Hinter den Kulissen

Semperoper

Über Opernbälle können sich die Menschen grandios streiten – weil sie (sagen die Einen) sinnentleerte Veranstaltungen für Superreiche seien oder weil sie (sagen die Anderen) großartige Gelegenheiten zum Feiern und Genießen seien. Unser Verhältnis zum Semperopernball ist eindeutig: Sollen die, die es mögen, doch feiern – und die, die es nicht mögen, nicht hingehen.

Dresden bietet übrigens für all diejenigen, die gerne mal zu so einem Ball gehen würden, es sich aber nicht leisten können, etwas Einmaliges an: Vor der Oper wird auch gefeiert. Ohne Eintritt, immer ein wenig vom Wetter abhängig, aber immer auch bestens besucht und mit viel Spaß verbunden. Und, da kennt der Dresdner mit seiner Dresdnerin nüschte, wenn von drinnen ein Walzer übertragen wird, tanzt man draußen mit. Mit Winterstiefeln auf Kopfsteinpflaster – ein rührendes Bild.

Spalier der PressemeuteDrinnen regnet’s nicht, die Menschen sind unterteilt in mehrere Abteilungen: Promis und Pressemeute zum Fotografieren der Prominenz, Gäste mit Sitzplatz und Bummelanten mit Flanierkarten, die später kommen (müssen) und das Essen sowie das Programm verpasst haben. Außerdem jede Menge Leute, die an diesem Abend zum Feiern keine Zeit haben, weil sie arbeiten müssen. Zu dieser Kategorie gesellten wir uns in diesem Jahr, um mit der Kamera diejenigen zu begleiten, die dazu beitrugen, dass die Gäste von einem „unvergleichlichen Ereignis“ sprachen: Wir waren mit Sternekoch Stefan Hermann und seinem bean&beluga-Team unterwegs.

Schade, dass es kein Kilometergeld gab! Die Semperoper hat nämlich unendlich lange Gänge – und genau die mussten wir gehen, um von A nach B zu kommen. Zum Beispiel von der Küche links neben der Bühne zu jener rechts daneben. Der gerade, kürzeste Weg war leider durch zahlendes Publikum besetzt, das unter sich bleiben durfte – also außen rum. Und außen rum heißt eben manchmal auch: zwei Etagen runter, links rum, links rum, zwei Etagen hoch. Oder so – wir haben uns trotz einiger grundlegender Ortskenntnisse das eine oder andere Mal verlaufen und wurden dann von wissenden Köchen oder Servicekräften an die Hand genommen, um doch zum rechten Platz zu finden 😉

KüchenbesprechungAber ich will nicht meckern: Eben jene stets froh gelaunten Köche und Bedienmenschen waren lange vor uns da und gingen auch erst sehr sehr lange nach uns – und zurückgelegte Kilometer will ich gar nicht erst vergleichen, weil da eh nur ein ehrenwerter letzter Platz bei heraus käme. Acht Küchen waren in allen möglichen und meist auch unmöglichen Räumen im Hinterland der Oper provisorisch eingerichtet worden. In denen wurde fertig gemacht, was zuvor vorbereitet worden war. Wir hielten uns die meiste Zeit in der Küche links der Bühne auf, von der aus dreihundertundweißtdunicht Essen geschickt wurden (314 oder 340, so genau hab ich’s nicht rausbekommen).

Nun ist aber ein Publikum, das für einen Zwölfer-Tisch bis zu 18.000 Euro und pro Person 350 Euro Eintrittsgeld zu zahlen bereit und in der Lage ist, in der Regel individualistisch und anspruchsvoll. Also kommt man eher peu à peu und nicht in einem Rutsch. Aber wie es sich gehört, wird immer tischweise serviert. Mithin schickt die Küche im Ernstfall quasi parallel Vorspeise für die Spätkommer und Dessert für die Frühchen des Abends – und den Hauptgang für die, die zwischendurch ihren Zehner- oder Zwölfertisch rundum besetzt hatten.

Die Drei von der HerdplatteAber in den Küchen werkelten Profis, und auch im Service gab es neben reichlich Aushilfen immer erfahrene Mitarbeiter. In „unserer“ Küche half an dem Abend unter anderem Mario Pattis aus. Er hatte, wenn ich das richtig erinnere, den ersten Stern in Dresden erkocht, Stefan Hermann kam dann erst später in die Stadt. Die beiden kennen sich bestens, und das merkt man auch bei den kurzen Regie-Gesprächen vorab und zwischendurch. Auch Kai Kochan („Hier kommt der Koch[an]“) vom Catering-Service Wok war mit von der Partie und gönnte sich den Stress des Opernballs mit großer Ruhe und Gelassenheit.

2.000 Gäste saßen in der eigens zum Ball umgeräumten Oper: Die Stühle im Parkett mussten Tischen weichen, die Bühne wurde zum Tanzparkett umgemodelt. Die Gäste saßen in Logen mit unterschiedlich großer Platzkapazität, zwischen sechs und 48 Personen (entspricht 6.300 bis 50.400 Euro für die jeweilige Loge plus 350 Euro pro People darin), in abgeschlossenen Räumen wie dem Spiegelzimmer oder anderen Proberäumen und auf den Rängen. Wer nicht direkten leibhaftigen Blick auf die Bühne hatte, konnte das Programm auf Riesenmonitoren verfolgen – da geht ja so einiges heutzutage…

Thunfisch, Rosa Ingwer, Schwarzer RettichÜber 300 Köche und Bedienungen sorgten dafür, dass diese Menschenmassen zu essen und trinken bekamen. Was gab’s? Vom Feinsten! Thunfisch, Rosa Ingwer, Schwarzer Rettich zur Vorspeise. Der tuna gekräutert und nur kurz rundum angebraten, innen sushi-roh. Wir durften naschen, weil ein Gast das nicht wollte und der Teller gar nicht eingesetzt wurde und ungebraucht zurückkam. Schade eigentlich, dass die meisten es mochten, ich hätte spontan eine Tuna-Diät einlegen können! Wer genau hinsieht, entdeckt auf dem Teller auch Kresse. Es spricht für die Laune der Köche, dass ich mir folgende kurze Szene gemerkt habe: Es droht hektisch zu werden, weil irgendwas nicht auf Anhieb klappte. Der betroffene Koch droht wie ein HB-Männchen (für die Jungen: Da gab’s mal eine Werbung, bitte googeln!) in die Luft zu gehen. Da kommt ein anderer mit einem Topf frischer Kresse und grinst ihn an: „Einfach mal die Kresse halten!“ Zack, Situation entspannt – alles lacht und freut sich.

Ochsenschwanzpastete, Gänseleber, Wurzelgemüse, LinsenLeider mochten offensichtlich alle Gäste Ochsenschwanzpastete, Gänseleber, Wurzelgemüse, Linsen, so dass da nichts zum Probieren abfiel 😉 War vielleicht aber auch besser so, denn als es beim Vorgespräch in der Küche darum ging, wie man alles korrekt vorbereitet und anrichtet, hörte ich Stefan Hermann sagen, wieviel Butter und anderer Geschmacksträger in der Pastete sei… Vor Beginn des Balls hechtete er im Wahnsinnstempo von Küche zu Küche, um das Personal ein letztes Mal zu briefen. Vielleicht gehen wir aber auch mal ins bean&beluga und fragen, ob’s das auch außer der Reihe gibt, mal sehen…

Mandelmilchcreme, Eierlikörschaum, FeigensüppchenDas Dessert mussten wir unbedingt außerhalb des stressigen Abrufes für Tisch 309 oder so fotografieren – und durften das Fotoobjekt dann anschließend vernaschen, so dass wir volles Verständnis für lippenleckende Opernballgäste hatten. Mandelmilchcreme, Eierlikörschaum und Feigensüppchen passten auf jeden Fall noch – aber das Essen sollte ja auch keine träge machende Übersättigungsbeilage zum Ball sein, sondern ein i-Tupfer. Verhungern musste eh keine(r), denn nach Aufhebung der strengen Sitzordnung und nach dem Programm gab es ja noch die Stände in den Wandelgängen der Oper: Austern, Blini, Caviar & Currywurst – was man halt so zum Schampus (Ruinart, den viele völlig zu Unrecht immer noch nicht kennen und spätestens seit dieser Nacht zu schätzen wissen) schnabuliert.

MeuteplätzeEssen und trinken sind natürlich nur ein Teil so eines Balls. Der vielleicht wichtigste ist das Sehenundgesehenwerden. Dafür gibt es einerseits die so genannten Promis, die im abgeschlossenen Bereich sitzen und so innerhalb des auserlesenen Ballpublikums ganz unter sich blieben. Aber was wären Promis ohne ihre Paparazzi? Die standen, ordentlich akkreditiert und (Respekt!) auch alle im Smoking, sauber in der Reihe und knipsten was ihnen vor die Linse kam. Später am Abend sah man dann die Klebestreifen auf dem Opernboden: DieSächsische Zeitung zwischen den beiden Agenturen dpa und dapd – und hinter ihnen in zweiter Reihe mit improvisierter Handschrift die Super Illu.

MühlenbeineDas Programm des Abends (aus zweiter Reihe von hinten neben der Bühne stehend beobachtet) war bunt und kam auf jeden Fall bei den Anwesenden gut an – wobei die Damen des Balletts von Moulin Rouge, die Paris nur einmal im Jahr verlasen um auswärts zu tanzen und 2012 sich immerhin für Dresden entschieden hatten, auf jeden Fall extremlange Beine haben. Allerdings schmissen sie diese reichlich unkoordiniert durch die Gegend. Aber wer achtet schon auf derlei Kleinigkeiten, wenn es moulinrouge-getünchte Körper zu sehen gibt? Richtig: Keiner.

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