Brot und Spiele

Premiere der Dinnershow Lumières in der Zeitenströmung

Show

Wir müssen über Fleisch reden. Und zwar über Menschenfleisch. Das ist ja ungleich schwieriger als der muntere Dialog über Rind oder Schwein – denn dort sind Fragen wie „Ist es zart?“ – „Ist es gut abgehangen?“ – „Ist es geschmackvoll?“ ja durchaus erlaubt. Aber nehmen wir nur einmal jenes bezaubernde Wesen, das sich Golden Treasure nennt und opulent auftischt. Der goldige Schatz frönt nicht dem Schlankheitswahn und lässt raus, was rauszulassen ist. Also reichlich. Wir sind, keine Frage, bei der etwas anderen Dinnershow. Zum Dessert gab’s, trotz heftigen Herumschleuderns der Goldschatz-Molkerei, keine Sahne, sondern Spekulatius Crème Brûlée mit Rumtopffrüchten und Bratapfeleis. Damit ist Kennern natürlich klar: Wir waren bei Lumières, der Dinnershow mit Gerd Kastenmeier und seinem Team als Dinner-Spezis und Stefan Schepnitz als Showtime-Arrangeur.

Freitag war Premiere im Kristallsaal auf dem Gelände der Zeitenströmung. Wie, noch nie gehört: Kristallsaal? Kein Wunder: Gab’s ja so auch noch nicht. Aber mit wenigen gekonnten Handgriffen (ok, vielleicht waren es auch viele, sieht ja immer leichter aus als es war, wenn es gelungen ist) ist aus der Industriehalle ein Revuetheater geworden. Es ist, pardon für die Banalität, warm. Es ist bunt, durchsichtige Tücher verdecken kahle Mauern und schaffen, zusammen mit reichlich gut eingesetztem Licht, Atmosphäre. 400 Gäste finden Platz an lang gestreckten Tafeln, die – durchaus nicht reizlos – direkt an den Bühnensteg ragen. Die Tische sind mit weißem Tuch verhüllt, es gibt Stoffservietten. Reichlich Gläser, doppelt Besteck und ein Ohnmachtshappen (Brot, Butter, Garnele) und Glasfaserlicht erwarten den kommenden Gast.

KücheÜbers Essen hatten wir ja schon berichtet, weil wir es vorab verkostet hatten. Was im kleinen Kreis als Frage offen blieb: Wird’s bei 400 Leuten genau so wie bei einem Dutzend? Neugierig gingen wir hinter die Bühne, um mal zu spinxen (bitte nicht nachmachen: wir hatten vorher nachgefragt und uns ausweisen können!). Wir sahen: Eine Menge Köche, vorgegartes Fleisch und andere Zutaten, Konvektomaten und ein Fließband. „Das Geheimnis“, erklärte uns Gerd Kastenmeier, „ist die richtige Vorbereitung: Anbraten, runterkühlen, zum richtigen Zeitpunkt temperieren und erhitzen.“ Und dann: Flott servieren. Am Fließband wird aus dem leeren Teller peu a peu das fertige Gericht, und jeder der Anwesenden erledigt einen Handgriff: Rahmwirsing zuerst, dann Kürbis-Kartoffel-Gratin ans gegenüberliegende Ende des langen schmalen Tellers. Nun die Sauce – Chefsache! Darauf die beiden Stücke vom Kalb: Ein gekräutertes rosa Medaillon hier und das geschmorte Bäckchen dort. Was fehlt? Eine Cocktailtomate und ein Rosmarinzweig im Gratintürmchen. Am Ende des Fließbandes warten schon die Kellner, nehmen sich zwei oder mehr Teller (vorsicht, heiß!) in die Hand und ab in den Saal.

Im Hintergrund sorgen fleißige Hände für den Austausch der Behälter: leere wegschaffen, volle herbeiholen, Pausen sind wie beim Boxenstopp der Formel 1 knapp zu halten. Was nicht passieren darf: Dass das Band nicht geht. Was natürlich passierte, gleich am Anfang: Das Band ging nicht. Kurze Aufregung, „sag mal einer der Katy, sie soll etwas länger moderieren!“, alle Schalter einmal aus und einmal an – beim letzten hilft’s. Puh, los geht’s. Hat keiner gemerkt… Was uns überraschte: Laut und hektisch war’s zu keinem Moment, auch nicht im kurzen Moment des Entsetzens.

AkrobatikIm Saal läuft die Show. Die moderierende und nötigenfalls Pannen überbrückende Katy ist die Karrenbauer. Kennen sie natürlich alle im Publikum, den Rest der Showstars sollten sie kennen lernen. Viele kommen von der Petit Fours Show, die auf ihrer Webseite „einen Hauch Frivolität, einen Schuss Nostalgie, eine Prise prickelnder Sinnlichkeit“ versprechen.

Mademoiselle Parfait de la Neige machte ihrem Namen als Frollein Schneehalbgefrorenes insofern alle Ehre, als sie sehr leichtfüßig und mit strahlendem Lächeln das Eis zum Schmelzen brachte. Soweit das immer etwas müde Dresdner Publikum sie an sich ranließ… Die Collins Brothers schwangen sich in die Luft und machten ihre Späße von oben herab. Das macht einen schlanken Hals – bei den Zuschauern, die die Köpfe in die Höhe renkten.

Ein Hauch von ErotikLost Locos, das Trio mit mexikanisch verbrämter Musik nennen sich selbst ziemlich verrückt und sind es auch. Klamauk, Stimmung – und spielen können sie, jawoll bzw. olé. Den Schwung nahm Golden Treasure auf, deren Bauchtanz erst einmal gut gefiel. Hätte sie es dabei belassen, wären wir begeistert gewesen, aber sie musste ja alles geben. Naja, fast alles. Da waren die Cool Cats mit Live-Begleitband eine richtige Erholung. Der gewollte Vergleich mit den Andrew Sisters ist zwar etwas hochtrabend, aber es deutet die Richtung an. Und nicht zu verleugnender Nachteil: Die Cool Cats leben, sehen gut aus (jaja…) und machen ganz schön Stimmung.

Vorm Dessert gab’s dann noch eine zersägte Jungfrau auf der Bühne (wenn’s die Collins Brothers machen, kann das nur komisch werden), und dann kam auch schon nach fast dreieinhalb Stunden das Finale mit schlackernden Brüsten und Rumtopffrüchten. Oder so…

[Nachtrag 28. Dezember 2013: Alle weiteren Vorstellungen sind abgesagt.]

Dinner

Die Dinnershow Santa Clowns – Lumière läuft vom 22.11.2013 bis 11.01.2014, Termine stehen auf der Webseite.

[Anmerkung: Wir waren mit Pressekarten zur Premiere eingeladen.]

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