Armer Alexander

Humbold

Irgendwie traurig sitzt der junge Alexander da auf der Mauer. Alles stimmt nicht: Ausgeschlossen hat man ihn von der Welt – ausgerechnet ihn, der doch eher für das Inkludieren, das zusammen Wirken steht.

Einsam sitzt er auf der Mauer. Hinter ihm zwei Wälzer und ein Fernglas – als ob er damals, im Juni 1799, die Bücher schon mitgeschleppt hätte, die er doch erst schreiben wollte! Nein, er wollte Teneriffa erkunden und dort vor allem den höchsten Berg Spaniens, den El Teide. Seinen Notizblock hatte er sicher dabei, und wohl auch das eine oder andere Teil seiner Sammlung von etwa 50 Instrumenten zur Berechnung von Diesem und Jenem (Seite 111 im Buch: „Ich hatte ein Fernrohr und ein Chronometer)“.

Alexander von Humboldt, der am 14. September 1799 30 Jahre alt werden sollte, war unterwegs nach Amerika. Eine lange, eine mühselige Reise war das damals. Auf Teneriffa war im Juni 1799 Zwischenstation, und die nutzte der Universalgelehrte unter anderem zur Besteigung des El Teide. Aber er ging nicht nur einfach rauf, er kartierte das Gebiet – nach Pflanzen! So einer war der Alexander: fleißig und aufgeklärt-wegweisend.

Bildschirmfoto 2015-04-23 um 22.17.02Am Nachhaltigsten für die Tourismusindustrie aber ist ein Satz in seinem Reisewerk, der (gerne verkürzt und noch lieber falsch interpretiert) die mannigfachen Vorzüge und Reize der Insel auf den Punkt bringt (in: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents, übersetzt von Hermann Hauff – die einzige von Humboldt autorisierte Übersetzung des französisch geschriebenen Werks erschien bei J. G. Cotta, Stuttgart 1859. Das Zitat steht im Band 1 auf der Seite 90):

„Wenn man ins Tal von Tocaronte hinabkommt, betritt man das herrliche Land, von dem die Reisenden aller Nationen mit Begeisterung sprechen. Ich habe im heißen Erdgürtel Landschaften gesehen, wo die Natur großartiger ist, reicher in der Entwicklung organischer Formen; aber nachdem ich die Ufer des Orinoko, die Kordilleren von Peru und die schönen Täler von Mexiko durchwandert, muss ich gestehen, nirgends ein so mannigfaltiges, so anziehendes, durch die Verteilung von Grün und Felsmassen so harmonisches Gemälde vor mir gehabt zu haben.“

Gefangen und der Blick ins FalscheSchön formuliert – aber sehr wahrscheinlich meinte Humboldt gar nicht den Ort, der heute Mirador de Humboldt heißt, denn der befindet sich ja oberhalb von Puerto de la Cruz und nicht auf dem Weg aus der alten Inselhauptstadt La Laguna hinunter ins Tal. Schlimm genug, aber so ist die Tourismus-Industrie: Wer kommt heute schon noch mit Blick für die Landschaft in die Gegend – fahren doch alle die Autobahn TF 5 und konzentrieren sich auf den Verkehr!

Aber noch schlimmer ist ja, dass der Mirador abgesperrt ist, weil privatisiert und – nach irgendeinem Krach – nicht mehr bewirtschaftet. Und der arme Alexander guckt nicht mal auf den Teide, sondern etwas ratlos-verzweifelt in Richtung einer Plaste-Plastik…

PS: Unser Lieblings-Blick über die Insel ist garantiert nicht der von Alexander von Humboldt, denn der Mirador de Jardina lag nicht auf seinem Weg. Aber das harmonische Gemälde lässt sich von dort – zumal wenn man sich die dichte Besiedlung wegdenkt – ganz gut nachempfinden…

Teneriffa

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