Erster Spaziergang rechts vom Fluss

In Florenz (3)

Palazzo Vecchio

Das erste Frühstück in Florenz brachten wir dann gleich mal so hinter uns, wie man es nicht machen sollte: In einer Frühstücksbar in einem tollen palazzo, wo die Mädel hinter der der Theke das Italienischste waren, was das Haus zu bieten hatte. Inklusive Hinsetzen, was man ja eigentlich auch nicht macht, war das irgendwie zu teuer und launeverderbend. An den folgenden Tagen gingen wir dann nahezu Touristenfrei in die unscheinbare Bar um die Ecke, wo es die gleiche Order für ein Drittel des Preises gab.

Aber egal!

Die Ferienwohnung liegt zentral: direkt hinter den Uffizien, nahe am Palazzo Vecchio – und wer Florenz kennt, weiß, dass es dann auch nicht weit zum Fluss ist. Der Arno führt Hochwasser, allerdings kein dramatisches. Einfach viel Wasser – irgendwo muss das Zeugs, das uns von oben beglückt, ja hin fließen. Aber es ist noch Platz unter der Brücke, die sie die alte nennen: Ponte Vecchio.

Ponte VecchioEin echtes und nicht so harmloses Hochwasser 1333 zerstörte eine Holzbrücke, die den Arno an dieser Stelle überquerte. Wir wissen nicht, ob es einen Streit um die neue Brücke gab, die dann gebaut werden sollte – aber in den kommenden zwölf Jahren entstand eine Brücke aus Stein, die so ganz anders war als die zuvor: Eine Segmentbogenbrücke, eine der ältesten weltweit. Und quasi von Anfang an gibt’s Häuser auf der Brücke: Seit 1345 stehen sie dort – früher als Arbeitsplatz für Schlachter und Gerber. Beide Berufsstände ergänzten sich zwar prima (die einen das Fleisch, die anderen die Haut), waren aber bekannt für ihr keineswegs geruchsfreies Gewerbe: Die Schlachter warfen ihre stinkenden Abfälle in den Arno, die Gerber wuschen ihre Tierhäute aus. Irgendwann, genauer: 1593, stank den Florentinern das ursprüngliche Brückengewerbe und sie beschlossen Besserung. Seitdem beherrschen Goldschmiede die Brücke, was ja irgendwie auch besser zum stinkreichen Florenz passt.

Palazzo VecchioAlt ist nicht nur die Brücke, alt ist auch der Palast gleich in der Nähe: Der Palazzo Vecchio hieß, als man noch nicht auf sein hohes Alter rekurrieren konnte, Palazzo della Signoria. Die Signoria war die Regierung der Republik, oder, wie die Wikipedia schreibt: Der Begriff bezeichnet dabei die faktische Regierungsform, bei der ein „starker Mann“ (signore) an der Spitze stand. Der Platz vor dem Palazzo heißt dann auch Piazza della Signoria, und wie wir gelernt haben, ist es ein Signore, der zur Signoria führt. Einer der schönsten Plätze Italiens sei es, lese ich, und denke: Das gilt sicher nur bei schönem Wetter, denn so grau in grau hinterlässt la piazza einen eher durchschnittlichen Eindruck. Der Platz, wohlgemerkt, nicht die Gebäude drumherum.Da ist natürlich zuallererst der Palazzo. Er ist wirklich alt: 1299 wurde mit dem Bau begonnen, und seine Funktion als Parlamentsgebäude und Hotel für die Parlamentarier erfüllte er seit 1314. Das mit dem Hotel ist erklärungsbedürftig: Die Ratsmänner tagten nicht nur im Palast (im 1. Geschoss), sie wohnten auch dort (in der zweiten Etage). Angeblich half das gegen Bestechung und äußeren Einfluss – aber ob’s wirklich geklappt hat?

Der Palast ist prächtig ausgestattet – und mit seinem 94 Meter hohen Turm auch von Außen ein Hingucker. Dass dann vor dem Hauptportal, dem Löwentor, noch sehenswerte Kunst steht, ist sicher kein Zufall: Michelangelos David zur Linken ist eine Kopie, weil das Original mittlerweile nicht mehr draußen steht, sondern in der Accademia. Aber ursprünglich schmückte das Original den Platz: Am 8. September 1504 wurde es dort aufgestellt und blieb dort bis 1878 stehen. Die Kopie wurde übrigens erst 1910 aufgestellt (hurra, ein Jubiläum in diesem Jahr!).

CacusZur Rechten wird der Eingang von einem gleich großen, wenngleich auch nicht gleich großartigen Werk geschmückt: Der Bildhauer Baccio Bandinelli schuf „Herkules und Cacus“. Auch wenn einige Kunsthistoriker meckern und es „mittelmäßig“ nennen: Die Statue ist schon ein Hingucker. Vor allem die Gesichtszüge des siegreichen Herkules und des verzweifelten Cacus haben es in sich. Dann war da aber noch was, was wir (ohne befriedigendem Ergebnis) ausführlich diskutiert haben, zu dem ich in der einschlägigen Literatur aber auch nichts gefunden habe. Irgendwie, denke ich, hat dieser Cacus ein Loch zuviel in seinem Geschlecht. Oder habe ich da was verpasst im Aufklärungsunterricht?

HerkulesEgal, und unabhängig davon: Dieser Bandinelli war zwar einer der „formgewandtesten Bildhauer seiner Zeit“ (Brockhaus Konversationslexikon 1902-1910), muss aber ein ziemliches Schlitzohr gewesen sein. Er ließ die Ahnentafel fälschen, um in den Ritterstand erhoben zu werden und war wohl auch sonst eher ein unleidlicher Typ. Aus einem anderen alten Werk (Friedrich Müller, Die Künstler aller Zeiten und Völker, 1857) zitiere ich einmal leicht gekürzt: „In Bandinelli’s Charakter vereinigten sich auf die abstoßendste Weise Selbstüberschätzung und Hochmut gegen niedrigere oder gleichstehende, mit Neid und Hass gegen ausgezeichnetere Künstler (…), masslose Eitelkeit und Anmaßung mit einer unersättlichen Begierde nach Geld und Ruhm, die ihm keine Ruhe ließ, durch Intrigen aller Art ändern Kunstgenossen oft bereits übertragene Arbeiten abwendig zu machen.“Kunst im freien Raum scheint in Florenz normal zu sein: Gleich rechts neben dem Palazzo Vecchio befinden sich die Loggia dei Lanzi, ein Arkadenbau aus dem 14. Jahrhundert, in dem – der Öffentlichkeit immer kostenlos zugänglich – Statuen aus den Uffizien gezeigt werden. Der gar schröckliche Perseus mit dem Haupt der Medusa und immer wieder gern gesehene Raub der Sabinerinnen open air – nicht schlecht. Wachleute haben übrigens rund um die Uhr ein Auge auf die Kunst – nachts sahen wir sie im Auto vor der Loggia, damit’s nicht allzu kalt wurde…

RivoireWas hat der Platz sonst noch zu bieten? Er soll immerhin einer der schönsten sein! Nuuuuun, vielleicht bei schönem Wetter, aber das haben wir uns ja für den nächsten Besuch aufgespart. Also nahmen wir mit einem richtigen Seelentröster vorlieb: Im Rivoire bekommt man die beste heiße Schokolade des Universums – mindestens. Auf jeden Fall die beste am Piazza della Signoria, und das seit 1872! Das Rezept ist natürlich geheim, aber der Tipp, lediglich 2,50 statt sechs Euro für ein Tässchen zu bezahlen, hiermit veröffentlicht: Um Gottes Willen nicht hinsetzen, sondern an der Bar stehend genießen! Und ein Genuss ist diese heiße dickflüssige süße Masse schon. Wie dick dickflüssig ist? Na, ganz einfach: Als die Tasse leer war, spülte ich sie mit zwei Schuss Milch aus. Und hatte einen perfekten Kakao nach Art der deutschen Cafés in der Tasse.

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