Ein Hauch von Jamie O. in Amsterdam

Fifteen, Amsterdam

fifteen

Das „Fifteen“ in Amsterdam ist auch ein Restaurant. Aber es ist, nach dem Vorbild des Restaurants von Jamie Oliver in London, auch ein Platz, um Jugendlichen eine Chance zu geben, die es in ihrem bisherigen Leben nicht immer leicht hatten (und oft auch anderen das Leben nicht leicht gemacht haben, so was gehört ja meist irgendwie zusammen). Jamie Oliver hatte das erste Fifteen 2002 in London gegründet, weil er an die verborgenen Talente in den Jugendlichen glaubte, die oftmals nur durch ein problematisches soziales Umfeld verborgen seien. Diese Talente könnten durch die Leidenschaft für gutes Essen und sinnvolle harte Arbeit geweckt werden.

Seit 2004 gibt es den Ableger in Amsterdam – mit gleichem Konzept und offenbar auch gutem Erfolg, was die Idee angeht: 13 von 15 Jugendlichen habe man im vergangenen Jahr vermitteln können, erzählte (auf Nachfrage, man wird nicht missioniert!) die Kellnerin bei unserem Besuch. Allerdings, lächelte sie, sei das auch eine sehr gute Quote gewesen und nicht immer so.

Das Fifteen liegt am Hafen von Amsterdam im Oostelijk Havengebied (Östliches Hafengebiet), nahe dem Passagierterminal und nicht wirklich weit vom Hauptbahnhof Amsterdam Centraal entfernt. Ein altes Stapelhaus, das herrlich mit den modernen Gebäuden der Umgebung kontrastiert, beherbergt das Restaurant. Man kommt rein und wird von der ersten freundlichen Mitarbeiterin empfangen: Sie nimmt die Mäntel ab und checkt die Reservierung (die zu empfehlen ist, denn meist scheint es voll zu sein; als wir im Januar da waren, hätten wir aber auch ohne Reservierung noch einen Platz bekommen). Reservieren kann man übrigens prima online, und da die meisten Cafés in Amsterdam freies WLAN anbieten, gibt es für Smartphoneträger auch eine gute Ausrede, mal schnell online zu gehen.

Von der Garderobe wurden wir an unseren Tisch gebracht – schon von der Kellnerin, die uns dann auch den Abend über bediente. Das alles geschieht in lockerer und freundlicher Atmosphäre, man fühlt sich trotz der Größe des Restaurants gleich wohl. Man sitzt auch gut, und wer nur einen Drink zu sich nehmen will, kann das in Ledersesseln an lustigen Holztischen tun. Die Bedienung hat sich übrigens namentlich vorgestellt – ich hab’s nur nicht notiert und mir den Namen nicht gemerkt (sorry!).

Die Karte ist nicht allzu groß und folgt den Vorlieben von Jamie Oliver, der aber lediglich so etwas wie ein Schutzpatron des Hauses ist – betrieben wird es von Sarriel Taus, der es auch gegründet hat. Italienische Küche, unpretentiös und dennoch lecker ist das Versprechen. Die Wirklichkeit war dann zwar in Ordnung, aber keineswegs so sensationell wie man das beim Lesen des Namens von J.O. vermuten könnte.

Wir begannen (nach etwas Pane Carasau und Olivenpesto) mit dem Vorspeisenteller: Fifteen’s Amazing Antipasti (für zwei Personen, 21 Euro) mit Büffelmozarella, gegrilltem Gemüse, Oliven, Schinken – alles eher normal als aufregend. Dann kam eine gaaanz laaange Pause (die Fotos haben die gefühlte Zeit bestätigt: Zwischen dem Servieren der Antipasti und dem des Hauptgangs lagen geschlagene siebzig Minuten!). Wir vergnügten uns derweil mit unseren Lieblingsbeschäftigungen Wein trinken (2010 Salentein Reserve Sauvignon Blanc aus Argentinien, 43 Euro) und „Leute gucken“ (für umme) – inklusive Blicken in die Küche, die eine offene Front hat. Offensichtlich gab es da die eine oder andere Besprechung zwischendurch, die nicht geplant war, denn es standen immer alle zusammen und redeten.

Als dann der Hauptgang kam, waren wir wirklich froh: Linguine mit Muscheln und Königskrabbe in würziger Tomatensauce (17,50/12,00 Euro) bestätigten den so-la-la-Eindruck und sollten später noch einen ungewollten Einblick ins Krisenmamagement oder, wie man das zurückhaltender auszudrücken pflegt, die Abteilung Custumer Relationship geben. Später! Hingegen konnten die Ravioli, gefüllt mit Eigelb und serviert in einer Buttersauce mit schwarzem Trüffel (17,50/12,00 Euro) überzeugen – und das, obwohl wir keine Trüffelfans sind. Aber das Gericht war sehr stimmig abgeschmeckt und natürlich überhaupt nicht kalorienarm, was man irgendwie herausschmeckte…

Nun hätte das bislang noch nicht bestellte Dessert kommen können, aber zuvor fragte die Bedienung, ob’s denn alles gepasst hätte? Da monierte Sylke, dass sie bei ihren Linguine die Königskrabben vermisst hätte – sonst aber zufrieden gewesen sei. Das ist die Stelle, wo wir nun sozusagen im Nachhinein die Hosen runterlassen müssen: Die Krabben waren nur gefühlt nicht auf dem Teller, wie die Fotos beweisen. Aber, wie gesagt: Irgendwie waren sie im gefühlten Ess-Erlebnis nicht dabei, vielleicht auch nur nach der langen Pause schnell wegschnabuliert. Wie auch immer: Nach dem kleinen Hinweis kam statt unserer Bedienung ein Manager und erkundigte sich, was wir zu bemängeln hätten. Gleiche (immer noch im guten Glauben ehrlich geäußerte) Meinung wie zuvor – und auch ich hatte sie nicht mitbekommen, trotz notorischen Naschens. Um es kurz zu machen: Wir beteuerten, weder einen Nachlass noch sonst etwas erschleichen zu wollen, konnten uns aber nicht wehren: Es kam eine Dessertplatte, die sozusagen alle angebotenen Nachtische (einzeln 6,50 – 9,50 Euro) zusammenfasste. Wir waren beeindruckt, nicht nur vom Umgang des Restaurants mit seinen Gästen.

Sicher war es kein Wunder, dass uns eben jener Manager nach Begleichen der Rechnung zur Garderobe führte, wo wir uns noch eine Zeit lang nett unterhielten.

PS1:
Auf der Rechnung erscheint ein klitzekleiner Posten, der viel bewirkt. 20 Cent pro Person gehen an die Organisation Fill the Cup – 20 Cent, mit denen man einem hungrigen Kind in der Dritten Welt eine Schulmahlzeit bezahlen kann. Eine einfache Idee und eine großartige Idee (man muss übrigens nicht zahlen – aber wer will sich da verweigern?).

PS2:
Ich habe mal ausgerechnet, was uns zwei Desserts gekostet hätten, den Betrag verdoppelt und an das World Food Programme WFP gespendet, mit dem Fill the Cup zusammenarbeitet.

FIFTEEN AMSTERDAM
Jollemanhof 9
1019 GW Amsterdam

Tel: +31 20 509 5015
www.fifteen.nl

[Besucht am 9. Januar 2012 | Lage]

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1 Kommentar

  1. Ja ja die lieben Zwangspausen in Restaurants. Zweisamkeit ist zwar ganz nett beim Essen, jedoch machen meine Frau ich uns bei sowas immer einen Spaß. Wir holen unsere Handy´s heraus und fangen schön an zu daddeln 😀 Macht die Kellner immer sehr nervös! Wenn man dann auch noch den Ton anlässt, gibt es richtig schöne Blicke 😀

    Aber eigentlich geht man ja auch essen um das essen und den Gegenüber zu genießen 😉

    In diesem Sinne wünsche ich Dir das nächste mal mehr Erfolg was das Essen angeht 😀

    LG

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