Wandern nach Blumen

Geschichten aus Sardinien (17)

Rocco Pischinale

Meine Vorliebe für poetische Wanderführertexte führt manchmal zum Kauf von Büchern, die nicht wirklich hilfreich sind. Wir hatten für Sardinien ein Buch dabei, das den Weg weitgehend anhand vorbeifliegender Vögel und möglicherweise blühender Pflanzen beschrieb. Geplant war eine Wanderung über das Castello Malaspina zum Geierfelsen Rocco Pischinale, was uns nur bedingt gelang. Denn beim lustigen Wandern nach Blumen und Vögeln lernten wir die Gegend mehr kennen als geplant, verliefen uns mehrfach und hatten dabei viel Spaß. Aber dazu später mehr, wir beginnen ganz handfest mit dem Castello.

Castello MalaspinaDie Burg gibt dem malerischen Bosa einen bildmäßig perfekten Abschluss nach oben. Von weitem sieht man auch nicht, dass sie weitgehend Ruine ist – und von Nahem betrachtet ist das auch nicht weiter schlimm, weil das Gemäuer ja schon alt ist (nach neueren Forschungen 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts) und man von hier oben vor allem eins hat: wunderschöne Panoramablicke nach unten! Unser Naturwanderführer machte uns noch auf Mandelbäume, „Stieglitze und den unscheinbaren Grauschnäpper“ aufmerksam und endete „mit Glück sehen wir hier oben ganz nah einen Gänsegeier kreisen“. Wir sahen nix außer einem Mandelbaum, aber egal.

Fresken in der Kirche Regnos AltosDie kleine Kirche Regnos Altos hat bemerkenswerte Fresken, die 1972 beim Restaurieren freigelegt wurden. Sie sollen aus dem Jahr 1345 stammen und werden, entnehme ich dem beim Besuch ausgehändigten Infoblatt, der toskanischen Schule zugewiesen. Was da in Bildern erzählt wird, ist ein Best of Bible, außerdem die sardisch einmalig nette Legende von den drei Lebenden und den drei Toten, die man hier nachlesen kann (ein wenig übersetzt…). Außerdem ist es in der Kirche schön kühl, was im Sommer ja ein Argument sein könnte, da einmal hinein zu gehen!

Kein AusgangWir aber raus zum fröhlichen Wandern! Dachten wir – aber der Anweisung „sofort wieder links durch die nächste Pforte“ konnten wir nicht folgen: Sie war verschlossen. Die Lösung: Eine Treppe führte auf die Mauer und auf der anderen Seite, nicht ganz so komfortabel, konnte man runterhupfen. Unser Naturwanderführer (dem wir das geschlossene Tor nicht anlasten, sowas kann ja vorkommen) führte uns „am Großen Löwenmaul und an Montpellier Zistrosen vorbei“ zu „singenden Zaunammern und Heidelerchen“ und versprach, dass wir bald „Trachyt-Felssäulen mit gelegentlich darauf ruhenden Gänsegeiern“ erblicken würden. Weiß der Geier, was die Autoren so alles erlebt haben, aber uns blieb nur der Felsen, und auch „die weißen Kotkleckse“ auf dem Rocco Pisschinale, die „die Anwesenheit der Gänsegeier“ signalisieren, blieben uns verborgen.

Wo die Gänsegeier nicht kreisenAls nächstes hätte der „melancholischen Gesang von Blaumerlen herüber hallen“ sollen, aber statt dessen nahmen wir nur überdeutlich das Kläffen dreier sich verständigender Tölen wahr, die offensichtlich touristisches Menschenfleisch witterten und somit eine Abwechslung des tristen Alltags. Die Landschaft hier ist in der Tat, Gänsegeier hin und Blaumerle her, liebreizend. Leider endete unser Weg nicht, wie versprochen, an einer Holzpforte, sondern führte immer weiter weg vom eigentlichen Ziel.

Schlafender HundWir also zurück und irgendwo ab, wo früher vielleicht mal ein Matratzentor war. Auch ein schöner Pfad, den wir da gingen, durch manns- wie frauhohes Gestrüpp, aber nicht wirklich zielführend. Wir vermissten schmerzlich den „schrägen Gesang der Hänflinge“, der uns für diesen Teil der Wanderung versprochen wurde, weckten einen schlafenden Hund und gingen tapfer an ihm vorbei. Weil auch keine „Mauer- und Fahlsegler über unsere Köpfe jagten“, kehrten wir frohen Mutes um und fanden den Weg nach Bosa, ohne die „feuchte Quellwiese mit blühendem Einschwieligen Zungenstendel“ je gesehen zu haben!

[Zitate aus: Katrin und Frank Hecker, Peter Mertz. Die schönsten Naturwanderungen, Sardinien Korsika. Bruckmann Verlag 2004. Wanderung 5]


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