Von Obervogelgesang nach Rathen

Unterwegs auf dem Malerweg

Der Malerweg durch die Sächsische Schweiz hat einen traditionellen Teil – da sind weiland die romantisch veranlagten Maler lang gelaufen, um sich inspirieren zu lassen. Und es gibt einen neuen Weg, den die Tourismusindustrie erfunden hat, um etwas mehr Landschaft zu erschließen. Uns ist das egal, ob die Pfade historisch bekleckert sind oder nicht – Hauptsache sie sind schön! Und weil wir es nicht so eng sehen, weichen wir auch schon mal ab oder wandern in anderer als der angegebenen Richtung – soll ja alles ein Vergnügen bleiben. Die Etappe von Obervogelgesang über Wehlen nach Rathen ist ein Mix aus allen Unmöglichkeiten: Wir wandern in entgegengesetzter als der empfohlenen Richtung und wir verlassen den Malerweg, um unser Ziel Rathen zu erreichen (beides aus gutem Grund – das merkt, wer bis zum Ende liest!).

Aufstieg

Obervogelgesang hat einen lustigen Namen und eine S-Bahn-Haltestelle, die von Dresden aus halbstündig angefahren wird. Die nutzen wir, denn praktischerweise verläuft hier der Malerweg gleich unterhalb des hochgelegten Bahnsteigs. Natürlich geht es erst einmal rund hundert Meter hoch – aber (wie die ganze kommende Zeit) im Schatten von Bäumen. Eine hervorragende Hochsommertour, die man aber auch (wie wir!) bei grauem Himmel gehen kann. Oben angekommen, bummelt es sich dann auf quasi einer Höhenlinie entlang. Man sieht: Keine Elbe, aber eingeseilte Felsen (was tut man nicht alles, um die zu schützen!). Erholung pur ist garantiert, es ist weitgehend ruhig – nur hin und wieder dringt von unten Gelächter oder Gesang fröhlich-ausgelassener Gruppen ans Ohr. Unterwegs auf dem Dampfschiff oder mit Rädern auf dem Elberadweg sind sie, aber uns hier oben ficht das nicht an.

Bankenschutz

Unterwegs finden wir einen (leeren) abgestellten Kinderwagen und eine (auch irgendwie leere, weil kopflose) Mütze mit Sowjetstern, die an einer Bank hing, sowie einen (!) Pilz. Irgendwann wird es matschepampig – offensichtlich kein Ausnahmezustand, denn Stämme sollen für trockenen Fuß sorgen. Die nehmen wir nicht, sondern den bereits ausgetretenen Trampelpfad ein wenig abseits. Das hat weitgehend geklappt, aber wir waren dann doch ganz froh, ordentliches Schuhwerk angehabt zu haben. Einmal hat sich das Wasser zu einem Bächlein zusammengetan, das munter plätscherte und im kleinen Wasserfall den Felsen herunter stürzte.

Saugstelle

Der Wald lichtet sich, zur Rechten ein Riesengrundstück mit akkurat geschnittenem Rasen. Exakt wie mit der Nagelschere! Wenn da nicht ein Mann im Schatten gesessen hätte, der sehr sehr freundlich guckte und grüßte, hätten wir das befremdlich gefunden – aber was so ein nettes Gesicht ausmachen kann… Das Grundstück dahinter ist dann wieder uneingezäunt und wildblumenbewachsen. Gegenüber bietet sich ein Bildmotiv an: Sylke neben dem Schild Saugstelle, die Flasche (Wasser, was sonst?!) am Hals.

Samstags zu Hause

Wir sind im Anflug auf den Ort Naundorf. Mit Ziegen, Pferden, wahnsinnig voll Äpfeln hängenden Bäumen, ordentlich aufgehangener Wäsche über Unkraut jätenden Hausbewohnern und den ersten schmucken Häusern. Mitten im Dorf gibt es ein erhaltenes Feuerwehrhaus von 1845 und ein neues – aber vor allem gegenüber: den Gasthof Schöne Höhe. Wir freuen uns auf ein Wanderbier, und der kleine Hunger meldet sich beim Anblick des Wirtshausschildes auch schon. Aus der anderen Richtung kommen sechs Leute, die ähnliche Gefühle haben. Aber: “Geschlossene Gesellschaft!” verkündet ein Schild. Zwar ist (noch) kein Mensch zu sehen, aber geschlossen ist geschlossen, mit oder ohne Gesellschaft. Wir sind kurz sauer und später hocherfreut, weil wir was wahrscheinlich viel Besseres gefunden haben!

Wurzelweg

Ein kleiner Pfad am Ende des Dorfes führt uns hinunter nach Wehlen, beziehungsweise in den Ortsteil Pötzscha. Ein sehr romantischer Weg, bei dem man manchmal denkt, falsch zu sein – aber das passt schon. Ein Haufen Kühe kehrt uns die Hinterteile zu – alle, außer einer. Rechts geht’s zum Robert-Sterl-Haus, das dem impressionistischen Maler gewidmet ist. Geradeaus führt der Weg ins Dorf, von dem eine Fähre rüber nach Wehlen führt. Aber warum sollten wir rüber, wo es doch auf dieser Elbseite auch genug Angebote gibt? Wir entschieden uns spontan für das Haus mit dem schlechtesten Elbblick (nämlich gar keinen) und waren ungeheuer beeindruckt von der Flüsterklause (das gibt einen eigenen Beitrag)!

Baumwurzeln

Nach dem fantastischen Essen nahmen wir wieder den Malerweg. Es geht nur ein wenig über die Sraße, danach wieder ab ins Elbsandsteingebirge. Der Rauensteinweg war wahrscheinlich Ursprung für die Redewendung “über Stock und Stein”, denn zuerst besteht der Weg fast nur aus Wurzeln. Es ist schon faszinierend, wie die Bäume sich die Grundlage für ihre Ernährung zusammenholen – vor allem, wenn der Untergrund immer felsiger und das Wurzelgeflecht immer oberflächlicher wird. Von nun an gibt es auch wieder Blicke auf die Elbe und das gegenüber liegende Ufer. Wo die Felsen so schön gelb sind, hat’s Abbrüche gegeben, wobei der eine oder andere Wanderweg mit dran glauben musste…

Da geht’s weiter

Der Rauenstein ist ein bemerkenswerter Tafelberg: 304 Meter hoch nur, aber etwa 200 breit und 600 Meter lang. Touristisch erschlossen 1885, wie ein Schild an einem Felsen verrät. Und das heißt: Es gibt Leitern, in den Fels gehauene Stufen, kleine Brücken, Geländer, Stiegen: Man kommt recht bequem vom einen ans andere Ende, im Prinzip. Aus rein wissenschaftlichen Gründen musste ich allerdings am unteren Ende einer elendig langen Stahltreppe einen Test machen. Die Treppe geht da nämlich in eine Steinstufe und zwei Holzbohlen über, von denen die unterste leicht schräg und gut besandet war. Also beliebte mein linker Fuß auszurutschen – und siehe da: Die Schwerkraft funktioniert noch, und ein auf die Ecke geschlagener Arm ist durchaus stabiler als das Holz. Die Prellung/Schwellung allerdings war galaktisch!

Die Ausblicke vom Rauenstein können grandios sein, wenn das Wetter mitspielt. Wir hatten es mittelprächtig erwischt, fanden den Rundumblick auf die Bastei gegenüber der Elbe, zur Festung Königstein, zum Papststein oder den Bärenstein (den gibt’s im Zweierpack: groß und klein) schlichtweg toll. Am besten: Einfach nur hinstellen, den Blick schweifen lassen, die Ruhe genießen.

Elbsandsteinpanorama
Tafelbergepanorama
Blick stromauf

Die Berggaststätte ist Teil der touristischen Erschließung, es gibt sie seit 1893. Wir haben sie nicht ausprobiert, weil wir ein Ziel hatten: Die Destillerie Rathen. Aber die Aussichtsplattform am Ende der Gaststätte haben wir natürlich besucht und nochmals eine kontemplative Ausguckminute eingelegt – rüber zur Bastei, die Elbe stromauf bis ins Tschechische hinein (wo ich mich viel zu wenig auskenne, es gibt also noch viel zu tun!), den Lilienstein voraus, den Laasenstein mitten im Wald, von Kletterern behangen.

Wurzelwerk

Der Absteig nach Rathen ist – nun ja: puppsch, einfach, nett. Vorbei am Laasenstein, den wir schon von oben gesehen hatten, breite Wald- und Feld- und schlussendlich befestigte Wege. Wieder Wurzelwerk (also das echte, das der Bäume) auf den Wegen und ein Baum, der aufgeständert erscheint und je nach Perspektive sogar interpretationsfähige Laszivität demonstiert. Keine großen Aaaahs und Ooohs, aber eine angenehme Teilstrecke.

Fährtanz

Nach Rathen bringt uns eine Fähre –aber nicht irgendeine. Es ist eine Gierseilfährpram, die lautlos in einem Schub über 300 Passagiere über die Elbe bringt. Angetrieben nur durch die Strömung des Flusses ist das eine ökologisch einwandfreie Sache, und da die Schifffahrt (mit drei f!) hier nicht so arg heftig ist, auch nicht wirklich störend. Wer wissen will, wie’s genau funktioniert: Die Wikipedia erklärt’s ganz gut (inklusive Ausflug in die Newtonsche Mechanik!) 1657 soll demnach dieser Fährtyp erfunden sein – und ein wenig in alte Zeiten zurück versetzt fühlten wir uns auch auf der Rückfahrt, als auf dem linken Elbufer eine sorbische Zweimannkapelle für ein eher lahmes Freiwilligenfeuerfehrfest aufspielte – und vier Paare und ein Hund auf der Fähre tanzten! Das hatte was.

Sonnenuntergang in Rathen

Zwischen hin- und Rückfahrt besuchten wir gezielt den famosen Herrn Teuteburg, der uns als Geistermacher in der Rathener Destillerie schon bei früheren Besuchen große Freude bereitet hat – aber das wird ein eigener Beitrag. Unabhängig davon: Mit Feuerwehrfest auf der anderen Elbseite ist es nüschte mit der beschaulichen Ruhe, die man sonst hier am normalerweise ruhig dahin ziehenden Fluss kurz vor Sonnenuntergang genießen kann. Und das schreibt sich, zehn Jahre nach der verheerenden August-Flut 2002, schon etwas mit mulmigen Gefühlen. Also gut: Lieber Feuerwehrfest als Hochwasser!

GPS-Karte Vogelgesang-Wehlen-Rathen

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