Fachwerk, Kussverbot und Namensschilder

Das Leben in Göttingen ist von Wissenschaftlern und Studenten geprägt

Göttingen

„Universitätsstadt“ steht in großen Lettern auf dem Hinweisschild an der A7, und freundlicherweise gibt es im Vorüberrauschen noch den Hinweis auf Göttingen. Das ist gut so, denn die Skyline der niedersächsischen Stadt ist trotz schöner Türme nicht so prägnant wie die anderer Städte. Und dass da noch ein Mädel (auf der Hinweistafel größer als die Türme!) ins Bild blickt, nimmt auch nur wahr, wer sich auskennt: Das ist das Gänseliesel, das Wahrzeichen der Stadt.

GänselieselSeit 1901 steht sie mit ihren Wasser speienden Gänsen vor dem Rathaus – und ist für die Studenten eine wichtige Identifikationsfigur geworden. Vor hundert Jahren stürmten die frisch Immatrikulierten die Brunnenfigur, um sie zu küssen. Aber wie das so ist (und auch schon früher war): Leise ging‘s bei derlei Vergnügen nicht zu. Also schritt der Magistrat ein und erließ ein Bekletter- und Kussverbot – das bis heute gilt und lediglich am Tag des 100. Geburtstags des Gänselieseldenkmals für einen Tag aufgehoben wurde.

Aber natürlich kümmert das Kussverbot keinen. Heutzutage ist der Andrang allerdings nicht mehr so groß, denn die Doktoranden haben die Sitte übernommen. Nach bestandener Prüfung bringen sie Blumen, sie küssen das Liesel, das damit als meistgeküsstes Mädchen der Welt gilt.

Göttingen und die Wissenschaft! 1734 begann der Lehrbetrieb an der Georg-August-Universität, 1737 erfolgte die feierliche Einweihung. Mit der Universität ging es für Göttingen bergauf. Mit damals fast 1.000 Studenten zählte sie zu den größten Universitäten Europas – und mit den über 24.000 heute ist sie zwar nicht mehr die größte, aber immer noch eine der großartigen (Exzellenzstatus hin oder her). Über 40 Nobelpreisträger haben hier geforscht und gelehrt!

NamensschilderDie Wissenschaft verfolgt einen beim Bummel durch die historische Altstadt auf Schritt und Tritt. Das Fachwerk der Häuser, die das Stadtbild prägen, rahmen häufig marmorne Gedenktafeln. Über 320 Tafeln sind seit 1874 gefertigt und angebracht worden, und sie erzählen sehr schön die Geschichte der Wohnstätten wie auch der Göttinger Gelehrten überhaupt. Die Gedenktafeln sind fast immer auch Nachdenktafeln, zum Beispiel über die Frage, „warum z. B. der überzeugte Preuße und bekennende Antisemit Heinrich von Treitschke bereits in seinem Todesjahr 1896 eine Tafel erhielt, während die als erste Frau in Deutschland zum Doktor der Philosophie promovierte Dorothea Schlözer über 150 Jahre warten musste, bis es 1976 endlich soweit war.“ Schreibt das Stadtarchiv Göttingen auf seiner Homepage.

Die meisten Gedenktafeln (es waren mal vier, heute sind es noch drei) erinnern an den Mathematiker Carl Friedrich Gauß. Dem begegneten wir allerdings nicht per Wohnortnachweis, sondern kulinarisch: Das interessanteste Restaurant Göttingens – glaubt man den einschlägigen Gastro-Guides – trägt seinen Namen.

LichtenbergNatürlich findet man den einen oder anderen Bekannten auch nicht nur als Gedenktafel. Georg Christoph Lichtenberg, dessen in „Sudelbüchern“ gesammelten Aphorismen es bis heute in viele Bücherregale geschafft haben, steht klein und bucklig (er litt unter einer Wirbelsäulenverkrümmung) vor der Treppe zum Standesamt am Rathaus. Die Kugel in der linken Hand ist hübsch blank: Eine vornehme alte Dame, den Fotografen bei der Suche nach der besten Perspektive missachtend, gab die Erklärung: Sie streichelte die Kugel.

Kleinigkeiten und Vertrautheiten machen das Flair von Göttingen aus. Man kommt schnell ins Gespräch – im Zeitungsladen, auf dem Markt, im Kirchturm von St. Jacobi mit dem Glöckner, der „auch ein Naturwissenschaftler ist“, wie er sofort betonte, als er den Recherchezweck des Turmaufsteigers erfuhr. Eigentlich klar, denn was wäre Göttingen ohne seine Universität, ohne seine Wissenschaftler? Und dass sie sich nicht nur der Chemie und Physik verschreiben, sondern auch die Glocken spielen und die Orgel – das macht den Charme der Stadt aus.

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