Der Turm – eine Spurensuche

Auf Spurensuche

Christian trat nach draußen. Er war zu Hause, im Turm.
Uwe Tellkamp, Der Turm. Suhrkamp 2008:23 

Uwe Tellkamp kann, wenn er will, auch kurze Sätze schreiben. Meist will er aber nicht, und überhaupt: Kurz. Was ist das, wozu das? Tellkamps Buch „Der Turm“ hat 973 Textseiten. Uwe Tellkamp nimmt sich die Zeit, Dinge sich entwickeln zu lassen. Und er beschreibt penibel – ob photografisch genau oder phantasievoll-exakt, ist da eigentlich egal. Aber natürlich gibt es für Vieles im Buch reale Entsprechungen.

Die zu entschlüsseln hilft eines auf keinen Fall: Die Vorsatzblätter im Buch zu studieren. Die geben eine sehr kreative Landschaft wieder. Hilfreicher sind da schon die Touren, die Albrecht Hoch anbietet, ein Dresdner (der, wenn man ihm so zuhört und ihn begleitet, gut in den Roman gepasst hätte, als Freund Christians vielleicht), ein studierter Historiker und ein kenntnisreicher Gästeführer.

Zwei Stunden soll seine Tour dauern, wir waren drei unterwegs – es gab nach dem offiziellen Ende für Interessierte noch Zugabeschleifen. So machen Stadtführungen Spaß! Wobei Spaß ein schönes Stichwort ist, denn dröge ist diese Führung überhaupt nicht. Wir haben viel und herzhaft gelacht auf den Spuren von Tellkamps Turm.

Treffpunkt und also Ausgangspunkt ist das Buchhaus Loschwitz – per se ein schöner Ort, aber für eine Literatour natürlich ein besonders guter Ausgangspunkt. Nach einem allgemeinen Setting und einer kurzen Einführung beginnt die Tour da, wo auch der Roman anfängt: Am Körnerplatz und der Talstation der Standseilbahn.

Wir folgen Christian.

Bedienpult

Langsam, die runde, lederne Münzwechseltasche schlenkerte auf der abgewetzten Uniform, ging er vor zur Fahrerkabine mit dem Bedienpult, dessen viele Knöpfe Christian sinnlos erschienen, denn gelenkt wurde die Standseilbahn von Seil und Rollen, gebremst im Fall, daß das Seil einmal reißen sollte, automatisch über einen ausgeklügelten Zangenmechanismus. Vielleicht hatte es mit den Knöpfen eine andere Bewandnis, vielleicht dienten sie der Verständigung oder der Psychologie: Knöpfe, die vorhanden waren, mußten auch etwas zu bedeuten haben, eine Funktion erfüllen, erforderten Kenntnis, beugten der Eintönigkeit und Dienstmüdigkeit vor.

Uwe Tellkamp, Der Turm. Suhrkamp 2008:17

Im Tunnel

Dunkelheit schob sich langsam von der Seite vor, und für kurze Zeit, bevor der Ausgang in Sicht kam, spendeten nur die Tunnellampen und die Scheinwerfer spärliches Licht.

Uwe Tellkamp, Der Turm. Suhrkamp 2008:18

Gegenbahn

Von oben, aus der Dunkelheit oberhalb des Tunnels und des Sibyllenhofs, kroch die Gegenbahn auf sie zu und erreichte zum selben Zeitpunkt wie sie die Schleife, wo die Fahrspur sich teilte und eine Bahn der anderen ausweichen konnte.

Uwe Tellkamp, Der Turm. Suhrkamp 2008:21

Bergstation

Die Bahn wurde langsamer, rollte die letzten Meter aus. Christian, in seine Erinnerungen und Gedanken versunken, hatte kaum bemerkt, wie der Wagen in den oberen Tunnel eingefahren war, der durch die weißgekalkten Wände heller als der untere wirkte, hatte nur einen gewohnheitsmäßigen, aber nicht eigentlich wahrnehmenden Blick auf das freundlich helllgetünchte Kabinenhaus mit dem anmutig geschwungenen Dach geworfen, an das sich der Backsteinbau mit der Leuchtröhrenaufschrift „Standseilbahn“, dem Maschinenraum und dem Vestibül anschloß, wo man warten und Fotografien, frühere Modelle und technische Einzelheiten darstellend, in einer Vitrine betrachten konnte.

Uwe Tellkamp, Der Turm. Suhrkamp 2008:22

Albrecht Hoch

Während Christian im Roman mit Meno, der ihn abholt, rechts abschwenkt, verweilen wir ein wenig vor der Gaststätte hier oben. Der Luisenhof ist im Buch der Sibyllenhof. Natürlich hat er einen Turm, das ist bei den Häusern im Goldstaubviertel Weißer Hirsch eher Standard als Ausnahme. Und er bietet einen faszinierenden Blick auf Dresden, theoretisch natürlich nur. Also bei Nebel sieht man nicht viel. Hier oben über der Elbe hat man oft die Qual der Wahl: den kalten böhmischen Wind und klare Sicht oder dicke Suppe im Tal, aber erträgliches Lüftchen ums Ohr. Bei uns war’s erstaunlich milde…

Natürlich hat sich das Viertel geändert seit der Zeit, die Tellkamp in seinem Roman beschreibt – die sieben Jahre vor 1989. Aber manch Blickwinkel, zumal bei trübem Wetter, in dem allzu heutige Details  verblassen, kommt einem vor als ob’s gestern wär‘.

Blick gen Johannstadt

Der Blick durch den Gartenzaun nach Johannstadt ist so eine Retrospektive. Zu filmen ist das alles ungleich schwerer, und kaum ein Dresdner vergaß nach der Ausstrahlung der Roman-Verfilmung im Fernsehen zu erwähnen, dass man da ja die Kuppel der Frauenkirche sähe – obwohl die im fraglichen Zeitraum doch noch gar nicht wieder errichtet gewesen sei. Man hätte ja wirklich schon mal prophylaktisch drehen können, bevor sie wieder steht, oder? Auf dem Bild oben sieht man sie übrigens auch!

Wir sind noch nicht wirklich weit gelaufen, vielleicht drei Gehminuten von der Bergstation der Standseilbahn aus. Aber es verschnattert sich so schön, und es gibt so viel zu sehen. Hier oben ist es sogar eine Notiz wert, wenn nichts passiert. Was schreib ich da „Notiz“ – einen Stein in der Mauer ist es wert!

Was hier 1875 geschah

Absolut nichts scheint auch manchen Villen passiert zu sein. Aber das sind oft nur Äußerlichkeiten, manchmal mit Bedacht vorgenommen. Die Binnenwelt sieht häufig ganz anders aus, mit wertvollem Mobiliar und Kunst an den Wänden. „Muss ja nicht jeder von außen schon sehen, wie es hier drinnen aussieht!“ sagte mir einmal ein Freund, als ich ihn auf das Antlitz seines DDR-grauen Hauses ansprach.

Alles bleibt wie es war

Den Schutzumschlag des Romans ziert ein  Stück schmiedeeiserner Zaun. Was für eine Aufgabe, den finden zu wollen beim Spaziergang durch den Weißen Hirsch! Albrecht Hoch, der diese Tour schon mehrere Dutzend Male gegangen ist, weiß: Mit so einer Aufgabe kann man Kinder beschäftigen. Fotografen übrigens auch. (Natürlich weiß er die Lösung, aber die hier zu verraten wäre fast so frevelhaft wie die Rezension eines Krimis mit der Auflösung des Falls zu beginnen.)

Zaun

Wir nähern uns dem Teil des Viertels, das vom Forschungsinstitut des Baron Manfred von Ardenne geprägt wird. Man sieht es ja schon, wenn man unten, am anderen Elbufer, beispielsweise im Café Toskana sitzt und rüberguckt: Villa und Sternwarte sind wichtige Punkte im Bild.

… Baron Ludwig von Arbogast, von dessen riesigem Anwesen am Unteren Plan, in den die Holländische Leite mündete, und Institut halb mit Bewunderung, halb mit Mißtrauen gesprochen wurde. …

Uwe Tellkamp, Der Turm. Suhrkamp 2008:26

Oben sieht es heute anders aus als zur Zeit des Romans: Moderne Gebäude neben der alten Villa, und die dort erwähnte Volkssternwarte gehört natürlich auch zum restaurierten Bereich und hat, so geschah das nach der Wende nicht selten, neben dem Efeu auch das Volk verloren im Begriff.

Die Sternwarte

Überschirmt von einem Eßkastanienbaum, der seine Zweige bis weit über den Fußweg auslud, stand die kleine Arbogastsche Sternwarte, die schon lange nicht mehr in öffentlichem Gebrauch war, obwohl eine davor aufgestellte Tafel „Volkssternwarte“ versprach. Stab und Ziffernblatt einer Sonnenuhr rosteten im Efeubewuchs des zerfressenen Verputzes.

Uwe Tellkamp, Der Turm. Suhrkamp 2008:26

So nach und nach kommen dann die Häuser, die Tellkamp beschreibt. Manche sind identifizierbar, andere könnten es sein – oder auch nicht. Geschichte haben sie alle, Geschichten zu vielen nimmt man verwundert oder lächelnd oder beides wahr. Kleinigkeiten können Aufhänger sein, so wie das im Gehweg eingelassene Wort „Privat“, das mehrfach zu sehen ist vor Toren. Wer sich traut und den Grenzstein überschreitet, löst Licht aus – eine offensichtlich neuzeitliche Lichtschrankeneinrichtung verrichtet hier beachtlichen Dienst – und wird alsdann mit einem weiteren Stein willkommen geheißen: Salve!

Erst kommt das Private, dann kommt das Willkomm!

Nicht immer sind die Dinge so offensichtlich, Dichtung und Wahrheit wollen schon genau erlesen sein. Es gibt ein „Haus Abendstern“ im Viertel – aber es passt nicht zum Rest. Dafür findet sich ein namenloses Haus, das im Buch der Abendstern zu sein scheint.
Haus Abendstern

… und eben jetzt saß der andere, der wirklichere Christian bei Niklas im sprühhellen Musikzimmer auf der Récamiere, die Eltern, Lothar Däne, Schalplatten-Trüpel, Ezzo und Reglinde, Gudrun am Tisch mit den Meißner Gedecken, Gudruns Vater bärtig, mürrisch und verkannt im Sessel neben der Veranda (…).

Uwe Tellkamp, Der Turm. Suhrkamp 2008:529

Dafür ist die nächste Villa sehr exakt beschrieben. Wir sind am „Tausendaugenhaus“, wo „an Wochenenden gemeinsam gefrühstückt wurde“.  Tellkamp beschreibt es im Winter, bei unserem herbstlichen Besuch fehlte der Schnee. Aber was nicht fehlte, waren die Semmeln: Albrecht Hoch hatte welche dabei, zum Probieren. Und er trug – mit Verve! – die Ode an die Semmel vor!

Blick nach Ost-Rom

Über Nacht hatte es weitergeschneit, der Garten, der unter dem Fenster jäh abfiel, lag unter einer dicken Weißdecke, das Gartenhaus, in dem Meno sommers oft schrieb, manchmal auch schlief, sah aus wie mit Zuckerguß bedeckt, die Sandstein-Brüstung links und rechts davon, die den oberen Teil des Gartens vom unteren, wilder belassenen, trennte, ragte nur wenig aus dem Schnee.

Uwe Tellkamp, Der Turm. Suhrkamp 2008:84

O Semmel!

Meno lachte, griff nach seiner Semmel, betrachtete sie eine Weile, Spottlust in den Augen. Er stand auf, streckte die Semmel mit pathetischer Geste von sich:
„Dich, o vollblütige Dresdner Semmel, will ich besingen,
wie du so prächtig und pausbäckig forderst die Freßsucht,
doch kommst Du, sag an, aus Elysiums Konsum,
hat vom volkseigenen Backblech geschabt dich der Bäcker Nopper,
stammst du aus Wachendorfs gemütvoll bemehltem Geschäfte,
aus Walthers oder Bäcker Georges frühmorgendlich mürrischen Körben?
Doch wie, o sprich, du teigiges Dresdner Ereignis,
soll dich nennen des Sängers gierig-gefräßiger Mund,
der mit lechzenden Lippen lüsternes Lied dir verfertigt?
Stolz und elastisch wie … Mädchenbrüste? lockst du zum Kosten,
aber es ist ein Kosten nur, was du gewähren
mir sollst, wo doch der Sänger in dich
wie ein hungriger Hund seine Zähne will graben,
um mit tierischem Schlunde und heulend fette Fetzen
aus deinen fantastischen Flanken zu reißen – O! Wie!
Wie nur nenne ich dich, du gebackene Bratsche,
Gummigaumen, Dampfdattel, Dresdner Dudelsack,
kunstgeküsste Knuddelkuppel, wie nur, stumme Dulderin
höllischer Hitze, du Meisterstück des sächsischen Genius‘,
o Semmel?“

Uwe Tellkamp, Der Turm. Suhrkamp 2008:90/91

Albrecht Hoch, Turmtouren nach Tellkamp
nächste öffentliche Tour mit (noch) freien Plätzen: 29.12., 14 Uhr

Hochtouren-Dresden
Österreicher Str. 9
01279 Dresden

Mobil 0163-2523580
Büro 0351-2523580
www.hochtouren-dresden.de

Uwe TellkampZitate aus dem Buch
Uwe Tellkamp: Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land. Roman. Suhrkamp. Frankfurt am Main 2008. ISBN 3-518-42020-8

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