Beim Rübenzählen von Emma gehörnt

Grafik: Einhart Grotegut ©1996
Grafik: Einhart Grotegut ©1996

Wir wissen nicht viel von ihm – eigentlich eher gar nichts. Außer dass er ein ziemlicher Riese gewesen sein muß. Und, aber da kommt es schon sehr drauf an, wen man gerade befragt, ein Unhold oder ein ganz fürchterlich netter Mensch. Er hat, wenn man das mal so flapsig ausdrücken darf, nette junge Mädchen vernascht und hochwohlgeborene Herren an der Nase herumgeführt – aber er hat eben auch armen Köhlern geholfen. Wie auch immer: Er hat sich einen Namen gemacht: Rübezahl? Das ist doch der aus dem Riesengebirge!

Wie Rübezahl zu seinem Namen gekommen ist? Also, wenn nicht alles täuscht, war das die etwas peinliche Geschichte mit Emma. Rübezahl, der Riese, der Berggeist, verspürte nämlich dann und wann sehr männlich-menschliche Regungen. Als er beispielsweise Emma sah, die keineswegs Leitfigur der gleichnamigen Emanzenzeitschrift war, sondern leibhaftige schlesische Königstochter, da rührte es ihn doch immer ganz frühlingshaft an. Vor allem, wenn Emma mit ihren Freundinnen an einem einsamen Ort baden ging.

Rübezahls erster Versuch einer Annäherung muss als gescheitert gelten: Er verwandelte sich in einen Raben, flog hoch über die Büsche und sah so zwar mehr – aber den Raben interessierte die junge Maid trotz ihrer äußerst sparsamen Badekleidung so gut wie gar nicht: Als Rabe war er auf Waldmäuse aus.

Also überlegte er sich einen übleren Trick, verzauberte Emma und lockte sie in sein unterirdisches Reich. Dort fühlte Emma sich erstaunlicherweise irgendwie dem Riesen hingezogen, und auch über der Erde ging bald alles wieder seinen Gang: Vater König weinte ein bisschen, setzte jedoch bald darauf die abgebrochene Jagdpartie fort. Erdenkönige, so weiß der Rübezahl-Erzähler Museus zu berichten, fühlen nämlich keinen Kummer als den Verlust ihrer Krone…

Doch zurück zu Emma, die es in der Zwischenzeit unterirdisch mit Rübezahl ganz nett fand. Es handelte sich um echte Liebe, wie er ihr gestand und sie ihm errötend abnahm. Dennoch: Es fehlte ihr etwas. Die netten jungen Damen, beispielsweise, mit denen sie zu scherzen beliebte. Außerdem gab es da noch, und das war schon etwas peinlicher für die junge Liebe, den Fürsten Ratibor. Und an den erinnerte sich Emma, nachdem die Lust des unterirdischen Neuen erst einmal vorüber war. Doch wie sollte sie zu ihm kommen?

Da ersann sie eine List: Sie tat so, als ob sie Rübezahl heiraten wollte – doch als ein Zeichen seiner Liebe verlangte sie kategorisch: „Gehe auf den Acker und zähle die Rüben. Aber verzähl Dich nicht!“ Da ging er zählen. Einmal, zweimal, dreimal – weil er es ja auch alles ganz richtig machen wollte. Emma nutzte die Zeit und floh. Floh, bis sie sich dem Geliebten in die Arme werfen konnte. Und unser gehörnter Berggeist hatte seinen Spottnamen weg: Rübenzähler, Kurzform Rübezahl.

Damit der gute Rübezahl nicht ganz so trottelig und überhaupt schlecht davonkommt, noch ein Hinweis auf die gute Seite des Rübezahl, der mal als Männlein, häufiger aber als Riese dargestellt wird: Da gab es einmal einen Bauern, der unverschuldet arm geworden war und dem nur ein krankes Weib nebst sechs hungrigen Kindern geblieben waren. Der Bauer wollte sich bei seinen Verwandten Geld leihen – aber die jagten ihn fort. Also rief er Rübezahl an, der prompt in Form eines rotbärtigen Köhlers mit mächtiger Keule in der Hand erschien. Um es kurz zu machen: Bauer Veit erhielt sein Geld, ordentlich quittiert auf einem Schuldschein. Doch als er es nach drei Jahren zurückbringen wollte, fand er Rübezahl nicht mehr. Das betrübte den ehrlichen Bauern – doch bevor er noch in Gram versinken konnte, flatterte der Wind ein Papier durch den Wald: Es war der Schuldschein, oben eingerissen und unten mit einem Satz Rübezahls versehen: „Betrag dankend erhalten!“

Geschrieben 1988/89,
1996 zu Weihnachten als Geschenkband erschienen. Grafik von Einhart Grotegut.
Sagenhaft – 12 Sagen. Nacherzählt von Ulrich van Stipriaan.

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