Optisch karg, doch dafür mit Aussicht

Warum sich im “Piccolo” im Basteischlösschen hauptsächlich Touristen treffen

Piccolo

Als Tourist in der Stadt hat man es nicht immer leicht. Zum Beispiel bei der Essenswahl: Was sind denn jetzt die besten Restaurants? Und wie komme ich dahin? Wer sich auskennt, könnte einen lokalen Führer zu guten Adressen kaufen – im Augusto stehen ja hunderte Tipps. Aber wer so einen Schatz nicht hat, nimmt das im Wortsinn Naheliegende. Also zum Beispiel das kleine italienische Fischrestaurant, das (mit dieser Spezialausrichtung: seit April des Jahres) sich im Basteischlösschen direkt an der Elbe etabliert hat.Bei diesem Wetter sitzt natürlich kein Mensch drinnen, wo die Tische eingedeckt sind. Draußen geht es karg zu: Stühle, die sich in die Beine schnüren. Auf Nachfrage gibt es Kinderkissen. Da sitzt man dann etwas höher, aber weich gepolstert. Auf dem Tisch: Eine Decke, ein Reserviertschild, zwei Speisekarten. Blumen? Kerze? Besteck gar? Fehlanzeige. Merke: Wo Schloss dransteht, muss es nicht fürstlich zugehen.

Die Karte ist klein, was prinzipiell nicht schlimm ist. Für ein ausgewiesenes Fischrestaurant allerdings ist sie obendrein auch wenig inspirierend. Nach fangfrischem Angebot klingt es nicht – aber das steht ja auch nirgendwo. Apropos steht: Speisekarten- und Internetseitenlyrik ist ja oft ein Quell der Freude. Trefflich kann man sich damit die Zeit des Wartens verkürzen und sinnieren, wie es aussieht, wenn sich “die Freundschaft, der Gaumen und italienische Atmosphäre” treffen. Auch den Beruf des Schiffsreibers, der im Vorwort der Karte erwähnt wird, haben wir uns mit Vergnügen ausgemalt.

Doch dann wurde es ernst, denn es kam das Essen. Ein riesiger Berg Rucola, unter dem man die angekündigten Orangenfilets im abgetropften Balsamico nur mühsam fand. Das Cremesüppchen von Krustentieren mit Ingwer und Garnele schwappte ohne cremiger Konsistenz nahezu unnatürlich rot im tiefen Teller und war, für eine Vorsuppe, reichlich viel. Unsere Gespräche wurden schon weniger lustig: Warum machen die das? Will man etwa gar keine Stammgäste und sagt sich: Touristen kommen sowieso nicht wieder? Ob der Hauptgang eine Antwort auf unsere Fragen geben würde?

Wir hatten alles, was das Fischrestaurant auch einzeln zu bieten hatte, auf einem Teller: Wolfsbarsch, Zander, Lachs, Riesengarnele. Liebevoll arrangiert war das nicht wirklich, der Fisch tummelte sich über Gemüse und Rosmarinkartoffeln, die mit Limonensauce überzogen waren. Wem das egal ist, weil es ja eh alles in einen Magen kommt, würde nun nicht meckern und wenigstens sagen: Wieso, der Fisch schmeckte doch! Der Deko-Stil des Hauses wiederholte sich auch beim Saltimbocca “an Fenchel und Bandnudeln”.

Und, kein Lichtblick? Doch doch: Das Tiramisu, natürlich nicht hausgemacht, war gut. Und die Bedienungen nett. Und als Tourist ist man ja eh nur einmal da, hat einen wunderbaren Blick an einem lauen Sommerabend genossen und ist ganz sicher satt geworden…

Piccolo 
Theaterplatz 3
01067 Dresden

Tel.: 0351/498160
E-Mail: kontakt@italienisches-doerfchen.de

Montags geschlossen, geöffnet ab 12 Uhr (Okt. bis März Di – Do ab 16 Uhr)

[Besucht am 14. Juli 2010 | Veröffentlich am 22. Juli 2010 in PluSZ, Beilage der Sächsischen Zeitung |Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

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