Von den Felsen, die gerne etwas Anderes geworden wären

Caprera

Man kennt das ja von den Kindern. Die verkleiden sich unheimlich gerne – ein Spaß, der irgendwann nachlässt und nur regional zur Karnevalszeit bei den Alten wieder ein wenig aufflackert. Ganz anders in der Natur! Da tarnen sich Felsen als Fabelwesen (der überlebensgroße Mutant einer Steinlaus frisst sich durch die Bergwelt der Isola Caprera) oder geben den Brummbär (nicht weit weg von der Steinlaus am Capo d’Orso – allerdings sieht der Bär die Steinlaus mit dem Hintern an). Weiter im Innenland fanden wir einen Hasen, zu dem es nichts weiter zu berichten gibt – außer, dass er weder mümmelte noch Haken schlug, sondern sich brav fotografieren ließ.

Roccia dell'ElefanteWarum machen sie das, die Felsen? Keine Ahnung. Vielleicht fühlen sie sich zu Höherem berufen. Oder sie haben eine wichtige Mission, eine Aufgabe. Der Roccia dell’Elefante in der Nähe von Castelsardo steht beispielsweise in einer zwar schönen Landschaft, aber an einem eigentlich touristisch nicht übermäßig interessanten Fleck. Aber dank des elefantösen Felsens kommen die Touris gefahren – und sogar in der Vorsaison stehen zwei fliegende Händler am Straßenrand, um allerlei Unnützes zum Kaufe feil zu bieten. Der Fels, der ein Elefant sein wollte, ist von der Staatsstraße 134 gut zu erreichen – wer auf der SP13m unterwegs ist, hat Pech: Ein Schild weist auf die Sehenswürdigkeit hin, aber man sieht sie nicht – die Straße wurde tiefer gelegt.

Capo TestaKönnen Felsen stolz sein? Vielleicht. Jedenfalls gibt der eine am Capo Testa sehr trefflich und überzeugend einen vornehmen Indianerhäuptling. Wobei, halt: Vielleicht ist das ja gar kein Häuptling, sondern ein stolzer Wächter und Beobachter? Der Indianerfelsen sieht hinüber nach Korsika – geologisch zwar gleiches Land wie dieser Teil Sardiniens, aber so rein menschlich waren da oben auf Korsika meist eher Feinde als Freunde.

Capo TestaFrüher – heute ist das natürlich alles ganz anders. Und überhaupt: Heute ist man ja viel freizügiger als früher. Sogar die Felsen geben sich hin und wieder die Blöße – oder zeigen sie dem Betrachter ihren Hintern, um dadurch Abscheu für den Tourismus allgemein und Unverständnis für herumhirschende Fotografen auszudrücken?

Fragen über Fragen – und die Felsen wollen sie nicht beantworten.

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