Amsterdam Noord: IJ, Eye…

Spaziergang durch Amsterdam Noord

Bauzaun

Was tun mit all den Gegenden, in denen früher mal richtig hart gearbeitet wurde? Sich selbst überlassen und – Birken sind da sehr genügsame Zeitgenossen – blühende Landschaften entstehen lassen? Oder ein wenig nachdenken, gestalten und statt dummer Sprüche zu kloppen einfach was tun? In Amsterdam (und sicher auch anderswo, aber da waren wir gerade nicht) hat man sich offensichtlich für den zweiten Weg entschieden. Der Norden von Amsterdam war im 21. Jahrhundert eins der großen Industriegebiete – und wird als solches nicht mehr benötigt. Aber man soll (und wie es aussieht: man kann) dort gut wohnen, man kann Kunst genießen und wird demnächst auch Spaß haben: „Hello, I’m A’dam“ steht auf dem Bauzaun – die Amsterdamer haben kein Problem, englisch zu sprechen / zu schreiben / zu verstehen: Identifikation mit einem Bauprojekt, das hat doch was.

BauzaunDer Bauzaun steht vor dem alten Shell-Turm. Der 80 Meter hohe Turm, entworfen vom Architekten Arthur Staal für die Royal Dutch Shell, wurde 1971 eröffnet und war bis 2009 als „Shelltoren“ Heimat des Öl-Multis. Öl raus, Spaß rein: Der Turm wird umgebaut, bekommt ein rotierendes Restaurant oben drauf und soll dann (in der Werbesprache der jungen Betreiber) schon Ende 2015 multifunktional den drei Bereichen Hotel / Restaurants / Bar / Diskothek plus Katalysator für progressive Musik sowie natürlich ein Leuchtturm und eine Drehscheibe für die lokale Kreativgemeinschaft sein. Schaun mer mal.

Amsterdam CentraalStreng genommen sind wir ja noch gar nicht so weit, und zwar weder zeitlich noch räumlich. Zeitlich ist klar: Im Oktober 2014 ist es ja noch mindestens ein Jahr hin – und im Moment dreht sich oben statt eines Restaurants erst einmal ein Kran. Und örtlich? Sind wir erst einmal gegenüber auf der anderen Seite des IJ (das sich so schreibt und „Ei“ spricht – Wiki weiß, wie so oft, mehr) am Hauptbahnhof der Stadt. Amsterdam Centraal ist nicht nur ein Bahnhof mit reichlich Verkehr – es ist auch ein schöner Bahnhof. Aus einer Zeit, in der man noch Wert auf Äußeres legte: Ein Architekt (P. J. H. Cuypers) und ein Ingenieur (A. L. van Gendt) teilten sich in die Aufgabe. Heraus kam ein Backsteinbau mit Dekorationen aus Naturstein. Das Tor zur Stadt (Stadspoort / Stadttor) zwischen den beiden Türmen ist reich verziert: Wappen (von Städten, die damals mit der Bahn von Amsterdam aus erreicht werden konnten, darunter Berlin, Sankt Petersburg und Paris) und Handelsszenen.

EyeWir nutzen das Tor zum Verlassen der Stadt, gehen durch den Bahnhof und landen am Ufer des IJ mit Blick auf the Eye. Das ist das schon fertige Gebäude neben der Turm-Baustelle, das im April 2012 eröffnet wurde. Seitdem beherbergt es das Film Instituut Nederland (und natürlich auch ein Restaurant mit sehr schöner Außenterrasse). Das Eye spricht sich genau so wie das Wasser, an dem es liegt (IJ). Gebaut nach dem Entwurf des österreichischen Architekturbüros Delugan Meissl Associated Architects ist das Filmmuseum in der Tat ein Hingucker, ein eyecatcher (hier geht’s zu den Seiten der Architekten zum Projekt!). Übers IJ zum Eye gibt es rund um die Uhr eine Fähre, die kostenlos im Pendelverkehr Menschen und Fahrräder rüberbringt. Eine zweite pendelt, nicht ganz so oft, zum IJplein – die nahmen wir für die Fahrt zurück. Man kann sich prima im Netz informieren: Es gibt Fahrpläne und smartphonetaugliche Abfahrtsmonitore.

5 Mei tafelZum Eye ist es dann nicht weit, aber der Blick zurück lohnt und ist irgendwie nicht untypisch für das Amsterdamer Lebensgefühl: Im Vordergrund ein biotopisch anmutendes Ufer, am anderen Ende des IJ Häuser der Moderne. Und auf unserer Seite ein überdimensionaler Tisch mit zwei Stühlen. Ein Kunstwerk, aber nicht irgendeins, sondern eins mit einer Geschichte. Am 5. Mai begehen die Niederlande den Bevrijdingsdag (Befreiungstag) und feiern das Ende (bzw. gedenken dem Ende) der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. 2012 erlebten wir das – damals nicht wissend und überrascht – am Vorabend, als beim Besuch im Restaurant Klokspijs plötzlich alle Gäste für eine Minute schwiegen. Wir wurden dann von unseren Tischnachbarn aufgeklärt… Am 5. Mai gibt es dann an verschiedenen Orten in der Stadt die Vrijheidsmaaltijd – und im vergangenen Jahr entstand nach einer Idee von Arne Hendriks und Partizan Publik das Tischensemble. Gezimmert sind Tisch und Stühle aus Bäumen, die in der Stadt Amsterdam gewachsen waren: Eine 155 Jahre alte Rotbuche von der Prinzengracht findet sich im Tisch wieder, außerdem sind eine Ulme (vom Vliegenbos), Pappeln (Hogeweg, Prinzessin Irene Straße und Bürgermeister Rendorpstraße) und eine Linde (Orteliusstraße). Ein kleiner Baumstumpf mir unbekannter Herkunft direkt am Stuhl lädt zum Posen ein – das macht sich auch ganz gut für einen Größenvergleich!

EyeNoch ein Poserhintergrund ist der Bauzaun zum Turm-Neubau. Hello, I’m A’DAM hier, sinnige Sprüche dort („Sink the Pink“, „A Man in A Purple Dress“, „The Sky was Pink“ und so weiter). Die Treppe zur Freiterrasse des Eye ist ein idealer Standort für Selfies, einer Kunstform, der sicher bald auch ein Museum gewidmet werden wird. Muss ja kein großes sein… Auch ohne Selfies gibt es freilich lohnende Motive hinüber nach Amsterdam Centraal oder zum Westerdok einerseits wie, natürlich, andererseits auch ins Innere des Museums oder dessen spannungsgeladenen Strukturen (Dach, Treppen!) außen.

Amsterdamse Hogeschool voor de KunstenAuf dem Rückweg mit dem Ziel Wilhelmina Dok (ein Restaurant, was sonst?!) sehen wir noch mehr Dinge im Entstehen: „We komen eraan!“ signalisiert ein Banner an der Amsterdamse Hogeschool voor de Kunsten. Wir kommen auch voran, überqueren die denkmalgeschützte Schleuse Wilhelm I, die seit 1825 den Eingang des Nordholland-Kanals bildet. Sie ist 65 Meter lang und 15 Meter breit – für Sportschiffe reicht das allemal. Auf nach Den Helder!

Voedseltuin IJpleinWir machen das natürlich nicht (obwohl: reizvoll wäre das schon, so eine Bootsfahrt nordwärts bis an die Nordsee), sondern laufen weiter am IJ entlang. Wir kommen vorbei am Voedseltuin IJplein – einem Garten, in dem Essbares angebaut wird. Eine Initiative von acht verschiedenen Gruppierungen arbeitet an der Idee dieses Gartens. Ziel ist einerseits die gemeinsame Produktion von Lebensmitteln, aber mit dem Projekt will man auch soziale Kontakte fördern und binden. Am 13. September begann die dreijährige Förderung des Projekts durch die Stiftung DOEN – nach allem, was man so liest im Netz und was man vor Ort sieht, ist das ein gelungenes Projekt, das sich vom bekannten Kleingartenzwergtum dann doch irgendwie zu unterscheiden scheint…

Auf dem IJNicht weit und direkt am Ufer des IJ leuchtet uns orange das Haus entgegen, an dem mit großen Lettern „Wilhelmina Dok“ steht: Aha, unser Ziel. Aber denkste: Seit dem 1. Oktober geschlossen. Aber laut Zettel im Fenster soll es ab 3. November einen neuen Betreiber geben: Il Pecorino – ein Italiener, der bislang in der Nachbarschaft ein wenig im Hinterland beheimatet war und hier nun für zwei Jahre einzieht… Wir aber waren zwischen den Lokalen dort – und hatten nichts außer der Aussicht. Aber die war gut!

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