Abendspaziergang mit Hindernissen

Prager Palaver (10)

Blurred Friends

Schließlich war es Curly’s Geburtstag, da muss man doch was ganz Besonderes organisieren! Da die Wünsche, die man sich selbst erfüllt, immer die nettesten Geschenke hergeben, überraschte ich Sylke dieses Mal mit einem nicht nur grenz-, sondern auch Fotocommunity-übergreifendem Stargast: Semmi, die zwar auch hier einen account hat, aber eigentlich drüben bei Flickr zu Hause ist. Dort hatte ich sie auch kennengelernt – und ihre Prager Detailkenntnisse haben mich über die Jahre immer wieder fasziniert.

An Geburtstagen trifft man sich abends um 18 Uhr, das war schon in Paris mit Claudia so. Wir trafen also vor dem Hotel Semmi und ihren Gatten, der wahrscheinlich wegen seines für Nichttschechen ungewöhnlichen Namens Vojta (wie schreibt man das? musste ich sie fragen!) von ihr meist liebevoll „hubby“ genannt wird. Das ist Irevo-Englisch und meint husband, also Gatte – und ist somit aus ihrer Sicht auch richtig. Aber ich kann ihn doch nicht „hubby“ nennen, was sollen denn die Leute von uns denken!

RotundeIrene und Vojta hatten Plätze in einer kleinen Bodega gegenüber auf der Kleinseite reserviert – aber der direkte Weg vom Hotel über die Karlsbrücke ist doch langweilig. Also stromerten wir zuerst ein wenig durch die Altstadtgassen, die im Abenddunkel besonders heimelig aussehen – vor allem, sobald man die von den Touristen ausgelatschten Pfade verlassen hat. Wir hatten ein Zwischenziel: 50°04’58.79″ N 14°24’52.99″ O in ca 201 Metern Höhe. Die Beiden sind nämlich Geocacher, ein Hobby, das man früher „Lerne Deine Heimat kennen“ genannt hätte. Irene war ganz hibbelig und ahnte nur so ungefähr, wo wir hin mussten, und der Gatte versuchte seinem GPS-Gerät ein Signal zu verschaffen, auf dass es uns zum Ziele führen möge. Das mit dem GPS hatte ich schon am Tag zuvor aufgegeben: Unter der Inversionsdunstglocke und in den engen Gassen Prags machen sich die GPS-Signale rar. Aber irgendwie schaffte Wojta es, und so marschierten wir durch die Gassen dem Ziel entgegen.

Was ich schon vom Lesen ahnte: Irene kennt nicht nur jedes Haus, sondern jeden Stein in Prag. Und sie weiß auch zu Stein und Haus Geschichten zu erzählen, die köstlich sind. Beim nächsten Besuch buche ich mir die Frau als Stadtverführerin!

Geocached!Nicht lange, und wir standen bei 50°04’58.79″ N 14°24’52.99″ O, was im wirklichen Leben gegenüber der Rotunda Nalezení Sv. Kříže ist. Der Bau stammt vom Ende des 11. Jahrhunderts und wurde 1865 rekonstruiert, so weit so gut. Aber wo ist der Schatz, den die Geotypies fangen müssen? Nicht an oder in der Rotunde, sondern gegenüber unter … aber das verrate ich nicht, könnte ja sein, dass hier ein Geocacher mitliest! Und bitte auch keine Rückschlüsse vom Foto machen – wir sind Weltmeister im Verfremden!

KarlsbrückeDie Rotunde liegt gegenüber von einem Restaurant, plauderte Irene, das einem Adeligen gehöre. Manchmal würde er auch selbst bedienen, wenn einem danach sei, solle man nur einfach hingehen. Bürgerliche willkommen! Heute wollten wir aber nicht vom Adel geknutscht werden, sondern erst einmal über die Straße just an den Ort, an dem wir schon am Nachmittag Fotos von der Burg gegenüber gemacht hatten. Anschließend ging’s über die Karlsbrücke, die in dieser Jahreszeit nach Sonnenuntergang schnell leerer wird. Echt kein Bummelwetter.

KafickoAuf der Kleinseite fanden wir dann die Bodega, von der Sylke bereits am frühen Nachmittag vermutet (und ein wenig gehofft) hatte, dass es uns abends hierhin verschlagen würde. Es war rappelvoll, gut dass Irene reserviert hatte! Wir plauderten munter deutsch und englisch und verfielen sogar für einige Minuten ins Russische, was sehr lustig war. Marx sei Dank hörte kein Russe zu, er hätte sich wahrscheinlich gewundert, was für ein Dialekt da geredet würde! Als es ans Bezahlen ging, geriet die Angelegenheit kurzfristig zum Desaster – hatten wir doch unsere Gastgeber einladen wollen und darauf vertraut, dass man in Prag nahezu überall mit Kreditkarte zahlen kann. Hier nicht! Und ausreichend Bares hatte ich, dem Rat aller einschlägigen Reiseführer folgend, nicht mit. Gut, also wurde die Gastgeber kurzerhand wirklich welche und müssen dann eben beim Gegenbesuch in Dresden auf unsere Kosten leben! Sie können den Abend ja mit „Wir laden Euch ein!“ beginnen!

Your PointSo ungeradewegs wie wir kamen, gingen wir auch. Kurzer Stop am Moldauufer mit Blick auf die nächtliche Karlsbrücke und bei den Pinkelnden, die uns aber nichts Neues waren. Unser Ziel: Der Altstädter Ring – also über die Brücke, vorbei am Rudolphinum, ein wenig durch Josefa bis hin zum diesem kurz vor Mitternacht wunderbar leeren Platz. Den ganzen Weg über lernten wir ungeheuer hinzu – aber wer kann sich das schon um diese Tageszeit alles so genau merken, dass man es auch noch korrekt niederschreiben kann? Ich nicht. Also müssen wir das nochmal machen, tagsüber, wenn es wärmer ist. Und vielleicht vor dem Wein am Abend 😉 Schließlich war es Curly’s Geburtstag!

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