Warten unterm Berg

Felsen und Wald, die Mauern einer längst verfallenen Burg. Unter den trüben Wolken kreisen die Raben um den Turm, und an hellen Tagen schimmert ein eisgrauer Bart durch den kalkigen Fels. Der Bart wächst seit achthundert Jahren durch Tisch und Stein. Er gehört Kaiser Rotbart, Friedrich I. von Hohenstaufen, von seinen italienisch sprechenden Untertanen „Barbarossa“ genannt. Der schläft in dem Berg an seinem Tisch, und mit ihm schläft ein Gefolge geisterhafter Ritter. Seine blonde Tochter Uta sitzt dabei und spinnt den goldenen Flachs.

Einmal in hundert Jahren wacht der Kaiser auf. Dann schickt er einen Hirtenjungen nachzusehen, ob denn die Raben immer noch um das Gemäuer kreisen. Tun sie es noch, so schläft er wieder ein. Sollten sie einmal nicht mehr kreisen, wird der Kaiser wiederkommen und den Deutschen Ordnung, Recht und Frieden bringen. Kyffhäuser heißt der Berg, in dem der Kaiser schläft; er liegt in Thüringen und ist man gerade 477 Meter hoch.

Und der Kaiser? Stellen Sie sich eine Art Boris Becker vor, sehr hell, sehr blond sehr nördlich-deutsch. Aber jetzt denken Sie ihn sich viel kleiner! Nein, noch ein Stück kleiner! Jetzt noch ein roter Bart – und schon haben Sie Kaiser Friedrich vor sich und auch das Thema seines Lebens: Nord und Süd! Traum und Trauma eines geordneten, einigen, westlichen Reiches … wir würden heute sagen: Europas.

Mit Barbarossa ist ein historischer Herrscher in die Sage eingegangen. Damit sowas passiert, müssen die Zeiten, in denen er gelebt hat, fern und wild gewesen sein. Und genau das waren sie!

Gehen wir doch einmal zurück – in großen Schritten, um auch halbwegs anzukommen. Vor 100 Jahren gingen auf dem weiten Grasland Nordamerikas die „Indianerkriege“ zuende; vor 200 Jahren köpften hosenlose Franzosen ihren König und damit ein galantes Zeitalter. 300 Jahre sind schon weit entfernt: In Deutschland brannten die Scheiterhaufen der Hexenverfolgung, und in Holland blühten der freie Geist Spinozas und die Aktienkurse der Ostindischen Kompanie. Wenn wir gar 400 Jahre zurückgehen, sind wir dann bei Elisabeth, der jungfräulichen Königin, und ihrem wüsten Ritter Francis Drake. Und das alles ist erst die Hälfte des Weges! 1990 jährte sich nämlich Kaiser Barbarossas Todestag zum achthundertsten Mal! In solchen langen Zeiträumen kann es schon vorkommen, dass die Erinnerung träumerisch und verschwommen wird, und dass ein Kaiser in den Berg kommt.

Friedrich war dreißig Jahre alt, als er deutscher König wurde. Und „König werden“, das gefiel dem Ritter mit dem roten Bart! Wie schafft man das ein zweites Mal? Friedrich wies nach, daß seine junge Frau mit ihm verwandt sei, ließ sich scheiden und heiratete die Erbin von Burgund. Das war sein zweites Königreich. Jetzt hatte er Übung. „Kaiser werden“ lautete das nächste Ziel!

Und Kaiser sein, hieß Oberhaupt des Reiches werden. Und „Reich“ gab’s nur eins: das römische… Geteilt in Westreich und Byzanz. Friedrich wollte es nochmal versuchen, das Reich zu einen. Sein Pech: In Frankreich und England, beide zum alten Reich gehörig, kamen eben die Nationalstaaten auf; und in Rom, im Zentrum des Reiches, da saß der Papst inmitten seiner Länder fest auf seinen Schenkungsurkunden.

Fast siebzigjährig zog Friedrich zum Kreuzzug aus. Sein Heer zählte hunderttausend, sein Traum war die Vereinigung von Ost und West in den alten Grenzen des Imperiums. Als er an einem Sonntag bei brütender Hitze in Kleinasien an den Fluß Saleph kam, gedachte Barbarossa ein Bad zu nehmen. Er hätte der Versuchung widerstehen und lieber schwitzen sollen. Der Kaiser ertrank nämlich bei dieser Abkühlaktion: Herzschlag.

Heinrich, sein Sohn, erfüllte dann beinah seinen Traum: Die Provence, die Dauphine, die Schweiz, Mähren, Sizilien und ganz Italien mit Ausnahme der päpstlichen Ländereien gehörten zum Reich. England erkannte seine Lehnshoheit an; Zypern und Antiochien baten um Aufnahme ins Reich. Zu erobern blieben nur noch Spanien, Frankreich und Byzanz. Dann starb auch Heinrich – mit dreiunddreißig zu jung, als daß ihm die Vergeblichkeit all seines Jagens und Strebens hätte aufgehen können; und in Palermo wurde der Enkel Barbarossa im Kindergartenalter von vier Jahren König. Mit zwölf Jahren verjagte er die eingesetzten päpstlichen Regenten, übernahm seine Länder selbst und wurde der mächtigste und aufgeklärteste Kaiser des deutschen Mittelalters: Friedrich II.

All das ist lange her, und die Gestalten verwischen sich im Nebel der Geschichte. Lange noch blieb unklar, wer nun eigentlich im Kyffhäuser begraben liegt – Barbarossa oder Enkel Friedrich Zwei.

Geschrieben 1988/89,
1996 zu Weihnachten als Geschenkband erschienen. Grafik von Einhart Grotegut.
Sagenhaft – 12 Sagen. Nacherzählt von Ulrich van Stipriaan.

Print Friendly, PDF & Email

Mehr lesenswerte Beiträge

  • Gut, dass es Böses gibt…Gut, dass es Böses gibt… Sie können sicher davon ausgehen, daß der edle Ritter Mengis von der Aducht vor mehr als 600 Jahren nicht anders dachte als Sie heute: Diebe sind Halunken und […]
  • Er lügt, dass sich die Balken biegen…Er lügt, dass sich die Balken biegen… Der Herr heißt Karl Friedrich Hieronymus Freiherr von Münchhausen. Er wurde 1720 in Bodenwerder an der Weser geboren. Adelig ist er – und lügt, dass sich die […]
  • Lumpenhund oder Gentleman? Lumpenhund oder Gentleman? Johannes Bückler, ein 27jähriger Herr und trotz seiner Jugend schon Chef eines Unternehmens mit über 60 Mitarbeitern, lässt sich eigentlich durch nichts so schnell […]
  • Die Nacht der FeuerDie Nacht der Feuer Sie konnten einem lange Zeit schon leid tun – denn schließlich sind Hexen ja auch nur Menschen! Und sie haben ein Anrecht auf ihre angestammten Plätze. Einer […]
  • Ohne Furcht, doch mit Tadel Ohne Furcht, doch mit Tadel Zugegeben: ganz so riesig war er dann wohl doch nicht: Roland „der Riese“, so wie er auf zahlreichen norddeutschen Marktplätzen zu bewundern ist, mag zwar für […]
  • Nach seiner Pfeife tanzen sie gerneNach seiner Pfeife tanzen sie gerne Ratten sind eine Plage, da können noch so viele Biologen und Verhaltensforscher über die Gelehrsamkeit und das nette Verhalten von Ratten schreiben. Und wenn wir, […]

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*