Auf der Wartebank

Das „Romantikrestaurant Vincenz Richter“ in Meißen bietet ordentliche Küche und desinteressierten Service

Vincenz Richter

Da stehen sie nun, die beiden Schoppen mit Weißwein. Ein Riesling und ein Grauburgunder. Für die zehn Leute in der Gaststätte gibt es zwei Bedienungen: “Er” hatte den Wein ausgeschenkt, “Sie” war irgendwie anders beschäftigt. Und während wir auf den Wein warteten, sah “Er” sich erst einmal an, wie der Wein auf der Theke warm wurde und erklärte später aufwändig und wortgewandt der Kollegin, welches denn nun der Riesling und welches der Grauburgunder sei.

Wir saßen, eng an eng mit je zwei uns Fremden rechts und links, in Meißens Traditionsgasthaus “Vincenz Richter”. Nebenan war eine Tafel für sechs Personen eingedeckt, direkt hinter uns eine für acht. Sicher, es war nett vom Tisch rechts alles über Vorverstärker und High-End-Stufen zu erfahren, auch konnten wir im Laufe des Abends mit den Nachbarn zur Linken einige Nettigkeiten austauschen, ohne die Stimme sonderlich erheben zu müssen. Romantisch fanden wir das allerdings nicht, auch wenn wir im ersten Romantik-Restaurant in den neuen Bundesländern dinierten.

Aber vielleicht bezog sich die Aufnahme vor fast zwanzig Jahren in den erlesenen Kreis der Romantik Hotels und Restaurants ja nur auf die Ausstattung und das Gemäuer des Hauses. Da kann und will man nämlich gar nicht meckern: Teils hundert Jahre alte Möbel und ein Stammtisch, der aus dem Holz der letzten Schiffsmühle der Elbe gefertigt ist, eine wundersame Waffensammlung an den Wänden: Das hat alles schon Bilderbuchcharakter.

Die Wirklichkeit kommt dann aber in Form der Vorspeise an den Tisch. “Gratinierter Ziegenkäse auf geröstetem Brot mit Ahornsirup und Apfel-Chutney” wurde eher lau als warm serviert. In vornehmer Blässe machte der Käse keinen gratinierten Eindruck, und wir vermissten auch den Geschmack von Ahornsirup. Gerne hätten wir uns wegen der Temperatur beschweren wollen, aber die beiden Servicekräfte hatten sich ins Backoffice verabschiedet, so dass das erst nach der Hälfte der Vorspeise gelang. Der verbliebene Ziegenkäse kam dann so temperiert, wie er von Anfang an hätte sein können. Und was fragte die Bedienung am Ende des Ganges (zu dem beim Gegenüber auch eine schön kräftige und sogar heiße Weißweinbouillon gehörte)? “War alles zu Ihrer Zufriedenheit?” Was soll man da, nachdem man die Unzufriedenheit schon kund getan hatte, nur antworten? Wir entscheiden uns für ein stereotyp angepasstes “Lecker!” und bestellten für den Hauptgang zwei neue Wein: Einen Schieler (den muss man bei Vincenz Richter getrunken haben!) und einen Dornfelder. Es kam: Nur der Schieler (und das kannten wir ja nun schon: jemanden zu erwischen, um sich schnell zu beschweren, ist schwer).

Damit war der Ärger aber auch fast vorbei, denn das servierte Essen war dann nahezu perfekt: Ein ordentliches Stück wirklich “Rosa gebratenes Kalbsrückensteak” mit einer guten Auswahl knackig gegarten Gemüses und einem Stück saucenfreundlichen schmackhaften Kartoffelbaumkuchen hier, drei mal gerade so “Rosa gebratene Medaillons vom Hirschrücken mit Maronensauce, Speck-Rosenkohl, Preiselbeeren und Gnocchi” gegenüber (wobei wir uns immer wieder fragen, warum man drei dünne Medaillons serviert statt eines gleichgewichtigen dicken – da lässt es sich doch viel leichter rosa garen!). Den Abschluss bildete ein Dessertteller mit Rieslingeis und einem sächsischem Quarkkäulchen: Beides so, dass man es jederzeit auch Freunden empfehlen könnte.

Ende gut, alles gut? Fast. Dreimaliges Fragen, ob alles zu unserer Zufriedenheit gewesen sei, kürzte die Zeit des langen Wartens auf die bestellte Rechnung ab.

Romantikrestaurant Vincenz Richter
An der Frauenkirche 12
01662 Meißen

Tel.: 03521 / 453285
www.vincenz-richter.de

[Besucht am 22. Dezember 2011 | Veröffentlich am 5. Januar 2012 in PluSZ, Beilage der Sächsischen Zeitung | Zu den Restaurantkritiken für Dresden und Umgebung]

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