Rodi Garganico – Lago di Varáno – Vico del Gargano

Apulische Augenblicke (21)

Bei Rodi Garganico

Rodi Garganico hat 4.000 Einwohner, etwa 40 davon haben wir kennen gelernt – in der Bar C’era Una Volta. Die resolute Chefin mit den orangefarbigen Haaren hat alles im Griff – und präsentiert eine wunderbar unanständige Rechnung: Das Glas Rotwein 50 Cent, der Espresso 70 Cent – Bruschetta und Tramenzini gratis.

Die anderen Gäste in der Bar tranken lustige Mixe: Daumendick Rotwein, der Rest Weißwein. Oder ein fast volles Glas Rotwein mit einem Schuss Orangensprudel. Einer kam, las Zeitung und ging. Zwei spielten Karten ohne zu verzehren – das hatten sie vorher getan ohne Karten zu spielen.

Hinter der Stadt: das MeerWir hätten den ganzen Tag hier bleiben können und uns sicher nicht gelangweilt. Aber das war ja nicht der Sinn des Besuchs. Wir also raus auf die Piazza Rovelli, wo gerade – es ist Mittagszeit – nicht so arg viel los ist. Rodi Garganico macht, im Vergleich zu Peschichi oder Vieste, sowieso einen sehr ruhigen Eindruck. Dabei hat es doch ähnliche Attribute vorzuweisen: Es liegt auf einem Felssporn hoch überm Meer, das hier mit zwei langen und mehr als passablen Stränden ausgestattet ist. Es gibt einen kleinen Hafen, der allerdings eher modern als romantisch ist. Von der Mole starten Schiffe zu den Tremiti-Inseln, die wir lediglich aus Zeitgründen nicht besucht haben. Zu lohnen scheint es sich – aber man braucht ja immer wenigstens einen Grund, um wieder zu kommen.

Bar C'era Una VoltaZur Piazza führen belebtere Straßen, doch links und rechts davon wird es wie so oft bezaubernd verwunschen in den Gassen. Da Rodi Garganico nicht so groß ist, kann man im wahrsten Sinne des Wortes planlos herumlaufen und landet garantiert nicht irgendwo, sondern entweder am bereits bekannten Platz (kannten wir da nicht eine vorzügliche Bar?) oder, immer wieder überraschend schön, am Rande der Stadt mit Blick aufs Meer. Einen Trabucco sahen wir bei so einem Ausstieg aus den Gassen auch – offensichtlich einen der frisch rekonstruierten.

CapoialeDas nächste Ziel ist der Lago di Varáno. Uns empfängt eine Brachialromantik, die man nicht gesehen haben muss. Die Isola ist die Landzunge, bei der es auf der einen Seite der Straße das nicht sichtbare (weil Pinienwälder daszwischen sind) Meer gibt, mit langen Sandstränden. Viele Stichstraßen führen ans Wasser, wir entschieden uns wegen des netten Namens für den Lido del Sole. Dort war es dreckig: Menschenmüll, nicht weggeräumt..

Zum Hafen Capoiale fallen einem viele beschreibende Worte ein – pittoresk, sonst bei Häfen im Mittelmeerraum gern genutzt, gehört nicht dazu. Miesmuscheln wurden früher im Lago vorgezüchtet, seit der biologisch tot ist, gibt’s die Muscheln nur noch aus dem Meer. In Capaiole werden die Muscheln umgeschlagen. Im Sommer, wenn es mehr Menschen als Muscheln da gibt, spielen die Fischer Fähre und setzen zu den Tremiti-Inseln über.

San Nicola VaranoBei der Weiterfahrt – wir wollen den Lago umrunden für die Rückfahrt – taucht plötzlich eine Geisterstadt mit Kirche auf: San Nicola Varano. Eine Erklärung für die Ruinen findet sich nirgendwo, das Areal verfällt schlummernd vor sich hin. Sogar die Schlange ist tot, die mir beim Aussteigen aus dem Auto kursfristig einen Schreck eingejagt hat. Ein wenig Recherche hat dann ergeben, dass dieses früher wohl eine Station für Wasserflugzeuge war. „Wer die Straße von Cagnano Varano her kommt, wird überrascht sein, ein Dorf zu sehen mit modernen und eleganten Bauten, die aber völlig fehl am Platz sind in einem Gebiet, das sonst Brachflächen und Gestrüpp vorbehalten ist.“ Die Anlage stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts, wurde aber 1915 zu dem, was sie ist – und hauptsächlich im Ersten Weltkrieg benutzt. Aha, und seitdem will es offensichtlich keiner mehr haben. Dabei sieht das aus wie eine Feriensiedlung…

Bunter VerfallDas nächste Ziel auf der Rückreise ist Vico del Gargano. Mittelalter pur. Fehlte nur noch, dass die Scheiße die Gassen entlang fließt. Auch hier ein Stauffer-Castello, 1240 unter Friedrich II. gebaut, nur von außen als wuchtige Anlage erkennbar – aus der Innenansicht ist es ein eher unauffälliger Teil der Stadt und bewohnt! Die Häuser stützen sich mit Bögen gegenseitig, der Platz dazwischen ist eng, sehr eng. Moosige Treppen deuten auf Feuchte – kein Wunder, denn Sonne kommt da nie hin. Hinter jeder Ecke neue ah-und oh-Blicke, Treppen, Stürze, Bögen. Alles sieht alt aus, alles scheint bewohnt.

AbendspaziergangJetzt, in den Spätnachmittagsstunden, sieht man auch manchmal Menschen auf den Gassen und Plätzen. Drei alte Damen (nein, sie tanzen nicht Tango mitten in der Nacht, wie im Chanson) treffen sich auf einem Platz, eine strickt, eine fegt, alle reden miteinander. Eine nette Szene vor der Kirche: Die Männer waren während der Messe draußen auf einen Schwatz. Die Glöckchen aus der Kirche, die den heiligen Moment der Wandlung einläuten, unterbrach den Plausch subito: Man stob auseinander und zurück in die Kirche.

9.000 Einwohner hat Vico del Gargano, davon leben viele im historischen Zentrum. Die ältesten Teile der Stadtmauern (es gibt eine äußere und eine innere) sind tausend Jahre alt. Aber sie haben Strom in der Stadt…

WandmalereiAbendessen in Peschici. Ein Tipp in einem unserer mitgenommenen Bücher führte uns zur Vecchia Peschici – sah von außen ok aus und hatte in der Tat einen atemberaubend schönen Blick von der Terrasse gen Sonnenuntergang hinterm Hafen – der aber leider wegen aufziehender Wolken nicht sichtbar stattfand. Das Essen (Vorspeise Meeresfrüchteteller 9,50 €, aus den Primis Orecchiette mit Stängelkohl, Seezunge nach Art des Hauses mit Sauce aus (und mit) Tomaten, gelber Paprika, Kapern) war ordentlich, aber nicht umwerfend. Das Ambiente – außer der Sicht – eher uncharmant: Die Tische nicht vorher eingedeckt, die Bedienung eher lustlos und uninspiriert wie das Essen. Außer uns nur vier Gäste aus Schwaben/Bayern, über die zu schreiben die Höflichkeit verbietet und drinnen ein Paar – es war sozusagen leer. Verdientermaßen?

Karte mit Ortsmarken und der Reiseroute

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