Ein launisch-gruselkomischer Abend mit Biss

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Am Eingang gibt’s was Rotes aus dem Reagenzglas. Blut? Immerhin sind wir ja auf dem Weg zu Draculas Hochzeit! Andererseits lächelt der Mann in Weiß, der das Tablett hält, doch arg verschmitzt – und natürlich serviert so einer wie Mario Pattis kein Blut. Nein, zur Einstimmung in einen launisch-gruselkomischen Abend bietet er: Gazpacho. Nicht so eisekühl wie das andalusische Original, aber es ist ja auch Winter in Dresden, da darf’s ruhig ein bissel wärmer sein. Und Pattis wäre nicht Pattis, wenn es zu dem Gazpacho-Glas nicht noch die eine oder andere feine Sache gegeben hätte: Gänseleberpraline (das ist das, was wie Schokolade im Mund hinweg schmilzt) und Austern (mit Mangopürree). Für die ganz Jungen unter uns: Mario Pattis hatte als Erster in Dresden einen Michelin-Stern erkocht, da war er selbst noch ganz jung! Das war droben auf dem Weißen Hirsch im Restaurant mit dem schönen Namen „Erholung“.

dracula-pattis-essenNun bekocht, immer noch auf dem Weg zum neuen eigenen Restaurant, Mario Pattis die abendlich bis zu 170 Gäste von Draculas Hochzeit. Im Kurländer Palais geht die Post ab, na klar: Es wird gesungen, über die Tische der Gäste (nur die teuren Plätze, das haben sie davon!) getanzt. Und zwischendurch gibt es Essen vom Meister: Die Vorspeise steht schon fast komplett auf dem Tisch: Marinierter Saibling mit Blumenkohlschaum und Forellenkaviar, Carpaccio vom Hirsch mit Parmesan und (ganz, ganz) kleinem Salat in Blutorangendressing und frisch serviert, weil warm, eine Hummercreme mit Schokolade. Vor allem das warme Süppchen war (be-)merkenswert und ließ schon einmal aufmerken für das Kommende.

Das war zuerst Getrüffelter Cappuccino von Kastanien mit Gänseleberknödel und Langostinotatar in einem Hauch von Knoblauch und griff dezent das Thema des Abends auf: Knoblauch gehört zum Vampirismus wie die Sahne in den Kaffee. Also: Vampire lieben ihn nicht, echte Kaffeetrinker denken mit der Sahne ebenso. Die Kastaniensuppe war perfekt, der Knödel darin sehr geschmackvoll, aber vielleicht ein wenig zu raumfüllend. Wir meckern auf hohem Niveau, wohlgemerkt!

Beim Hauptgang Karamellisierte Entenbrust mit Vanille, dazu Apfel-Rotkohlmousseline und mit Blutwurst gefüllter Kartoffelkloß erlebten wir die Entenbrust zwar korrekt gegart, aber doch recht straff. Und wer vorher nicht wusste, was eine Rotkohlmousseline ist, merkte sich: babbscher Rotkohl. Pfiffig und überraschend fein die Blutwurst statt des Croutons im Kloß – ein dezenter Gruß an den Grafen D.! Zum Dessert sollte es laut Karte Gebrannte Rosmarin-Crème Brûlée mit Karamell-Zitroneneis und Draculas Cranberries geben, aber das gab’s gar nicht. Statt dessen: Schokokuchen mit Wabertrockeneis – eine Pattis-Lieblings-Spezialität, die ihre Wirkung nie verfehlt.

Können diese Augen lügen?Die Show rund ums Essen ist ein Kurz-Musical. Rainer König, den man eigentlich ja eher mag oder nicht mag, spielt hier so, das man ihn mögen muss. Irgendwie ist er Dracula – diese Augen! Er betritt die Bühne stilecht im Sarg, der über den Bühnentisch nach vorn getragen wird (woraus man richtig liest, dass „betritt“ gar nicht richtig ist: er wird hineingetragen ins Geschehen!). Und dann entwickelt es sich, das Vampirwesen. Dieter Beckert ist schlau und weiß viel, manchmal vielleicht für so einen lockeren Abend sogar zu viel. Zusammen mit Ludek Lerst und Peter Till vom fabelhaften Druckluftorchester sorgt er für nachgeradezu geile Musik: „Nights in White Satin“ von den Moody Blues, Meat Loaf’s „I’d Do Anything For Love“ oder Bonnie Tyler’s „Total Eclipse of the Heart“ haben’s in sich. Von Abba bis zur Vogelhochzeit reichte das musikalische Spektrum des Abends, ganz schön abgefahren!

Sexy HexyUnd dann ist da natürlich die schöne dicke Bäckerin, gespielt von Mandy Garbrecht. Die könnte man von der Staatsoperette kennen, wenn man denn da hingänge. Sexy, schön, wandlungsfähig: Kein Wunder, dass sich der Graf in sie verknallt. Das zieht sich natürlich, es wird mal nach hier und mal nach dort abgeschwiffen, so dass wir auch in den Genuss des Grafen Wackerbarth kommen und den König als Kaiser erleben, also den Rainer als Napoleon. Alles Unterhaltung, die mit zunehmendem Abend (nicht nur wegen der guten Getränke und des genussreichen Essens) flotter wird. Und hastenichtgesehen ist der Abend um.

Ganz zum Schluss allerdings wagt die nun doch sehr schöne schlanke Bäckerin ein Tänzchen mit dem Spitzenkoch. Natürlich verraten wir hier nichts, aber soviel sei gesagt bzw. geschrieben: Wer genau hinsieht, dem schwant nichts Gutes für die Zukunft. Es war eben ein Abend mit Biss…
Die schöne Bäckerin und der Starkoch

Draculas Hochzeit im Kurländer Palais, vom  10. bis 22. Dezember 2013.
[Wir waren am 11.12.2013 da – auf Einladung mit Pressekarten.]

 

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