Das Auge isst nicht mit

Im "Dunkelrestaurant Sinneswandel" blieb das Feuerwerk der Aromen aus

Die im Dunkeln sieht man nicht

Die Idee ist über zehn Jahre alt. Dunkelrestaurants mit so schönen Namen wie Blindekuh (das erste überhaupt: 1999 Schweiz), Unsicht-Bar (das erste in Deutschland: 2001 Köln) oder Sinneswandel (das erste in Sachsen: 2009 Dresden) wollen die Integration Blinder in die Gesellschaft fördern und Sehenden ganz außerordentliche neue sinnliche Erfahrungen bieten.

Die im Dunkeln sieht man nicht, wusste schon Bertolt Brecht. Ein Großteil meines normalen Restaurant-Genusses geht also verloren, wenn ich erst einmal, angeführt von der sehbehinderten Bedienung, in Polonaise durch die Lichtschleuse im Dunklen bin. Was aber erwartet mich? Nicht ganz zu Unrecht werden Dunkelrestaurants gerne in die Kategorie der Erlebnisgastronomie eingeordnet, obwohl sie sich selbst aber eher als wahre Gourmet-Tempel anpreisen.

Wir waren in Kleinzschachwitz, um „bei ausgeschaltetem Sehempfinden ein völlig neuartiges und intensiveres Genießen von kulinarischen Köstlichkeiten zu erleben“, wie die Betreiber auf ihrer Homepage schreiben. Sie versprechen „intensivere Empfindungen beim Tasten, Schmecken und Hören“ – und da stutzt man ja schon einmal: Was gibt’s denn da zu tasten, wenn ich mit der Geschäftspartnerin essen gehe? Ist das vielleicht nicht gar als sexuelle Belästigung einzustufen, wenn man im total dunklen Raum auf der Suche nach Brot und Dip aneinandertätschelt? Wir konnten das klären: Nein, war nicht so gemeint. Und wir fanden beide Brot und dippten es. Durchs Rabenschwarz sahen wir uns an, eingedenk der Worte der Homepage, wonach sich das Dunkelrestaurant durch „eine qualitativ hochwertige und an Frische nicht zu überbietende Qualität unserer Menüs“ auszeichne. Nach kurzer Sprachlosigkeit einigten wir uns darauf, dass das Brot so schmecke, als ob es wenigstens von vorgestern sei, vielleicht aber auch noch älter.

Der Poet der Webseite versprach (übrigens nahezu wortgleich wie der Textdichter der Berliner Seite) „neuartige Geschmackserlebnisse“, weswegen wir „beim Verzehr einer schmackhaften Frühlingssuppe unweigerlich den Duft eines Kräutergartens riechen“ müssten. Da spielte meine Nase nicht mit, sie weigerte sich einfach, „ungeahnte Sphären zu erkunden und die Dramatik feiner Geschmacksnuancen ohne optische Täuschung zu erfahren.“ Es roch mir wie Jugendherbergsessen, obwohl es ein „Schaumsüppchen vom Frühlingslauch mit verlorenem Mais“ sein sollte. Warum der Mais (1A Dosenqualität, dem Geschmack nach zu urteilen) als verloren galt, ließ sich nicht ermitteln.

Im Dunkeln zu essen heißt erst einmal: Ich sehe keinen Teller und erst recht nicht, was darauf ist. Gefühlt war es jeweils sehr wenig, geschmeckt war es eher von belangloser Beliebigkeit, vielleicht ein wenig zu salzig. Kein Feuerwerk der Aromen! Keine erinnernswerten Kombinationen, die dem Gaumen schmeichelten! Statt dessen umwehte ein Hauch von Fritteuse die Nase, und vom „Filet vom Bodenseefelchen auf jungem Spinat, geschwenkter Honigmelone und Kartoffeltaschen, verfeinert mit einer Rieslingsauce“ bleibt in der Erinnerung nur, dass, nachdem Messer und Gabel mehrfach ins Nichts stießen, die Hände den Fisch von der Kartoffel zu trennen trachteten. Spinat? Rieslingsauce? Keine Erinnerung…

Das Dessert nahmen wir dann, einem Pauschal-Angebot der Bedienung gleich zu Beginn folgend, im Hellen ein. Da erkannten wir dann die Sprühsahne mit Minzgeschmack sofort. Wir sahen auch, wie ähnlich die unterschiedlich benannten Desserts zweier Menüs aussehen können – und waren versöhnt mit der Tatsache, den ganzen Abend nicht gesehen zu haben, was wir gegessen hatten. Dabei lasen wir im Gästebuch viel Begeisterung, unter anderem vom Betriebsausflug einer Augenarztpraxis…

Dunkelrestaurant Sinneswandel
Berthold-Haupt-Str. 91
01259 Dresden

Telefon: +49 (0) 3 51.4 26 78 35
E-Mail: info@dunkelrestaurant-sinneswandel.de

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag ab 17 Uhr – nur mit Reservierung

[Erschien am 18. März 2010 in PluSZ, Beilage der Sächsischen Zeitung
Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

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