Wie Kinder den Krieg erlebten

Buchbesprechung Yury Winterberg, Sonya Winterberg: "Kleine Hände im Großen Krieg"

Sonya und Yury Winterberg

Wie es denn so sei, zusammen an einem Projekt zu arbeiten, wollte jemand wissen in der Bibo Dresden bei der Buchpremiere von Yury und Sonya Winterbergs „Kleine Hände im Großen Krieg – Kinderschicksale im Ersten Weltkrieg“. Was die Leute halt so interessiert: Ob es Streit gab beim gemeinsamen Schreiben? Die unabgesprochene Antwort war so, wie man sie erwartete: „Gar nicht!“ sagt Sonya Winterberg, und zeitgleich kommt’s vom Gatten Yury nur einen Meter weiter weg am gleichen Tisch: „Ständig!“ Genau so funktioniert das Ringen um einen guten Text: Man streitet sich, ohne sich zu zoffen. Man redet, man diskutiert, man schlägt vor und verwirft – und wenn alles fertig ist, kommt (zumindest bei ordentlichen Verlagen wie dem aufbau-Verlag) der Lektor oder die Lektorin und sagt: Nee, Kinners, so nicht. Naja, nicht beim kompletten Text, aber eben doch manchmal…

Das sind einige der vielen Rahmenbedingungen, unter denen gute Bücher entstehen. Einige der anderen sind: Die Autoren brauchen eine tragfähige Idee für ihr Werk – und sie müssen schreiben können. Beides ist ja leider nicht selbstverständlich im Zeitalter der medialen Überflutung. Umso schöner, wenn auch diese Punkte hinzu kommen.

Sonya Winterberg ist in Finnland geboren und lebt in Dresden, ihr Mann Yury Winterberg ist in Radebeul geboren und lebt, na klar, auch in Dresden. Beide sind mit unterschiedlichen Sozialisationen seit 2005 häufig gemeinsame Autoren – mit der offensichtlich richtigen Balance aus Nähe und Distanz. In der Haupt-und Musikbibliothek Dresden stellten sie ihr neues Buch „Kleine Hände im großen Krieg“ vor – nicht das erste, das sich mit der emotional manchmal bedrückenden Thematik von Kindern und Krieg auseinandersetzt. Leicht zu recherchieren sind die Dinge auch nicht, die ihren Anfang vor hundert Jahren nahmen – aber wer sich wie Sonya Winterberg dem Slow Journalism verpflichtet fühlt, greift zu, so lange es noch geht. Tagebücher von Kindern aus jener Zeit gibt es: „Die Kinder des Ersten Weltkriegs waren die erste Generation, die überwiegend alphabetisiert war und uns so direkt an ihrem Leben in dieser Zeit teilhaben lassen kann“, sagen die Winterbergs.

Beim Lesen des Buches ist man dann ein wenig hin- und hergerissen: Die Inhalte sind ja alles andere als leichte Literatur. Mag man das am Abend lesen? Aber die Winterbergs schaffen es, dass sich das Buch leicht lesen lässt. Ihr Trick? Sie gliedern stark, es gibt auf den 339 Textseiten nicht nur 17 Kapitel, sondern alle paar Seiten Zwischentitel, die auch formal klar machen: Hier werden Geschichten erzählt. Und das, wie eingangs schon einmal erwähnt, in einer nachvollziehbaren und zum Weiterlesen reizenden klaren Sprache. So, mal nebenbei erwähnt, wünsche ich mir die Ergebnisse der Wissenschaften: Gut recherchiert, schlau interpretiert und gegliedert sowie mitreißend geschrieben…

Das Buch ist das Buch zu Filmen, die bei ARTE und in der ARD erscheinen:
„14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“, eine Doku-Drama-Reihe von ARTE, ARD und ORF, kommt auf ARTE vom 29. April bis 13. Mai 2014 jeweils dienstags ab 20.15 Uhr.
„Kleine Hände im großen Krieg“, die ARTE-Reihe für Kinder und Jugendliche zum Ersten Weltkrieg, wird auf ARTE sonntagvormittags vom 27. April bis 15. Juni 2014 gesendet.

Yury Winterberg, Sonya Winterberg
Kleine Hände im Großen Krieg
Kinderschicksale im Ersten Weltkrieg
Aufbau Verlag
978-3-351-03564-8
22,99 €

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