Saftstrotzende Energie und mehr aus Rheinhessen

Patrick Kampf und Simone Adams in der Weinbar des bean&beluga

Wo sich die Backe im Rotwein findet

Wenn die Weinprofis sich im März zur ProWein in Düsseldorf treffen, dann haben sie viel zu tun. Mit knapp 5.000 Ausstellern gilt sie als die bedeutendste internationale Weinmesse, bei der es hauptsächlich ums Kennenlernen geht. Alles dreht sich um Leute und Weine. Viele kennen viel, aber schön ist es doch, wenn es die legendären Tipps gibt – so unter Kollegen. Noch schöner ist es dann allerdings, wenn die Fachleute was aus den Tipps machen – zum Beispiel zwei der ganz heiß und natürlich nur hinter vorgehaltener Hand Genannten zu einem Abend einladen, wo man sie dann auch als Nicht-ProWeiner kennen (und gegebenenfalls schätzen) lernen kann. Und so kam es, dass mit Patrick Kampf und Dr. Simone Adams zwei Winzer in der Weinbar des bean&beluga zu Gast waren, die zuvor kaum einer kannte – die man sich aber, wenn ich das mal so flapsig schreiben darf, in die Erinnerung getrunken hat (Winzer im Fokus, 4-Gang-Menü inkl. Weine und Wasser 62 €).

Mit einer 2013 Scheurebe trocken von Patrick Kampf begrüßte Jens Pietzonka, Restaurantleiter und Sommelier im bean&beluga sowie vor allem spiritus rector der Serie Winzer im Fokus, die Gäste. Wie, nix Prickelndes? Ruhig, Gast, ruhig: erstens kann ja so eine Scheurebe auch ganz schön einladend sein („Animierende Frische kombiniert mit exotischen Aromen“, las ich sehr treffend in einer Expertise) – und zweitens hat ja jeder noch so schöne Abend ein Ende. Und wenn’s da zum Schluss… (genau so kam’s dann auch, siehe unten!)

Weine und Winzer: Kampf und Adams

Patrick Kampf ist unüberhörbar ein Hesse. Er kommt aus Flonheim, das nicht zu kennen vielleicht verzeihbar ist. Aber immerhin hat Flonheim sein eigenes Flüssle, den Wiesbach, und unter den etwas mehr als 2.600 Einwohnern gibt es rund 25 Weingüter – darunter das von Vater Hanspeter und Sohn Patrick Kampf. Die häufig geprobte Trennung von Weinberg der eine und Kellerarbeit der andere hält Patrick Kampf für keine gute Idee: „Wein entsteht am Stock und wird im Keller fertig gemacht – also trennen wir das auch nicht!“ 13 ha bewirtschaften die beiden, seit 2008 nach ökologischen Regeln. Die Kampfs setzen auf „traditionelle rheinhessische Rebsorten“, von denen neben der schönen Scheurebe (soviel Alliteration darf mal sein!) vor allem der 2012 La Roche Riesling aufmerken ließ. Der GaultMillau bescheinigt ihm „exotische Frucht“, „pikante Mineralität“ sowie – besonders knallig formuliert – „saftstrotzende Energie“. Naja, so sind sie, die Weinexperten. Wir tranken ihn und zeichneten ihn ganz heimlich dadurch aus, dass wir am Ende des Abends (also nach dem eigentlich Schluss) noch ein Gläschen erbaten…

Den Riesling gab es zur Vorspeise: Stefan Hermann schickte aus der Küche des bean&beluga Lachs. Rote Bete / Meerrettich, bei dem uns die Geschmacksknospen vor Freude hüpften: Wie bekommt man den Lachs so würzig-zart? Und warum schmecken Rote Bete und Meerrettich soooo gut? Aber vor allem: Passt denn nun der Riesling besser oder der 2013 Grauburgunder Kaliber 19 von Simone Adams? Der war erklärungsbedürftig, schon vor dem Riechen oder gar dem Trinken. Die Farbe irritierte: So sehen manchmal Blanc de Noirs aus. Hm. Auch den Testern der Qualitätsweinprüfung kam die Farbe befremdlich vor – aber Simone Adams, die ihren Doktor an der Wein-Hochschule in Geisenheim gemacht hat, findet gerade die Farbe aufregend, „dieses verwunschene Changieren, das meinen Grauburgunder so attraktiv macht. Der Transfer der rosa-metallic schimmernden Pigmente aus den Beerenschalen in den Wein eröffnet auch geschmacklich eine neue Dimension“, sagt sie. Uns war’s, vor allem im Vergleich zum Riesling, eine Spur zu experimentell. (Update: ich las dann nach dem Schreiben des Artikels bei Simone Adams, dass Kaliber 19 „ein Unisex-Wein“ sei, „androgyn und geheimnisvoll. Eine Begegnung mit der dritten Art.“ Da bin ich wahrscheinlich zu reif für.)

Essen zum Wein

Topinambur. Ei / Speck. Ein interessanter (nein, kein Schimpfwort!) Zwischengang mit feinem Spiel der Texturen und spannenden Geschmäckern, einfach und doch spannend. Außerdem eine gute Basis, um die beiden Weine zu vergleichen: ein 2013 Flonheim Silvaner von Patrick Kampf („eine lange Tradition auch in Rheinhessen von männlichen Böden: erdig, grantig, mineralisch“, sagt er) und ein 2013 White Wedding Kaliber 21 von Simone Adams. Hier müssen wir zwei Dinge klären: Die Sache mit dem Kaliber und welche Zahl einem bei wedding einfällt. Zuerst das Kaliber. Simone Adams, die den burgunderlastigen Betrieb mit neun Hektar vor vier Jahren übernommen hat, hat da ihre ganz eigenen Vorstellungen von dem, was auf dem Etikett zu stehen hat. Im Großgedruckten sieht man Jahrgang, Rebsorte (oder bei Cuvees Phantasienamen), den Namen des Weinguts und, besonders groß, das Kaliber. Eine Zahl zwischen 9 und 48 (derzeit jedenfalls) – je größer die Zahl, desto besser der Wein. 21 ist solides Mittelfeld. Bei der Hochzeit des White Wedding handelt es sich um einen flotten Dreier mit den Beteiligten Weißburgunder, Viognier und Riesling. Die Essenz von Kalkmergel, Muschelkalk und Lösslehm fließt hier ein: bei allem Respekt vor dem Silvaner unser Rundensieger!

Zum Hauptgang Rinderbacke. Kartoffel / Kürbis treten zwei Rote aus Adams Weingut den Beweis an, dass der „rote Teppich von Ingelheim“ in der Tat eine gute Basis für Rotweine mit Charakter bildet. 2011 Browning Baby Kaliber 20 ist eine rote Cuvée mit 15 Prozent Spätburgunder und einem großen geheimnisvollen Rest. Marketing ist auch immer ein wenig Buhei, aber wenn das Objekt der Begierde schmeckt, ist das ja egal! Kein Geheimnis, was im 2012 Frühburgunder Kaliber 24 steckt: Frühburgunder pur. Wir liebten das Granatrot und schmeckten die Kirsche, das Rind (und die dazu gereichte Sauce) waren ebenfalls begeistert und fühlten sich trefflich begleitet.

Der Abend nähert sich mit Grand Marinier. Parfait / Gewürzorange schon fast ein wenig vorweihnachtlich dem Ende, und da gab’s doch noch Sekt: 2009 Riesling brut Kaliber 33. Passte und setzte dem Abend einen prickelnden Schlusspunkt.

Kaliber 33

bean&beluga Weinbar
Bautzner Landstr. 32
01324 Dresden
Tel. 0351 / 44 00 88 00
www.bean-and-beluga.de

Weingut Kampf
Langgasse 75
55237 Flonheim
Tel. 06734 / 1626
www.weingut-kampf.de/

AdamsWein
Altegasse 28
D-55218 Ingelheim am Rhein
Tel. 06132 / 79080 0
www.adamswein.de

[Besucht am 21. November 2014 | Lage und Karte der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung | Alle Beiträge Winzer im Fokus]

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