Unterwegs im Mittelalter

Stadt der hundert Türme

Irgendwann ist’s zu viel: „Mittelalterliche Städte habe ich genug gesehen!“ So ein Satz kann eigentlich nur in der Toskana fallen, denn auf jedem sich nur halbwegs anbietenden Hügel thront eine Stadt, deren mittelalterliches Weichbild von den einschlägigen Reiseführern gelobt und in höchsten Tönen gepriesen wird. Und Hügel gibt es in der Toskana bekanntlich wie Sand am Meer.

Unsereins denkt, wenn er Mittelalter liest oder hört, natürlich nur an die geschönte Version für Menschen des 21. Jahrhunderts – also Stadtmauern, Türme, enge Gassen – und alles möglichst so mindestens 800 Jahre alt. Innendrin hätten wir aber natürlich gerne WC, fließend warm und kalt Wasser, Fernsehen, Internet und ein chices Restaurant sowie ein schniekes Hotel. Und was soll ich sagen? Genau so ist es in San Gimignano, Massa Marittima, Panzano, San Galgano, Monteriggioni, Colle Val d’Elsa und sicher Dutzenden von anderen Hügeln mit Agglomerationen obendrauf – aber die haben wir nicht gesehen.

San Gimignano ist ein mathematisches Wunder. Als Stadt der hundert Türme lernte ich die 7.000-Seelen-Gemeinde in dem unvergleichen Sprach- und Reiseführer „Eine Reise nach Neapel“ von Reinhard Raffalt kennen: als la città delle cento torri preist er San Gimignano an, räumt aber gleich darauf ein, dass es in Wirklichkeit nur dreizehn seien (oder doch 15, wie heute in der Wikipedia steht? Egal!). Aber immerhin erzählt er die Reise dahin (das Buch erschien erstmals, das muss wohl erklärend erwähnt werden, 1957) so spannend, dass wir versuchten, seine so zauberhaft beschriebenen Hügel und Zypressen wieder zu finden. Leider haben sich die Zeiten geändert, und wo weiland in Poggibonsi eine Allee abzweigte, befindet sich jetzt ein (wahrscheinlich durch EU-Gelder geförderter) Kreisverkehr. Anstelle der Zypressen sieht man erst einmal Zweckbauten eines Industriegeländes – aber ansonsten ist es schon so, dass irgendwann San Gimignano kommt.

Um sich der Stadt halbwegs nett zu nähern, muss man nur auf alte Straßenschilder achten: Irgendwann zweigt eine Via vecchia von der begradigten Autostraße ab. Die ist richtig! Für das richtige langsame Tempo sorgt die Beschaffenheit der schmalen Straße von allein, den einen oder anderen Ausblick auf die Türme gibt es auch, bevor man wieder auf die Hauptstraße gelangt. Dort ist man dann urplötzlich enorm in der Jetztzeit: Da die Stadt autofrei ist (wie die meisten dieser renovierten Mittelalterabbilder), muss man draußen parken. Kein Problem, denn es gibt ja Parkplätze, große sogar. Der erste: besetzt. Der zweite: completo. Der dritte: Glück gehabt: noch drei freie Plätze. Merke: San Gimignano am Wochenende ist ein no-go!

WolkenkratzerIn der Stadt geht’s entsprechend touristisch zu, wenn man sich auf den ausgetretenen Pfaden bewegt (aber da kommt man ja nicht drum herum). Natürlich ist das erste Ziel der Markt, um sich diese Türme einmal anzusehen. Es sind Wohntürme, die seinerzeit so in etwa die Funktion eines Oberklasse-Autos hatten: Seht her, ich habe es zu was gebracht, ich kann höher. Wobei natürlich alles relativ ist, denn mit Höhen so um die 50 Metern klingt die Bezeichnung „Manhattan des Mittelalters“ schon ein wenig albern. Zumal die Türme nicht das Nonplusultra an Komfort bieten: Eng und fensterarm – aber eben hoch.

Zwei gastronomische Erlebnisse und eine vinophile Anmerkung gibt es noch zu San Gimignano. Die Stadt ist nämlich bekannt für ihren Weißwein Vernaccia di San Gimignano, Italiens erster DOC-Wein (erster rein zeitlich, nicht qualitativ). Den wollten wir in der Enoteca di Vinorum probieren. Der Laden war groß und leer und verfügte über einige Freiplätze auf der Stadtmauer – ein lauschiger Ort mit Fernsicht. Aber mit garstiger Bedienung: Ob wir etwas essen wollten? fragte Sie in einem Tonfall, der mich „Nein“ sagen ließ, obwohl wir das durchaus vorhatten. Dann, säuselte sie harsch, dürften wir draußen nicht sitzen, sondern müssten hinein in die reizvollen Gewölbe gehen. Falsch, entgegnete ich, dann müssten wir keineswegs hinein, sondern gleich mal woanders hin und wünschte ihr weiterhin gute Geschäfte mit ihrem leeren Laden.

Locanda di Sant AgostinoWir irrten noch ein wenig durch die Gassen, bis wir dann den richtigen Ort fanden. Ausgerechnet dort, wo wir ihn am wenigsten vermutet hätten: An einem durchaus touristischen Platz vor dem Kloster San Agostino gibt es ein Restaurant, das dem Drang nach Nepp und Touri-Abzocke tapfer widersteht: Locanda di Sant Agostino. Man sitzt draußen unter Schirmen mit Blick auf das Kloster auf Bistro-Stühlen an kleinen Tischen und erlebt („Cucina no stop 11-23“) eine ehrliche Küche, freundliches Personal und faire Preise. Den Vernaccia trinkt man hier aus Tongefäßen, was durchaus nicht unangemessen erscheint: Es ist kein großer Wein, aber ein trinkbarer. Die Pizza war groß und schmackhaft – gut belegt und dünner Teig, von dem nichts übrig blieb! Der Salat mit Nüssen, Obst und Salatblättern sowie einem fruchtigen Dressing begeisterte uns sogar. Hut ab, wer sich angesichts garantiert einmaliger Gäste (denn es sind ja meist Tagestouristen, die hier vorbei kommen) so prächtig positioniert!

(Piazza S. Agostino, 15, 53037 San Gimignano, Italien Tel.: +39 0577 943141).

[Lage San Gimignano | Lage Locanda di Sant Agostino]

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1 Kommentar

  1. ist zwar auch schon bissl her, wie Dein Artikel- aber wir waren von der Enoteca auch enttäuscht. Zauberhaft aber, 22 Uhr in der Nähe des Marktes rollt jemand einen Flügel auf die Gasse und spielt. Allein, nur ein paar Einwohner, wir die einzigen Touris- Gänsehaut noch heute!

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