor einem bildlich gesprochen der Kloß im Hals stecken bleiben konnte) sind wir unserer Lieblingsbeschäftigung nachgegangen: Wir haben ein Restaurant gesucht, das einen leidlich untouristischen Eindruck machte. Die Trattoria zia Rosa war in unserem Reiseführer als Tipp empfohlen – und wir können das Urteil bestätigen! Die Antipasti waren reichlich, einfach und gut, und natürlich konnten wir auch auf hausgemachte Nudeln mit Ruccola und Käse sowie Kaffee und Keks nicht verzichten. Das Gedeck, das in Italien obligatorisch ist, bestand hier übrigens nicht aus unattraktivem Brot, sondern war mit Wasser und zwei Vorspeisentellern mehr als ein Appetithappen. Bezahlt haben wir für all das und den ebenfalls obligaten Hauswein zusammen 35 Euro – da kann man nicht meckern.

Schlucht und HöhlenGravina, das kennen wir vom Besuch in Massafra, heißt Schlucht (und Puglia ist Apulien). Also führt der Verdauungsspaziergang an den Rand der Schlucht – wo es den in diesem Fall berechtigterweise so genannten „spektakulären Blick“ wo-auch-immer-hin gibt, zum Beispiel auf die Höhlen am Rande der Schlucht. Die Grottenkirche San Michele ist – Vandalismus sei Dank – abgesperrt, einen Tür öffnenden Menschen soll es im Museo capitolare arte sacra neben der Kathedrale geben. Wir haben es nicht geprüft, weil dies ja nur ein Zwischenstopp sein sollte.

Vor der KathedraleDie Kathedrale liegt an einem beeindruckend großen Platz. An diesem Samstag war er zugeparkt: Wir hatten den Eindruck, dass halb Gravina zur Beerdigung gekommen war. Eine Besichtigung der Kathedrale verbot sich unter diesen Umständen – aber schon von außen ist der im Kern über 900 Jahre alte Bau imposant. Eine Kuriosität entdeckt man übrigens an einer viel kleineren Kirche, die ebenfalls an der Piazza Cattedrale liegt: Die Familie Orsini gönnte sich dort 1644 die Privatkirche Chiesa del Purgatorio Santa Maria dei Morti, über deren Portal zwei Skelette nicht gerade einladend wirken.

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