Über dem Meer der Wolken

Stipvisite auf dem El Teide – Spaniens höchstem Berg

Über dem Wolkenmeer

Der höchste Berg Spaniens liegt in Afrika. Verrückt, aber das ist so: die Kanarischen Inseln gehören geografisch zu Afrika, aber politisch zu Spanien. Alexander von Humboldt, der im Juni 1799 da war, umschreibt die Region gerne mit „an der Grenze des heißen Erdgürtels“ und lobt sie allenthalben. Den Berg hat er auch bestiegen, seine Höhe vermessen und die Pflanzen kartiert, die auf ihm in den verschiedenen Vegetationszonen wachsen.

Teleférico del Teide21 Stunden, schreibt Humboldt, brauche man für Auf- und Abstieg. Ohne Pausen zur Erholung, ohne solche zum Studium von Allem um einen herum. Sein Hilfsmittel damals waren Maultiere und die eigenen Füße – wir Heutigen haben es leichter und nutzen zum Erklimmen des 3.718 Meter hohen Gipfels des El Teide bis auf 2.356 m das Auto und wählen für den nächsten Höhenkilometer die Seilbahn Teleférico del Teide, die uns in acht Minuten hoch auf 3.555 Meter hievt. Den Rest von schlappen 163 Höhenmetern auf 650 Metern Länge erledigen wir dann japsend (dünne Luft!) zu Fuß. Erfreulicherweise ging es nicht nur uns so – ausreichend Pausen (selbstverständlich nur zum genießen der Aussicht!) machten alle. Aber oben angekommen ist es dann wirklich mal atemberaubend schön, auch wenn wir mehr Wolken als Anderes unter uns erblicken!

Weg zum GipfelAuf dem Gipfel des Teide hat mich dann auf den letzten ungefähr 99 Zentimeter die nicht vorhandene Schwindelfreiheit eingeholt: Ganz oben war ich also nicht – Sylke aber. Steinbock halt. Andere waren noch verwegener und hockten sich so stark an den Rand, dass dem Nichtschwindelfreien allein vom Zusehen beinahe schwummrig geworden wäre. Das geht natürlich nicht, denn so ein Motiv sollte man sich nicht entgehen lassen. Hockende über dem Nebelmeer, das hat doch was. Aber auch ohne die letzten Zentimeter war es ein grandioses Erlebnis. So hoch waren wir ja noch nie, und die Luft ist ganz schön dünne. Laut Sensor im iPhone sank der Luftdruck von 1.014 hPa am Küstenwohnort bis auf 650 hPa, um das japsige Gefühl ein wenig zu objektivieren…

FumeroleGanz oben  und auch bei einer Zweitwanderung Richtung Pico Viejo, dem alten Krater, schwefelte der Vulkan uns dann auch noch einen Gruß entgegen: Erst gibt es weniger Sauerstoff und dann auch noch Schwefel – aber wer was erleben will, muss halt leiden. Warum es der Fumarole oben kurz vorm Gipfel des Teide allerdings beliebte, just bei meiner face-to-hole-Besichtigung einmal ordentlich zu hüsteln und die Sonnenbrille einzunebeln, bleibt ihr schwefeliges Geheimnis. Eine beeindruckende Demonstration des Spruchs: Sie sehen, dass Sie nichts sehen.

Die Welt ist rund…Sehr viel Konkretes sahen wir auch oben bei mittlerweile wieder schwefelfreier Luft nicht. Das Meer der Wolken unter uns meinte es gut. Gran Canaria, La Palma, La Gomera glaubten wir an ihren Zipfeln bzw. bei Gomera am durchschimmernden Fuß (weniger prosaisch: der Küstenlinie) zu erkennen. Beschwören mag ich’s nicht. Sicher hätte man bei klarer Sicht mehr identifizieren können – aber der Passat schickt eigentlich recht zuverlässig Wolken. Und Afrika ist eh zu weit weg, wie Alexander von Humboldt schon 1799 vorrechnete (auf Seite 125 unserer Ausgabe). Aber er erwähnt auch, dass man „bei hellem Wetter vom Gipfel des Vulkanes ein Stück Erdoberfläche von 115.000 qkm, also so viel als ein Vierteil der Oberfläche Spaniens“ überblicken kann – und das ist ja auch schon ganz schön beeindruckend.

Cañadas und Pico Viejo

Pico El Teide

Teleférico del Teide

El Teide

Von der Bergstation der Seilbahn (die uns für 26 € je Person hoch und runter brachte) führen im Prinzip drei Wege ab: der eine hoch zum Gipfel – wenn man die Erlaubnis hat (oben auf dem Teide wollen sie alle cool bis supercool sein und reden nur vom permit…). Die Erlaubnis gibt es online (Pro-Tipp: früh genug reservieren!) oder im Büro der Nationalparkverwaltung in Santa Cruz (C/ Emilio Calzadilla, nº 5 – 4 Etage – Personalausweis mitbringen!). Kosten tut das nichts, man will halt im Naturschutzgebiet und auf dem engen Gipfel allzu großes touristisches Gerangel vermeiden. Also werden für maximal je 50 Personen zweistündige Zeitfenster vergeben: von 9-11 Uhr, von 11-13 Uhr, von 13-15 Uhr und von 15-17 Uhr. Ranger kontrollieren die Erlaubnisscheine, sind aber nett und nehmen es nicht preußisch-genau, wenn man auch nett ist (wir waren etwas zu früh da und konnten dennoch schon losmachen). Der Wanderweg Nr. 10 des Wanderwegnetztes des Nationalparks, der zum Gipfel und wieder runter führt, „trägt den Namen Wanderweg Telesforo Bravo, nach dem berühmten Geologen aus Teneriffa, der so viel dazu beigetragen hat, die Ursprünge und Geheimnisse dieses mystischen Ortes bekanntzumachen“, wie der zwar sehr klein gedruckte (gedruckte? naja, zu lesende…) Text auf der Registrierungsseite verrät.

El Teide GipfelVon den beiden nicht genehmigungspflichtigen Wanderungen ist eine besonders bei sonnenverbrannten Flipflopträger*innen beliebt: die nach rechts (Wanderweg 11). Ziel ist ein Aussichtspunkt mit schönem Blick ins Nichts, wenn es nebelt oder Wolken schweben. Ach nee, da war doch was: La Fortalezza sieht man schon, und die Küste irgendwie auch. Aber nicht so schön wie von oben, weswegen wir hauptsächlich Touris guckten. Dafür sieht man den Teide ganz nett von diesem Weg.

Pico ViejoSchöner (und zumindest in der Früh, als wir ihn gingen, deutlich leerer) ist die kleine Wanderung nach links (Wanderweg 12 – einen ordentlichen Übersichtsplan hat die Nationalparkverwaltung übrigens auch im Netz). Schwefelgelbe Felsen ließen uns schwelgen („diese Farben!“), man kann es aus Fumerolen dampfen sehen – das Ziel, ein Aussichtspunkt zum Pico Viejo, lohnt schon wegen der vorbildlichen Kraterform des alten Vulkans.

Las CañadasBesonders beeindruckend aber ist der stets neue und immer wieder anders atemberaubende Blick in den Riesenkrater, die Caldera. Wie oft haben wir schon gedacht: wie auf dem Mond (ohne dort wirklich je gewesen zu sein, wie man sich denken kann). Aber auf diesem Weg sieht man nun wirklich Mondlandschaft vom Feinsten. Es hilft, das auch schon mal von unten gesehen zu haben (Wandermöglichkeiten gibt es!), denn dann erkennt man von oben den einen oder anderen Punkt. Aber hach – es ist doch so viel mehr! Mein neuer Freund Alexander hat die Schwierigkeit, die mannigfachen Eindrucke adäquat schildern zu können, ganz trefflich formuliert (1799 bzw. 1815, nicht ganz neumodisches Deutsch, aber es lohnt sich zu verstehen):

Die Besteigung des Vulkanes von Tenerifa ist nicht nur dadurch anziehend, daß sie uns so reichen Stoff für wissenschaftliche Forschung liefert; sie ist es noch weit mehr dadurch, daß sie dem, der Sinn hat für die Größe der Natur, eine Fülle malerischer Reize bietet. Solche Empfindungen zu schildern, ist eine schwere Aufgabe; sie regen uns desto tiefer auf, da sie etwas Unbestimmtes haben, wie es die Unermeßlichkeit des Raumes und die Größe, Neuheit und Mannigfaltigkeit der uns umgebenden Gegenstände mit sich bringen. Wenn ein Reisender die hohen Berggipfel unseres Erdballes, die Katarakten der großen Ströme, die gewundenen Thäler der Anden zu beschreiben hat, so läuft er Gefahr, den Leser durch den eintönigen Ausdruck seiner Bewunderung zu ermüden. Es scheint mir den Zwecken, die ich bei dieser Reisebeschreibung im Auge habe, angemessener, den eigentümlichen Charakter zu schildern, der jeden Landstrich auszeichnet. Man lehrt die Physiognomie einer Landschaft deſto besser kennen, je genauer man die einzelnen Züge auffaßt, sie untereinander vergleicht und so auf dem Wege der Analysis den Quellen der Genüsse nachgeht, die uns das große Naturgemälde bietet. (Quelle)

Las Cañadas

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