Gut, dass es Böses gibt…

Grafik: Einhart Grotegut ©1996
Grafik: Einhart Grotegut ©1996

Sie können sicher davon ausgehen, daß der edle Ritter Mengis von der Aducht vor mehr als 600 Jahren nicht anders dachte als Sie heute: Diebe sind Halunken und überhaupt nicht nett. Aber in dieser Welt gibt es nun mal solche Halunken – und das ist auch gut so, wie wir gleich sehen werden. Der Herr Mengis von der Aducht und seine liebe Frau Richmodis jedenfalls haben 1357 in Köln am Rhein erfahren dürfen, dass selbst die übelsten Schurken den Lauf des Lebens durchaus positiv beeinflussen können.

Die Geschichte fängt damit an, dass die Pest über Köln kam und – da kannte der Schwarze Tod nichts – auch vor der reichen Frau Richmodis nicht halt machte. Wer etwas von den Zeiten weiß, in denen die Pest hierzulande täglich tausende von Menschen hinwegraffte, der hat vielleicht auch eine Ahnung davon, was da in den Städten los war: Aus Angst vor Ansteckung wurden die Verstorbenen schnell aus dem Haus geschafft und so schnell wie möglich beerdigt.

Der schönen Frau Richmodis, die gerade erst vier Jahre mit ihrem Mengis verheiratet war, erging es natürlich nicht anders. Sie lag, bevor sie beerdigt werden sollte, noch auf dem Friedhof in ihrem Sarg. Und sie hatte, was dann ihr Glück werden sollte, ihren goldenen Trauring um und eine wertvolle Halskette angelegt bekommen.

Dieses hatte der Totengräber gesehen und sich gedacht: Was nützt es der Frau Richmodis, wenn sie da unter der Erde den Schmuck trägt? Derlei schändliche Gedanken wusste der Totengräber auch noch mit einem Knecht zu teilen – und so gingen denn die Beiden des Nachts auf den Friedhof, um die Leiche zu fleddern. Das Halsband war auch leicht abzunehmen, aber der Ring ließ sich dann doch nicht mühelos vom Finger ziehen. Also zerrten die beiden ein wenig herum – und bekamen dadurch nicht den Ring, sondern einen gehörigen Schrecken: Die Frau von Richmodis, tot wie sie war, stöhnt einmal laut und vernehmlich und blickt zu allem Überfluss den beiden Männern dann auch noch tief in die Augen. Und als ob das nicht schon genug wäre, richtet sich die Tote auf! Kein Wunder, dass Knecht und Totengräber das Weite suchen…

Aber auch Richmodis von der Aducht hatte sich gehörig erschrocken in ihrem Sarg. Und wer mag es ihr verdenken, daß sie so schnell wie möglich da herauskletterte und den Weg Richtung Neumarkt suchte, wo ihr prächtiges Haus stand? Gespenstergleich huscht sie in ihrem weißen Totenhemd durch die Nacht. Für eine, die eigentlich schon tot geglaubt ist, läuft sie recht schnell und kommt, immerhin ja auch durch die Krankheit geschwächt, völlig erschöpft zu Hause an.

Nun ist es aber immer noch Nacht, und daheim die Leute (neben dem Hausherrn Mengis auch noch jede Menge Knechte und Mägde) schlafen. Also muss Frau von Aducht ganz schön lange rufen und schreien, bis einer der Knechte wach wird und zur Tür eilt. Dort hört er dann eine Stimme: „Lasst mich doch endlich herein!“ – und glaubt an Gespenster. Die Stimme kennt er. Aber die, zu der die Stimme gehört, ist doch gestorben? Wer also kann es sein? Ein Geist, ohne Zweifel.

Völlig erschrocken macht also der Knecht keineswegs die Tür auf, sondern rennt zu dem restlichen Gesinde, um es zu wecken. Da stehen sie nun alle, lauschen der Stimme von Frau Richmodis und glauben, es sei nur ihr Geist – und so einem macht man natürlich nicht auf.

Natürlich verläuft all dies nicht ohne erhebliches Palaver, und davon wird letztlich auch Mengis von der Aducht wach. Irritiert erkundigt er sich, was denn der Krach vor der Haustüre soll? Wahrheitsgemäß antwortet ein Knecht: „Die Herrin steht vor der Tür und will herein!“ – aber das glaubt Mengis nicht. Hatte er selbst doch am Vortage festgestellt, dass bei seiner geliebten Frau kein Herzschlag mehr zu vernehmen war, und auch kein Atem. „Nein“, sagt Herr Mengis, „das ist nicht meine Richmodis!“ Und dann fügt er etwas hinzu, was aus dieser bis jetzt schon sehr aufregenden Geschichte eine wirklich spannende Erzählung macht: „Es müssten wohl“, sagt Mengis von der Aducht etwas verärgert und wohl auch ein wenig erschrocken über all diese nächtlichen Ereignisse, „meine beiden Gäule unten aus dem Stall die Stiege hinaufkommen, um mich zu rufen, ehe ich glaube, dass Richmodis noch am Leben ist!“

Nun können Sie sich sicher denken, was dann passierte: Es gibt einen ungeheueren Krach, und die Treppe herauf kommen zwei wunderbare Schimmel, gehen an dem total perplexen Mengis von der Aducht vorbei und stoßen das Fenster auf. Und wie sie da so runtersehen, da steht auch Mengis auf, geht zum Fenster und schaut auf die Straße. Und wer steht da? Kein Geist, sondern seine Richmodis.

Jetzt kann es dem Mengis nicht schnell genug gehen. Er hastet die Treppe herunter und öffnet die Tür, nimmt seine Frau in die Arme. Und wie im Märchen lebten die beiden noch lange glücklich und zufrieden, und Kinder bekamen die beiden auch noch.

Wie – Sie glauben das alles nicht? Dann gehen Sie doch mal nach Köln (Sie dürfen auch fahren…) und dort in die Straße am Neumarkt. Da sehen Sie, wie aus einem Haus ganz oben am Giebel zwei Pferdeköpfe herausschauen!

Geschrieben 1988/89,
1996 zu Weihnachten als Geschenkband erschienen. Grafik von Einhart Grotegut.
Sagenhaft – 12 Sagen. Nacherzählt von Ulrich van Stipriaan.

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