Gulasch mit Ausblick

Yenidze

Im Kuppelrestaurant der Dresdner Yenidze wird recht ordentliche bürgerliche Küche serviert

Als das Rauchen noch chic und modern war, war Dresden Spitze: Die erste Zigarettenfabrik Deutschlands wurde 1862 in Dresden eröffnet, und in den folgenden Jahren entwickelte sich Dresden zu einer Hochburg der deutschen Zigarettenindustrie. Im Jahr 1925 produzierten hier 141 Firmen Zigaretten, ein Viertel der Dresdner Bevölkerung lebte direkt oder indirekt vom Tabak. Das auffälligste Fabrikgebäude steht mitten in der Stadt: Die Yenidze. Das Gebäude wurde 1908/09 als Tabakfabrik errichtet, sieht aber gar nicht so aus: Eine Dresdner Vorschrift verbot das. Der Unternehmer Hugo Zietz machte das Beste aus dem Verbot und gab seiner Fabrik das Gesicht eines orientalischen Baus. „Tabakmoschee“ nannten die Dresdner die größte Tabakfabrik Deutschlands mit ihrem Schornstein, der wie ein Minarett aussieht – ein Begriff, der mittlerweile auch politisch so unkorrekt ist wie das Rauchen insgesamt.

Seit der Restaurierung des Gebäudes 1996 dient die Yenidze als Bürohaus, aber es beherbergt auch ein Restaurant unter der Kuppel. Die Aussicht von da oben ist schlichtweg grandios, die Tische an den Fenstern Richtung Altstadt machen natürlich besonders viel her. Wer so einen Tisch haben will, sollte reservieren, denn der Zuspruch ist groß. Wir hatten Glück und erwischten den letzten freien Tisch! Mit Ausblick auf das Riesenrad und den übrigen farbenfrohen Rummel. Trotz des orientalisch anmutenden Rahmens findet man in der Karte hauptsächlich Klassiker der bürgerlichen Küche. Das Carpaccio vom Rinderfilet, erwartungsgemäß mit Ruccola und gehobeltem Parmesan serviert, entsprach dem Standard, aber auch nicht mehr. Das Kürbiscrémesüppchen mit Sonnenblumenkernen war in der Tat ein Süppchen, der Teller halb leer und die Suppe (man möchte sagen: natürlich) schnell nur noch halblauwarm. Schade, denn von Geschmack und Konsistenz war die Suppe bestens geraten!

Als eine etwas abenteuerliche Mischung stellte sich das Zanderfilet auf Champagner-Honigkraut mit Kurkuma-Mohnsauce und Duftreis heraus. Der Zander, um mit dem Erfreulichen zu beginnen, hatte die richtige Balance zwischen saftigem Inneren und tatsächlich krosser Haut – da hatte die Karte durchaus das Richtige angekündigt! Der annoncierte Duftreis erschien uns freilich ein ganz normaler zu sein, und die Honigkomponente im Champagnerkraut schmeckte uns dominant-befremdlich.

Lammcurry mit geschmorten Schalotten mit Speck-Zwiebel-Bohnen wurde mit dem schon bekannten Duftreis serviert, und unter einem „Lammcurry“ verstehen wir eigentlich auch eine etwas pikantere Angelegenheit. Aber wir sind ja gerne bereit, Erwartungshaltungen zu revidieren, wenn es dennoch schmeckt – und so genossen wir ein ordentliches Lammgulasch mit erfreulich zartem Fleisch. Hausgemachtes Schokomousse auf Eierlikörspiegel bildeten einen sehr netten Abschluss – wobei wir uns ein wenig mehr vom Spiegel und deutlich weniger vom garnierenden Obst gewünscht hätten!

Umsorgt wurden wir den Abend von einer supernetten, geduldigen und freundlichen Bedienung: So wünschen wir uns das immer!

Kuppelrestaurant in der Yenidze
Weißeritzstr. 3
01067 Dresden

Tel.: 0351 – 490 59 90
www.kuppelrestaurant.de

geöffnet täglich ab 11 Uhr

[Besucht am 19.10.2011 | Veröffentlicht am 27.10.2011 in PluSZ, Beilage der Sächsischen Zeitung | Lage | Zur Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

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