Überraschungen im Obstgarten

Obstgarten

Es gibt beim Besuch von Restaurants mit eher rustikalem Ambiente und deftigem Speiseangebot fast immer den Moment großer Verzweiflung: Sauerbraten oder Roulade (aber Rotkohl haben sie beide)? Sülze oder Sahnehering (denn Bratkartoffeln gibt’s zu beiden)? Die nahezu geniale Auflösung des Problems erlebten wir jetzt im „Obstgarten“: Wir orderten Sülze mit Bratkartoffeln – und statt der versprochenen Remouladensauce war ein ordentlicher Schlag Sahnesauce auf dem Teller, die so extrem nach Hering schmeckte, dass wir ein Essen lang überlegten: Absicht oder Verwechslung?

Den Obstgarten, der es zu bundesweiter Aufmerksamkeit wegen eines Besuchs des Herrn Restauranttesters Rach gebracht hat, gibt es nicht mehr: Nach der Insolvenz machen nun neue Betreiber weiter. Aber es ist ein wenig wie neuer Wein in alten Schläuchen: Aus „Zum Obstgarten“ wurde „Am Obstgarten“, der Schriftzug hat sich ein wenig geändert, die Webseite ist modern und aufgeräumt, man gibt Kindern Platz zum Spielen. Wohltuend.

Aufgeräumt aber war auch das Restaurant bei unserem Besuch. Zur Rach-Sendung 2009 hieß es vom Sender: „Das riesige Restaurant ist beinahe leer. Hier arbeiten an diesem Abend mehr Köche als Gäste da sind.“ Da hat sich, an einem normalen Dienstag, offenbar nicht viel geändert. Und das ist natürlich die Krux bei einem Haus, das auf gut und gerne 200 Gäste (geschätzt, nicht gezählt) ausgelegt ist. Wir sitzen also relativ allein im Obstgarten und fragen uns,warum es so lange dauert, bis ein Bier und ein Wein am Tisch sind. Beim Inspektionsgang zur Toilette (der zum Testen dazu gehört, auch wenn das meist nicht erwähnt wird) kommt die Antwort in den Sinn: Weite Wege! Wenn’s wirklich voll ist, hat das Serviceteam ganz schön zu tun! Man hat übrigens trotz der Größe nicht das Wartehallen-Gefühl, weil es im rustikalen Rund immer wieder Rückzugsecken gibt – bis hin zum integrierten Fachwerkhaus, in dem man als Gruppe gut für sich sein kann.

Aus der Lautsprechern klingt unaufdringlich, aber unüberhörbar Stimmungsmusik an unsere Ohren. “Wild ist der Westen schwer ist der Beruf! Uff!” notreimt Gus Backus, und er hat ja so Recht: Unsere Bedienung ist den ersten Tag da und in vielen Dingen unsicher. Aber: Er sagt es uns, ist charmant dabei, holt die erfahreneren Kolleginnen zu Hilfe: Wir sind nicht unzufrieden, im Gegenteil. Die gebrachten Vorspeisen – eine Soljanka und der im Gastraum leicht showmäßig in den Ofen geschobene Flammkuchen waren gelungen: “Schmeckt wie eine richtig gute Ost-Soljanka!” sagte die Ostgeborene und lobte die dezente Säure. “Schmeckt wie ein trefflicher Flammkuchen im Elsaß!” sprach der Westgeborene und pries den hauchdünnen Teig und den reichlichen und geschmacklich fein abgestimmten Belag.

Die Knusprige halbe Ente war (ich muss sagen: erwartungsgemäß) nicht wirklich knusprig und natürlich auch gut durch. Aber: Zusammen mit Kloß und Rotkohl (was sonst?) ergab sie ein stimmiges Geschmackbild ab. Womit wir dann beim zweiten Gericht und der eingangs schon erwähnten seltsam nach Hering schmeckenden Sauce wären. Surf and Turf, meist Hummer und ein gutes Steak, ist ja eine bekannte Meer-Land-Kombination auf höherem Niveau. Ob man dem hier nacheifern wollte? Fakt ist: Die Bratkartoffeln waren klein und gut, wenn auch nicht sensationell. Die Sülze eine würzige Gallertschüssel, sauber pariertes zartes Fleisch, einfach und gut. Die Sauce dazu aber war keine Remoulade, weil die ja eine köstlich verkräuterte Mayonnaise ist.

Da nur unser Ersttagskellner in Reichweite war, verzichteten wir auf Nachfrage und Diskussion. Er war nämlich nicht nur der ersten Tag im Laden, sondern beherrschte als Ausländer nicht alle Rafinessen der deutschen Sprache. So fragte er uns beim Verzehr der Vorspeise: “Hat es Ihnen geschmeckt?”, was uns zuerst einen Schrecken einjagte: Hatten wir für den Bruchteil einer Sekunde doch Angst, dass er einfach abräumen wollte! Aber natürlich wollte er das nicht, sondern hat lediglich die falsche Zeit bei der Frage benutzt. Beim zweiten Gang wussten wir dann Bescheid und konnten ganz ohne Schrecksekunde freundlich “Ja!” nicken.

Statt zu diskutieren lösten wir die Problematik auf dem Teller ganz pragmatisch: Erst Sahnesauce mit Bratkartoffeln, dann Bratkartoffeln mit Sülze. Beim langen Warten auf die Rechnung (die Wege! die komplizierte Technik!) fassen wir den Besuch für uns zusammen: Eigentlich hat’s geschmeckt. Und nett sind sie auch zu uns gewesen. Aber so richtig kuschelig wird’s nicht, wenn so wenig Gäste da sind. Als wir gehen, spielt die Musik noch einen echten Rausschmeißer. “Der Letzte macht die Türe zu, Herr Wirt auf Wiedersehen!”

Am Obstgarten
Nickerner Weg 8
01257 Dresden

Update April 2013: wegen Insolvenz geschlossen

Tel.: +49 351 656 171 0
http://www.obstgarten-dresden.de

Geöffnet:
Di – Do ab 15 Uhr, Fr ab 12 Uhr, Sa ab 11 Uhr
und So ab 10 Uhr, Mo geschlossen

[Besucht am 26. Oktober 2010 | Eine kürzere Version erschien am 4.11.2010 in PluSZ, Beilage der Sächsischen Zeitung | Lage ]

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