Kleine Geschmacksbomben unter Linden

Kochsternstunden in Kreischa im Carl Werner

Carl Werner

Untern Linden prominieren die Berliner schon lange. Zuerst – 1573 oder so – verhalten auf Pferden, später dann (im 18. und 19. Jahrhundert) auch im Bewusstsein, eine Prachtallee entlang zu flanieren (Quelle: Wikipedia). 1912 fügte Walter Kollo dem kollektiven Bewusstsein der Unterhaltunsgaffinen noch den Ohrwurm „Untern Linden“ hinzu, an dem sich immerhin sowohl Marlene Dietrich als auch die NVA abgearbeitet haben. Wir waren aber gar nicht in Berlin, sondern in Kreischa, wo sich im Kreischaer Hof das Restaurant Carl Werner etabliert hat. Im Kleinen Raum mit nur neun Tischen stehen drei Linden, leider künstliche.

Die Linden sollen wohl den Brückenschlag zum altehrwürdigen Hutmacher Carl Werner geben. Der ist nämlich der Urgroßvater der jetzigen Werners und war Strohhutmacher und Strohhalmfabrikant. Diese Zeiten sind vorbei, aber Strohhüte sind das optische Markenzeichen im Carl Werner: Einer kommt im Logo vor, mehrere sind im Restaurant platziert – und auf sehr schönen alten Bildern kann man dieses Utensil männlichen Sonnenschutzes (und früher wohl auch Gigoloseins) ebenfalls bewundern.

Der Zugang zum Restaurant ist – wenn man vom Parkplatz hinterm Haus kommt – nicht sehr stimmungsvoll: Neunzigerjahre Hotelzweckbauatmosphäre umfängt uns, es geht treppab zur Rezeption. Aber die Stimmung ändert sich unter dem behutsamen und aufmerksamen Service von Matthias Gentsch schnell. Er versteht sein Fach, weiß viel und erzählt neugierigen Menschen wie uns auch schon mal Hintergründe zum Wein, den es geben wird. Womit wir beim Essen wären: Wir waren im Rahmen der Kochsternstunden in Kreischa im Carl Werner. Das Menü wird in drei Gängen (32 €) oder als Viergänger (41 €) angeboten, auf Wunsch jeweils mit passender Weinbegleitung (dann 44 € bzw. 58 €). Wir entschieden uns, wen wundert’s, fürs volle Programm.

Chef Marco Gärtner und Souschef Thomas Herrmann bilden das Küchenteam. Zur Begrüßung schickte die Küche einen überbackenen Ziegenfrischkäse, der zusammen mit Kartoffelbrot, Olivenöl (mit Salz!) und Butter schon mal ein guter Anfang waren. Wir naschten schon mal beim Wein zum eigentlich ersten Gang, ein 2010er Goldriesling trocken von Tim Strasser, Rothes Gut Meißen. Wir waren doppelt überrascht: Goldriesling hat ja eine glanzvolle hundertjährige Tradition in Sachsen, aber geschmacklich halten wir es mit der Devise, dass nicht alles Gold ist was glänzt. Und dann auch noch ein relativ alter, wo man doch sagt, dass Goldriesling den neuen Jahrgang nicht sehen darf? Aber es gibt ein Gegenargument: Tim Strasser hat den Wein gemacht – und sieh da: Sogar uns notorischen Goldrieslingnörglern gefiel er – vor allem zum vorgesehenen ersten Gang, der asiatisch angehaucht war und, zu unserer großen Freude, die Serie kleiner Geschmacksbomben eröffnete. Sashimi vom marinierten Hirschrücken, asiatischer Gemüsesalat im Reisblatt, Sesam-Koriander-Eis war ein erfrischender Auftakt mit vor allem zwei bemerkenswerten Details: Hirschrücken als Sashimi war eine schöne Irritation: schmeckte wie Fisch – aber bitte nicht missverstehen, also nicht fischig. Das tut guter Fisch nämlich auch nicht! Und das Eis erst! Nicht zart-schmelzend, nicht zu fest – und mit sehr kräftigem frischem Geschmack. Die kleinen Punkte von Wasabi gaben zusätzlich reichlich Schärfe und peppten vor allem den Hirsch auf.

Auf der Haut gebratenes Seesaiblingsfilet, Fenchelkrautnudeln in Pernodsauce, toskanische Tomaten, Salamichips lautete die Ansage zum Fischgang, die ich mal um die geschmacklich schon dominanten Raute von gebackenem Parmesan ergänze. Der Saibling kross gebraten und saftig, die Fenchelnudeln leider sehr schnell zu kalt (angewärmte Teller hätten hier wohl abgeholfen) und die Chips von Fenchelsalami gingen eine reizvolle und (be-)merkenswerte Geschmackskombination ein. Ein 2011er Grauburgunder Kabinett trocken, Seußlitzer Heinrichsburg von Schloß Wackerbarth dazu ist von der kräftigen Art und setzte den kräftigen Aromen seinen eigenen Schmelz entgegen.

Dialog von Wachtel- und Taubenbrust im Knusperbrotmantel, weiße Portweinjus, Blumenkohl-Petersilien-Püree, gebratene Kräutersaitlinge als Fleischgang bot eine ungewohnte Optik: „Sieht aus wie ein Taco Bell Breakfast Burrito“ kommentierte jemand ein Bild des Gangs bei Facebook. Aber: Es schmeckte deutlich besser! Wachtel und Taube perfekt, gut gewürzt, zart und saftig. Der Brotmantel wirklich knusprig (und lecker, muss ich mal so schreiben!). Nur das Püree war wieder zu kühl, schade – denn geschmacklich (und optisch) war es eine Bereicherung des Ganges. Genau wie die Weinbegleitung, ein 2011er Spätburgunder trocken (Restsüße 0,0g!), ein im Barrique gereifter Wein vom Weingut Schloß Proschwitz, Prinz zur Lippe, der allerdings richtig temperiert ins Glas kam!

Nun waren wir eigentlich satt, pappsatt. Aber wer will schon auf ein Dessert verzichten, wenn es die Décollage eines Klassikers gibt? Dresdner Eierschecke im Glas, Spritzgebäck mit Schokoladen-Chili-Füllung, Sorbet von Tonkabohnen und Orangen, Rhabarberchutney kamen auf hübsch kitschigen alten Tellern – jeder hatte einen anderen. Natürlich haben wir drunter geguckt, macht man doch so, wenn es keiner sieht. Aber die Herkunft blieb uns verschleiert. Gekreuzte Schwerter waren’s jedenfalls nicht. Die Eierschecke hat uns umgehauen: So eine traumhafte Quarkspeise, frozzelte liebevoll eine aus der Runde! Der Rest schlabberte sich schnell weg, was ja für sich spricht. Und ganz zum Schluss: Etwas Eierschecke aus dem Glas (leider ohne die crunchigen Teile, die schon aufgenascht waren) – und dazu das letzte Schlückchen des Weins, den es dazu gab: ein 2009er Dornfelder-Eiswein, Weinböhlaer Gellertberg vom Weingut Steffen Loose (Niederau). Der wurde zwar nur zufällig ein Eiswein, weil zwanzig Reihen schlicht bei der Ernte vergessen wurden und es rechtzeitig fror für das famose Ergebnis eines Dornfelder Eisweins. Schmeckte nach Pflaume, ein wenig wie (süßer) Sherry. Schade, dass die Flaschen davon so klein sind…

Carl Werner
Hotel Kreischaer Hof
Alte Straße 4
01731 Kreischa

Tel. 035206 / 22051
www.carl-werner.de

Öffnungszeiten:
täglich von 17 – 22 Uhr

Update 12.2015: geschlossen

[Besucht am 15. März 2014 | Lage und Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

Mehr lesenswerte Beiträge

  • Stelldichein von SpitzenköchenStelldichein von Spitzenköchen Am Aschermittwoch beginnt für viele Menschen die Fastenzeit, die dann bis Ostern dauert. Torsten Pötschk vom Gasthaus "Kaffee Hellerau" beispielsweise […]
  • Jacobsmuscheln, Wildkräuter und RoseninsektJacobsmuscheln, Wildkräuter und Roseninsekt Im vergangenen Jahr war die Entdeckung der Kochsternstunden für uns die Rosenschänke – natürlich mussten wir da auch dieses Jahr wieder hin! Das gesetzte Menü […]
  • Genuss im kochfreien RestaurantGenuss im kochfreien Restaurant Etwas anders waren Matthias Gräfe und sein kleines Team ja schon immer. Ob in ihrem Ladengeschäft Gräfe’s Wein & Fein in der Radebeuler Hauptstaße oder bei […]
  • Klare Linie und ExklusivesKlare Linie und Exklusives Sehen wir mal von der denglischen Schreibweise des Hauptgangs ab, war es ein vergnüglicher Abend im william oben im Staatsschauspiel. Er begann, weil wir […]
  • Ein Glücksfall für das MüglitztalEin Glücksfall für das Müglitztal Das Müglitztal östlich von Dresden gehört zu den liebreizendsten Tälern der Gegend – mit Schloss Weesenstein und der Uhrenstadt Glashütte gibt's da auch […]
  • Es muss nicht immer Jakobsmuschel sein…Es muss nicht immer Jakobsmuschel sein… Gutes muss nicht selten sein – und so lesen sich die Menükarten unterschiedlicher Restaurants oft sehr ähnlich. Bei den Kochsternstunden beispielsweise fanden […]

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*