Nachhilfe

Zur Weinkarte im Maritim Königswinter

Maritim

Im Maritim zu Königswinter ist die Zeit stehen geblieben. Architektonisch ist der Bau ein Vertreter ideenloser Moderne der 60er/70er Jahre – aber das sind ja leider viele Häuser, die sich nicht schämen, die schönsten romantischen Landschaften manchmal arg zu verschandeln. Dafür müsste man mal mit Architekten das eine oder andere Hühnchen rupfen. Die Leute, die da heute arbeiten, können sich die Hülle ja nicht aussuchen. Also sei’s drum.

Aber wenn ich dann auf der Terrasse sitze und mir das Tuckern der Rheinpötte um die Ohren schlackern lasse, dabei einen feinen Riesling von Schloss Vollrads genieße und in der Karte die letzte Seite vom „Kleinod am Rhein“ lese, dann kommen schon Bedenken. Die beginnen beim Sinnieren über die Rheinprommenade, die in exakt dieser Schreibweise beschrieben wird, das geht weiter bei der Empfehlung zum „Streifzug durch die engen, fachwerkbestandenen Gassen der Altstadt“, den wir auf dem Weg zum Hotel irgendwie anders empfunden hatten als die Dichter der Speisekarte es uns ans Herz legen wollten.

KleinodAber beim Absatz über den Wein der Gegend muss ich dann doch mal den Besserwessi mit Migrationshintergrund raushängen lassen. Ich zitiere: „Man sollte … nicht versäumen, den mittelrheinischen Wein aus Deutschlands nördlichstem Anbaugebiet zu probieren, dessen Weinberge im Jahre 1192 von Zisterziensermönchen aus Heisterbach kultiviert wurden.“

Also hörens, liebe Maritim-Schreiber: Deutschland war sogar im Sinne der alten Bundesrepublik schon immer auch das andere Deutschland, das weit hinter den sieben Bergen bei Bonn begann. Und da jibbet’s beispielsweise an der Elbe wie auch im Bereich von Saale und Unstrut Wein. Und wenn man der Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg Glauben schenken darf, schon seit etwa 929, kommt ja auf das eine oder andere Jahr nicht so genau an (sowas steht übrigens für alle frei zugänglich in der Wikipedia). Beide Anbaugebiete sind weit nördlicher, und nur bundesdeutsche Marketingarroganz hat den Mittelrhein zum nördlichsten Anbaugebiet gemacht – bis 1989 (oder 1990, freie Wahl) ja vielleicht noch verständlich – aber seitdem geht das doch gar nicht mehr, oder?

Ein Blick in die Hauszeitschrift Maritim Journal (Ausgabe 58, Frühjahr/Sommer 2012 – liegt in allen Zimmern des Haues aus) hätte eventuell geholfen, aber vielleicht ja auch nicht: Die Karte auf Seite 33 zeigt schön, wie nördlich nördlich sein kann, aber der Text über das „Weinland Deutschland“ ist auch nahezu ohne Beachtung der Weine an Elbe, Saale und Unstrut geschrieben worden. Ich biete mich hiermit gerne an, da mal was gut zu machen…
😉

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5 Kommentare

  1. Die Bezeichnung Siebengebirge (auf die mit den sieben Bergen angespielt wird) muss nicht von »sieben Bergen« kommen. Das habe ich mir dort erklären lassen und es steht auch im entsprechenden Wikipedia-Artikel. In und um Bonn ist es aber in der Tat wunderschön und es stimmt: In manchen Ecken scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

    • das hatte ich auch schon gelesen, aber erstens ist der verlinkte wikipedia-beitrag ja auch in sich widersprüchlich (punkt 2: sieben berge vs. punkt 4) und zweitens lernen alle schulkinder dort die sieben hügel, wie in eben erwähntem punkt 4 erwähnt. sprache ist da glaub‘ ich flexibel. und drittens kommt der drachenfels mit den sieben bergen erst in der nächsten folge dran, also verrate ich noch nicht mehr 😉

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