Alles auf Wasser

48 Stunden Venedig – Canale Grande und in den Gassen von Castello

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Die Linie 1 ist eine Stadtrundfahrtslinie, die nicht rund fährt, sondern den Canal Grande auf und ab. Aber man kann ja auch zurückfahren, wenn man mag (wir taten’s nicht). Der Einstieg ist, wie bei jeder Rundfahrt, natürlich an jeder beliebigen Stelle möglich (solange es eine fermata gibt und das Boot dort hält. Die Linie 2, die auch den Canal Grande entlang schippert, nimmt beispielsweise nicht jeden Stopp mit (und ist daher schneller, falls es mal darauf ankommen sollte). Wir haben aber Zeit und steigen am Piazzale Roma ein.

WarenverkehrSogar ein hässlicher Platz kann an der Wasserseite interessant aussehen. Wenn man erst einmal an Bord ist und einen der Plätze hinten erwischt hat, kann man hier gut feststellen, dass Venedig natürlich nicht nur für Gondeln gut ist: hier ist alles auf Wasser. Jeglicher Transport geht über kleinere Boote, die mit ziemlichem Affenzahn das Wasser durchpflügen. Einen Taxistand gibt es hier ebenfalls – aber die Wassertaxen sind vergleichsweise teuer. Wir sahen bei unserem Besuch hauptsächlich mittelgroße Gruppen von Japanern, die sich pseudo-individuell und beim Fotografieren gegenseitig im Weg stehend das Vergnügen offensichtlich leisten wollten und konnten.

Hotel PrincipeStichwort fotografieren: Das ist ganz schön tricky, und zwar aus mehreren Gründen. Erstens sind die Vaporetti, die Linienschiffe, schnell. Kaum haste ein Motiv gesehen, schon ist es auch schon hinter Dir. Zumindest in der idealen Bildkomposition. Zweitens gibt es natürlich auf dem Schiff ein Backbord und ein Steuerbord, also eine linke und eine rechte Seite. Immer mal rüber und die Seiten wechseln scheitert an der alten Regeln „aufgestanden, Platz vergangen“, die selbst bei Stehplätzen zu gelten scheint. Also am besten an einer Seite stehen (bleiben) und die andere Seite bei der Rück- oder einer anderen Fahrt wählen – wir haben ja eine Flatrate gekauft. Und last not least gibt es an vielen Tagen sowas wie Sonnenschein. Sonne im Rücken und Du knipst mit Verzücken, aber palazzi im Gegenlicht? Eine Herausforderung. Auch hier hilft: Stellen merken und es später noch einmal versuchen. Oder an trüben Tagen kommen.

Ponte della CostituzioneSignori, auf unserer Fahrt durchqueren wir als ersten Hingucker die berühmte Ponte della Costituzione. Umstritten wie in vielen Städten alles Neue, was nicht im jeweiligen „von hier“ ist – aber Santiago Calatravas Werk ist zumindest ein Hingucker. Bei feuchtem Wetter freilich auch ein wenig schlüpfrig, wenn man drübergeht (was ja der Sinn der Brücke ist). Fototipp: Wenn man genau drunter ist, sieht man gespenstische Figuren oben laufen. Aber nur, wenn gerade Leute drüber gehen, natürlich.

Ca' d'OroDie nächste der vier großen Brücken über den Canal Grande kommt nicht wenig später, gleich hinterm Bahnhof an der Haltestelle Ferrovia. Die Ponte degli Scalzi aus istrischem Kalkstein verbindet die beiden Sestieri Santa Croce und Cannaregio – da sind wir ja auch schon mal drüber gelaufen.

Wir haben uns übrigens mit der Januar-Morgensonne für die linke Seite des Anguckens entschieden und sehen ’ne ganze Menge. Das Hotel Principe, die Chiesa San Geremia an der Einmündung des Canale di Cannaregio in den Canal Grande und das beeindruckende Ca‘ d’Oro – ein marmorverkleideter Palast aus den Jahren 1421 und 1442 mit bewegter Vergangenheit, Verwahrlosung inklusive. Davon kriegt man schon noch was mit bei einem Besuch, der möglich ist: Die Galleria Franchetti zeigt überwiegend venezianische Kunst von der Gotik bis zum Barock. Die Räume sind mit altem venezianischem Mobiliar ausgestattet und vermitteln einen Eindruck vom Glanz venezianischer Wohnkultur.

Traghetto s/wAn insgesamt sieben Stellen queren Traghetti den canal. Das Gondelvergnügen des kleinen Mannes (sowie, selbstredend, der gemeinen Frau) währt kurz und wird auch eher von den Einheimischen aus praktischen Gründen in Anspruch genommen. Zwei Leute steuern die Gondel von links nach rechts und wieder zurück, in der Regel stehen die Passagiere. Die Gondeln sind ungeschmückt, gesungen wird aber weder hier noch auf den deutlich teueren Romantiktouren.

Rialto-BrückeDie Rialto-Brücke hatten wir ja schon zur Mitternacht gesehen, sie hatte (wie auch viele andere Brücken) ein Poster angelegt. „Je suis Charlie“ als offizielle Anteilnahme der Stadt an den Opfern des Pariser Attentats in der Woche zuvor. Natürlich sieht man hier dann auch die Touri-Gondeln, wenn man Glück hat sogar fotofein aufgereiht vor der Ponte di Rialto. Man könnte hier aussteigen und zu Fuß weitergehen – man ist schell am Markusplatz. Wir aber nehmen die nächste Schleife des Canal Grande noch mit und fahren sogar noch eine Station weiter als San Marco bis zur Haltestelle San Zaccaria.

Campanile, DogenpalastDer Vorteil: Das Boot macht zwischen den beiden Stopps einen großen Bogen und eröffnet den Touris an Bord ein fabelhaftes Szenario der Essenz Venedigs. Campanile, Markusdom, Dogenpalast, Seufzerbrücke – alles rauscht an einem vorbei. Für einen Überblick ein idealer Standpunkt, denn mittendrin ist man zwar nah dran, verliert aber schnell den Blick fürs Ganze. Und das macht sich von hier aus bildschön.

Wir hatten uns was vorgenommen: Wir wollten uns mal die Questura ansehen, die in den Verfilmungen der Donna Leon-Krimis gezeigt wird. Nie sollte der bekannte Spruch vom Weg, der das Ziel sei, länger andauern. Einerseits, weil wir uns gewollt bummelnd der Sache annahmen, andererseits, weil uns die Questura an der Fondamenta San Lorenzo trotz mehrerer Quellen nicht schön genug vorkam und wir daher als location scouts in den Gassen von Castello weiter suchten.

Bacara RisortoErster Zwischenstopp im Bacara Risorto. Wir brauchten nur unseren Caffè, aber die kleine Bar am Campo S. Provolo in unmittelbarer Nähe der Chiesa di San Zaccaria ist augenscheinlich für mehr gut. Die Eckbar ist klein und hat mehr Platz für die Theke als für Gäste – drinnen. Aber draußen vor der Tür kann man ja auch stehen, also passt’s. Die Theke ist gut gefüllt mit kleinen Häppchen, die frisch zubereitet werden (und verdammt gut aussahen). Neben den Cicheti (1,50 € – 4,00 €) gibt es auch gute Weine und wohl auch einen fantastischen Sprizz – aber alles zu seiner Zeit: wir begnügten uns mit dem kleinen Schwarzen und fanden den neben der Atmosphäre auch schon ganz gut!

SpiegelungVon da an mäanderten wir durch Castellos Gassen, über kleine Brücken mit immer wieder hübschen Spiegelbildern im ruhigen Kanalwasser. Die Frage in Venedig ist ja häufig: Ist das nun noch morbider Charme oder schon gammelnder Verfall? Wahrscheinlich ist es beides, was man sieht – aber durch die rosarote Brille des Touristen erscheint das meiste eben doch eher charmant als verfallen. Für die Anwohner ist die Brille meist klarer oder eben betrüblicher: Die unter Denkmalschutz stehenden Häuser zu erhalten oder zu sanieren, ist ein kostspieliges Vergnügen, zumal der venezianische Untergrund ja auch nicht so ganz ohne ist – die Häuser stehen auf Holzpfählen, die Lagune ist ständig in Bewegung.

Campo Santa Maria FormosaAus den engen Gassen über eine Brücke kommend stehen wir plötzlich auf dem Campo Santa Maria Formosa – was für ein Gegensatz! Ein weites Feld, dieser Campo! Bedeutende palazzi säumen ihn. Wer sich für Details interessiert, ist auf den Seiten des in Venedig (und dort sogar in Castello) lebenden deutschen Architekten Jan-Christoph Rößler bestens aufgehoben! An diesem Samstag erschien der Platz uns noch größer, weil recht wenig los war. Aber ein wenig Alltag konnten wir natürlich dennoch beobachten, vom einsam Fußball spielenden ragazzo in der einen Ecke des Platzes bis zur signora im edlen Pelz vor dem Palazzo Dona a S. Maria Formosa.

la RepubblicaWir verlassen den Platz in nordöstlicher Richtung und stromern durch eine eher untouristische Gegend. Kleine Einkaufsstände mit Obst und Gemüse, hier eine Eck-Bar mit Sprizz-Trinkern draußen vor der Tür, dort ein typisches Beispiel für die Abteilung maroder Charme, hier eine etwas belebtere Straße mit Geschäften und Gaststätten. Besonders gefällt uns die sonnendurchflutete Calle del Fortego, in der ein Mann die la Repubblica liest.

Wir haben, streng genommen, immer noch kein Ziel – schauen aber, weil es langsam um die Mittagszeit ist, mal hier und mal dort hinein. Passt aber alles nicht, also weiter – und so entdeckt man dann zufällig Bemerkenswertes.

Chiesa di San Francesco della VignaDie Kirche und Klosteranlage von San Francesco della Vigna machten wir erst nur als einige Säulen aus und waren dann ganz entzückt: Die zweite Franziskanerkirche Venedigs (nach der Basilika Santa Maria Gloriosa dei Frari) steht in einem alten Weinberg (daher vigna…), Baumeister war Jacopo Sansovino, der in der ersten Hälfte des 16. Jh. auch für die Erneuerung des Markusplatzes und vieler anderer Monumente verantwortlich war. Die Fassade aus istrischem Stein ist das Werk von Andrea Palladio (den wir ja schon auf der Isola die S. Giorgio Maggiore als Baumeister kennen gelernt hatten). Das Innere der Kirche ist geprägt von vielen Seitenkapellen und Grabmälern bedeutender venezianischer Familien.

Osteria "A La Scuela"Ein paar Minuten weiter finden wir die Osteria A La Scuela, eine feine kleine Chicchetteria. Freitagabends Musik, verheißt das Schild – wir waren Samstag da und sahen zu, wie an der Musikanlage gebastelt wurde. Scheint ’ne geile Party am Vorabend gewesen zu sein 😉 Die Kleinigkeiten kamen frisch aus der Küche und sahen sehr gut aus, doch uns war erst mal nur nach was Prickelndem. Zwei Gläser Frizzante aus der frisch geöffneten Flasche, mit lang anhaltender Perlage. Dazu, wie üblich wenn man in einer Weinbar nur zum Aperitivo kommt, ein Schälchen mit Knabbersachen. Während wir noch an der Theke standen, kamen gerade frisch gemachte gefüllte Tintenfische in die Kühltheke. Wir zweifelten kurz, weil das sehr gut roch und aussah – aber wir hatten uns mittlerweile ein anderes Ziel ausgedacht und steuerten das flugs an.

Osteria „A La Scuela“
Salazida de le Gate 3183/a
Sestiere Castello San Francesco della Vigna
30122 Venezia
Tel. 0415285916
[Besucht am 10. Januar 2015 | Lage]

Bacara Risorto
Castello 4700 Campo San Provolo
Campo San Provolo
30122 Venedig
Tel. 3403017047
[Besucht am 10. Januar 2015 | Lage]

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