Das Recht
auf die katholische Kerze der Erinnerung

Sächsisch-Bayerische Nachhilfe

Man erspare mir den bayerischen Dialekt – ich kann’s nicht, also mach ich’s auch nicht nach. Der Herr (grüner Umhängepullover) aber konnte und nutzte ihn. Er war, zusammen mit seiner Begleitung (roter Umhängepullover), in der Frauenkirche. Dort gibt es am Ausgang die Möglichkeit, Kerzen zu kaufen und – am ausgebrannten alten Kuppelkreuz – aufzustellen. Es sind dort oft bewegende Momente der Ruhe, trotz des Trubels der Touristenattraktion. Das Paar kaufte keine Kerzen (was sein gutes Recht ist), und er kommentierte: „Das haben sie uns abgesehen!“ Die Frau, leiser: „Was?“ Er: „Na das mit den Kerzen! Das haben doch die Evangelischen gar nicht! Das haben sie uns geklaut!“

So ging es, im Hinausgehen, noch ein wenig hin und her. Da überholte uns und das vor uns gehende bayerische Paar die Dame (kein Umhängepullover) und stoppte die beiden: „Entschuldigung…“
Sie wolle, sagte sie ruhig, nur etwas klar stellen. Vom Raub einer Sitte könne nämlich gar keine Rede sein. Und sie erzählte dem staunenden und argumentationsfrei zuhörenden Paar, wie das damals war, im Krieg, als die Bomben fielen. Und wie sehr die Dresdner das als Teil ihres Lebens aufgenommen haben – die, die es miterlebt haben sowieso, aber auch die Nachgeborenen. Die am 13. Februar, wenn abends zur Stunde des Bombenabwurfs die Glocken läuten, zum stillen Gedenken an die Frauenkirche gehen, dort Kerzen aufstellen, weinen, Trost suchen und finden, reden, nicht allein sind – und sich mit stillem Protest gegen jeden Krieg und jede Gewalt aussprechen.
Lange redete sie und eindrucksvoll.

Manchmal muss man sie einfach lieben, die Dresdner!

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