Ein Dorf im Harz: Meisdorf

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Meisdorf muss man nicht kennen – aber wenn man es kennt, ist das auch nicht schlimm. Immerhin hat Meisdorf:

  • eine Kirche
  • ein Schloss
  • keinen Bahnhof
  • einen Taubenturm

Und natürlich noch viel viel mehr, von dem wir während eines einwöchigen Aufenthalts das eine oder andere mitbekamen. Einige Spaziergänge durch Meyßtorp, wie man schon vor rund achthundert Jahren sagte, brachten uns den Ortsteil der Stadt Falkenstein im Harz in allen Facetten näher – mit einigen misstrauische Begegnungen und viel mehr neuen Bekanntschaften, die – bliebe man nur länger – durchaus Freunde werden könnten.

meisdorf-Bilderbogen

Der Spaziergang beginnt am Schloss, das Ende des 18. Jahrhunderts die von der Asseburg errichteten. Das Schloss liegt – so rein gehtechnisch und gefühlt, nicht verwaltungstechnisch – außerhalb von Meisdorf und wendet sich mit seiner Fassade vom Ort ab. Was auch immer sich Achatz Ferdinand von der Asseburg, der Bauherr, dabei gedacht haben mag. Gleich hinterm Schloss beginnt Meisdorf mit einem netten architektonischen Ensemble, das die Widersprüchlichkeit des Ortes schon andeutet: Altes Fachwerk mit hässlichem Schuppenanbau neben hässlichem Bungalow mit blumenprächtigem Vorgarten, allerdings auch mit Garagen-Schuppen. Die Schuppen vergessen wir und erfreuen uns an mehr Fachwerk. Den Gasthof zum Selketal lassen wir links liegen, weil uns die Gardinen nicht gefallen. Nein, ehrlich: Weil wir gerade gefrühstückt hatten und uns noch nicht nach Nachschub ist.

IMG_2725Große Freude bereitet uns das Schild nur wenige Meter die Allee weiter weg: „Kette’s demnächst Klappradverleih“ ist in vielerlei Hinsicht preisverdächtig: Erstens natürlich ob des wunderbaren Zufalls, dass offensichtlich jemand Kette heißt und sich in Fahrrädern versucht, allerdings – zweitens – nicht sofort, sondern erst demnächst – das aber schon seit geraumer Zeit. Über den mittlerweile dudenkonformen Deppenapostroph sehen wir, selbstverständlich, geflissentlich hinweg, auch wenn er sich vorzüglich ins Gesamtensemble fügt.

meisdorf-kircheNoch ein wenig weiter (in Meisdorf ist alles nah beieinander, wie auch sonst in so einem kleinen Gemeinwesen von 19,56 Quadratkilometern?) sehen wir schon die Kirche. Die ist schon ein Stück älter (in dieser Form gibt’s sie seit 1686) und hat daher einige Zipperlein. Nicht unschuldig daran ist der Holzwurm, dem derzeit zwei Restauratorinnen den Garaus machen. Sie werkeln an der Kanzel herum, die eingerüstet ist – und sie kümmern sich auch um Gäste wie uns, die einfach mal so in die Kirche kommen. Die eine von ihnen macht das Licht an, damit wir besser sehen können und steht auch für Fragen bereit: Sehr nett! Wir erfahren, dass der Förderverein für die Erhaltung der Kirche zu Meisdorf sich kümmert und immerhin mehr als die Hälfte der Kosten dieser Restaurierung in Höhe von 11.554,60 Euro aufbringt. Respekt!

IMG_2628Die Straße, die wenig hinter der Kirche von der Hauptstraße abzweigt, hat einen schönen Namen: Seitenbeutel. Eine Sackgasse – eben wie ein Beutel: oben offen, unten zu. Die Begrüßung in der Seitenbeutelwelt ist nur bedingt freundlich: „Hallo Fremder! Ich brauche 5 Sekunden bis zum Tor. Und wie schnell bist du???“ verkündet ein Schild mit sportlichem Schäferhund. Da er nur auf dem Schild zu sehen war und uns das Tor nicht weiter interessierte, muss die Frage unbeantwortet bleiben. Gegenüber gibt’s mehr zu lesen und nachzudenken: Wenn eine Heißmangel und ein Honigverkauf gemeinsam werben – ob’s da wirklich kalt geschleuderten Honig gibt? Fragen über Fragen, aber die wunderbar orange getünchte Wand mit dem farblich passenden Fiat davor sorgte für Ablenkung.

Menü-ExpressDie nächsten Meter sind geprägt von starken Eindrücken aktuellen Gardinenschmucks. Der Reiz des halb Durchsichtigen und halb Verschleiernden offenbart sich uns besonders an einem Produktionsgebäude. Hinter unscheinbaren Mauern werkelt die Menü Express GmbH, die zur Volkssolidarität gehört und aus Gründen, die sich mir nicht erschließen, die Buchstaben M und EX rot schreibt. Es gibt übrigens auch Fenster ohne Gardinen: die sind zugemauert.

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Zeichnung: Andreas Pickel

Angetan von den MEX-Gardinen lockte am Ende des Betriebsgebäudes eine Tür, die den Eingang zum Jugendclub Meisdorf  bildet. Mit tailierten Türfenstergardinen lockte sie den Fotografen und seine Begleitung, einen Zeichner, an. Natürlich geht man nah ran und sucht eine gute Position, konzentriert sich – was man so tut als engagierter Fotograf. Plötzlich eine weibliche Stimme von oben: „Was wird denn das?“ Ich, beherzt von unten: „Fotos!“ Hinter der Frau im Fenster erscheint ein Mann und erhebt seine kräftige Stimme: „Haben Sie eine Genehmigung?“ Ich, tapfer von unten: „Ja!“ – Daraufhin Er von oben: „Dann ist ja gut!“ Andreas, mein zeichnender Begleiter, machte sich vor Freude fast ein und fragte mich, was denn für eine Genehmigung vorliege? Die Antwort verblüffte ihn: Panoramafreiheit! Und sie regte ihn an, eine Skizze aus dem Gedächtnis zu fertigen (die, so meint eine mir nahestehende Person, mich unvorteilhaft dicklich verkürzt zeigt. Als ob es darauf ankommt: Madame, geben Sie Skizzenfreiheit!).

meisdorf-gardinenNicht fluchtartig, sondern gemächlichen Schrittes zogen wir weiter, den Ort zu erkunden, immer wieder die Kamera im Anschlag. Wieder eine Frauenstimme! Diesmal jedoch freundlicher: „Können wir Ihnen helfen?“ Zwei parlierende Damen (Klatschweiber darf man ja nicht schreiben, wäre in diesem Fall sicher auch irgendwie ungerecht) boten uns zwei Hilopes (hilflosen Personen) Unterstützung an. Wir kamen ins Gespräch und Scherzen. Die Eine fragte, mit Blick auf die Kamera, ob wir vom Ordnungsamt seien? „Na klar, Sie stehen im Stehverbot, da muss ich mal ein Beweisfoto machen!“ Und so ging es eine Zeit lang weiter. Nach dem verblüffenden Auftakt am Jugendclub begannen die Meisdorfer uns symphatisch zu werden!

meisdorf-bauernschänkeDie Füße trugen uns nicht weit bis zum Gelände der ehemaligen LPG, in der jetzt unter anderem ein Bauernladen und die Bauernschänke zu entdecken sind. Im Bauernladen gibt es natürlich keine Bauern, sondern Fleisch- und Wurstwaren, und in der Bauernschänke kann man, wie wir am Nachmittag des gleichen Tages anlässlich eines plötzlichen Regenschauers erleben durften, ganz prima sitzen und einen Feuchtigkeitsausgleich betreiben. Aber noch ist es Vormittag, und wir sind auf Recherchetour für den Nachmittag (an dem wir mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern eines Foto- und eines Zeichenkurses Meisdorf als Kulisse nutzen wollten). Im Hof vor der Gaststätte entdeckte Andreas einen Radlader – und wir gerieten schon wieder ins Gespräch mit einem zufällig (oder wahrscheinlich eher absichtsvoll) anwesenden Einheimischen. Ob der Radlader da am Nachmittag auch noch stünde? Er gedächte seine Schüler daran üben zu lassen! „Na wenn Sie den brauchen, dann lassen wir ihn stehen!“ lautete die zuvorkommende Antwort.

meisdorf-oldtimerFreundlich können sie sein in Meisdorf, freundlich und zuvorkommend. Nur vierzehn Schritt weiter werkelte jemand an einem Oldtimer. Wir lunschten neugierig, die Kamera wollte bedient werden! Aber klar doch, kein Problem! Schützende Decken wurden beiseite geräumt, Fragen beantwortet, Bewunderungen hingeworfen und freundlichst aufgenommen, Verabredungen für den Abend getroffen. Na klar, die Bauernschänke – vor Jahren, kurz nach der Wende, eine verrückte Idee, ist ein idealer Ort für Begegnungen, tagsüber wie abends. Der Alvis in der Werkstatt schaut gut aus, wir bekommen die Details von Handarbeit und lokalen Zulieferern erklären – ein beeindruckendes Unterfangen, das bis August zu einem fertigen neuen Alten führen soll.

Am Abend sahen wir uns dann übrigens (fast) alle wieder: Der Mann, der das landwirtschaftliche Nutzfahrzeug eigens für uns stehen ließ und sogar das dahinter parkende Auto umgesetzt hatte, des besseren (An-)Blicks wegen. Und Henry, der mit dem Avis tanzt. Und natürlich Rosi, die unermüdliche Bedienung, die unseretwegen abends den Laden aufhielt und schon beim zweiten Besuch der dann doch recht großen Truppe genau wusste, was jeder haben wollte.

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Sollte jemand, aus welch unerklärlichen Gründen auch immer, die gemütliche Stätte [note to self: Gemütstätte statt Gaststätte – geht das?] verlassen wollen, um beispielsweise Bildung zu tanken: Ein paar Schritte weiter Richtung Kirche gibt es den Museumshof, den die Mitglieder des Heimatvereins am Leben halten – finanziell wie ideell. Eintritt: keiner. Spende erwünscht, gerne auch nach dem Besuch. Angesichts der rund 200 Exponate, allesamt Zeugen bäuerlichen Lebens und teils entzückende Hingucker, ist spenden allerdings Pflicht.

Meisdorf-Museumshof Zum Hintergrund des Gehöfts ein längeres Zitat von der Webseite der Stadt Falkenstein: „Dieser ehemalige Hof eines wohlhabenden Bauerngeschlechts ist einer der wenigen gut erhaltenen Ringbauernhöfe. Diese Höfe vereinten die Wirtschafts- und Verteidigungsfunktion. Deshalb sind Ringbauernhöfe, so wie auch der in Meisdorf mit einer hohen Mauer umgeben, als Schutz gegen Räuber und Plünderer. Vielleicht hat dieser Hof deshalb die Verwüstungen und Zerstörungen vergangener Jahrhunderte relativ gut überstanden. Das genaue Datum der Erstbebauung liegt im Dunkel der Geschichte. Der erste konkrete Nachweis findet sich in der Balkenanlage des Wohnhauses. Danach wurde 1693 mit dem Anbau des Obergeschosses begonnen, was daraus schließen lässt, das eine feste Bebauung schon lange Zeit vorher begonnen haben muss. Der Ringbauernhof ist ein Ensemble von Wohnhaus, Stallungen, Scheune und Vorratskellern. Der Taubenturm in der Mitte des Hofes ist Zeuge der Wohlhabenheit dieses Bauergeschlechts, da zu damaliger Zeit die Haltung von Tauben ein Privileg des Adels, der Klöster und in seltenen Fällen wohlhabender Bauern war. Die Anzahl der zu haltenden Tauben war dabei nach Rang und Titel genau festgelegt.“ [Quelle]

IMG_2669Auf dem Weg zurück ins Schloss passieren wir Pferde, verlassen Meisdorf und überqueren die Selke. Wir finden am Wegesrand ein Haus mit zahlreichen Details, die die Aufnahme in einen Meisdorf-Reiseverführer rechtfertigen würden. Zahlreiches Lebendgetier könnte man anhand Meckerns, Bellens, Gackerns etc. bestimmen. Die ans hölzerne Garagentor gezimmerten Nummerschilder offenbaren die ganze Bandbreite des Lebens zwischen Aschersleben und Alcatraz – und nur wahrhaft boshafte Zeitgenossen kämen auf die Idee zu sagen, dass es soooo schlimm ja nun auch nicht sei in Alcatraz. Die Krönung jedoch ist der Swimming-Pool, dessen Beckenrand einem Müller-Lüdenscheid-Quietsche-Enten-Museum ähnelt. Hier offenbart sich noch einmal der ganze Zauber der Gegend in einem Bild wahrhafter Größe.

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[Lage mit einigen Bildpositionen]

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