Über den Tellerrand hinaus

Jungweinproben für den Jahrgang 2014 in Dresden und Radebeul

Der spannende Moment wo der Kork die Flasche verlässt

Wir leben im Zeitalter der Jungweinproben. Alle (so sie sich denn für Wein interessieren) wollen wissen, wie er geworden ist, der Jahrgang 14. Neben der Standard-Antwort („Es war ein schwieriges Jahr!“), die einerseits stimmt und andererseits aber auch in die Schublade mit der Aufschrift jammernde Landwirte passt, hört und schmeckt man aber auch, dass da ganz tolle Weine bei herausgekommen seien. Ist das nun die zweite Standard-Schublade (sich selbst lobende Erzeuger) oder entspricht es der Wahrheit? Die Antwort mein Freund, weiß nicht der Wind, die Antwort findet man durch Probieren heraus.

Die Elbe, die Fotografen und die HoheitenGelegenheit gab’s in den vergangenen Tagen reichlich (und wir haben längst nicht alle wahrnehmen können). Die umfangreichste war natürlich die 25. Große Gemeinsame Jungweinprobe Sachsen & Saale-Unstrut im Erlwein Capitol der Messe Dresden. Das ist schon die beste Gelegenheit, sich einen Überblick zu verschaffen, auch wenn man zuerst einmal die eine oder andere Rede über sich ergehen lassen darf. Es gibt Zahlen zu Erntemengen, Ertragsrbfläche (ja, genau so) und °Ochsel (wieder genau so) – endlich mal eine Variante zu dem alten Witz, dass ich früher nicht wusste wie man Inscheneur schreibt und heute einen bin. Oder so. Außerdem schmückt man sich bei derlei Veranstaltungen gerne mit hübschen Mädchen, die als Weinkönigin oder Weinprinzessin dann auch beliebtes Motiv der fotografierenden Meute sind und in der Tat von manchen Zeitgenossen mit Hoheit angesprochen werden. Wobei: Es gibt ja schon ein paar sehr Nette dabei, und Sachsen ist mit Queen Michi ja auch vorzeigenswert und ansehnlich vertreten!

Große Jungweinprobe 2015Probiert wird bei der Großen Jungweinprobe nach Rebsorten getrennt, was einem erlaubt, sich gezielt der einen oder anderen zu widmen und zu vergleichen, was die Winzer draus gemacht haben. Los geht’s in Sachsen klassisch mit Goldriesling, den wir vor zwei Jahren einer genaueren Betrachtung unterzogen hatten und ihm immer noch nichts abgewinnen können. Wer die Weine der üblichen Verdächtigen gezielt probieren möchte, muss sie sich raussuchen oder (bei W wie Wackerbarth angelangt) das Glück haben, nach nebenan ins Zelt gebeten zu werden, wo es die Sekte und Weine des Staatsweinguts für den handverlesenen Probierzirkel gibt. Fünf, sechs mehr solcher Zelte und die Jungweinprobe wäre ä Draum

Den Wein am nicht verzückten Gesichtsausdruck erkennenRichtige Neuentdeckungen oder gar Überraschungen haben wir nicht erlebt, und manch einem, der seine eigenen Weine selbst „Exzellent!“ oder „der Hammer!“ findet, wünscht man etwas mehr kritische Distanz zu sich und seinen Werken. Die Schwierigkeiten des vergangenen Jahrs mit seinem Septemberregen inklusiv unschöner Schwüle und daraufhin einsetzender Fäulnis der Trauben sind ja nun mal Fakt, so früh (und so schnell) wurde selten gelesen. Bei manchem Probierschluck (korrekter in fast allen Fällen: Probierspuck) fiel uns ein im Redeteil der Veranstaltung gefallener Satz ein („da mussten alle mit anfassen, auch die Mitarbeiter aus den Büros“) – und wir dachten uns: das schmeckt man, wären sie mal am PC geblieben. Aber bei denen, die trotz der Hektik achtsam und mit Bedacht gelesen haben, sind trotz des manchmal arg grünen Traubenmaterials verdammt trinkbare Weine rausgekommen.

Felix HößelbarthDass es in diesem Jahr deutlich mehr Rosés im Angebot gibt, liegt natürlich auch am Wetter. Wenn es für einen guten Roten nicht ging (entweder von der Menge oder von der Qualität), reichte es ganz oft noch für einen Blanc de Noir oder rosé. Gerade bei den sommerlich Blassen gibt es ja sowohl in Sachen Farbe als auch in Sachen Geschmack eine schier unendliche Bandbreite von Möglichem, manchmal sogar Unmöglichem. Da hilft nur: Probieren. Das taten wir – und siehe da, es gab auch Erfreuliches. Felix Hößelbarth, für die Weine der Hoflössnitz im Weinberg wie im Keller verantwortlich, hatte zwei roséfarbene Weine dabei – von neuen Reben, sogar von Neuzüchtungen. „Warum nicht Piwis (pilzwiderstandsfähige Reben) nehmen, wenn es schmeckt?“ meint er – und wir fanden: stimmt.

weinfruehling15Während bei der großen Jungweinprobe der Blick über den Tellerrand quasi lediglich von einer Untertasse bis zum Nachbarn Saale-Unstrut erfolgte, war der Teller mitsamt Rand beim nunmehr dritten Radebeuler Weinfrühling größer. Wir haben uns sehr amüsiert und zwischen den lokalen Winzern der Gemischten Bude (Matthias Gräfe, Andreas Kretschko, Lutz Gerhardt, Frédéric Fourré, Stefan Bönsch sowie Bernd Kastler / Enrico Friedland), von Schloss Proschwitz und Weinmachern aus anderen Teilen Deutschlands, aus der Toscana, Mallorca und Südafrika einen trinkfreudigen Spagat genossen. Sprachlich geht das zwar nicht, geschmacklich aber schon! Die Atmosphäre im Kultur-Bahnhof Ost war mehr als entspannt, der Andrang offenbar gerade richtig: Laut Auskunft von Mitveranstalter Matthias Gräfe seien die Winzer auf ihre Kosten gekommen – und die Gäste hatten (auch Dank guten Wetters und der Möglichkeit, die Außenflächen mit zu nutzen) nicht so das Sardinenbüchsengefühl.

Neben der Neugier auf Gemischtbudenweine des 14er Jahrgangs lernten wir mit der Fattoria Ispoli ein kleines Toascana-Weingut kennen, dessen (leicht gekühlt servierten) Rotweine uns aufmerken ließen. Uns gefielen alle vier verkosteten Weine extrem gut – arttypisch, voller Frucht und samtig. Wer meint, Sangiovese nicht zu mögen, sollte sich mal am Chianti Classico Riserva (2008er Jahrgang) versuchen… Die Fattoria ist ca. 20 ha groß, auf etwa 6 ha wird Bio-Wein angebaut, auf 2 ha Oliven. Der Rest ist mit anderen Bäumen bewachsen – Toscana halt! Was geht gut gegen Toscana-Rote? Rheingau-Riesling! Bibo und Runge heißen die beiden Herren, die den mal etwas anders interpretieren. Ungewohnt, aber eujeujeujeu! Walter Bibo und Kai Runge – das sind ein gelernte Winzer (Kellermeister bei Heger, Direktor von Reinhartshausen) und ein Quereinsteiger (Restaurator). Beide eint guter Geschmack und die Philosophie, dass gut Ding Weile haben will. „Die Überraschung der diesjährigen ProWein!“ meinte Matthias Gräfe, als er uns bekannt machte. Nach der Probe von den Rieslingen, die im großen Holzfass ausgebaut wurden, verstanden wir’s…

Frédéric FourréWas Mallorca und Südafrika verbindet? Dass sie (sehr partiell, versteht sich) in Radebeul von Einheimischen vorgestellt wurden. Juliane Kremtz  war mit Weinen des Bio-Weinguts Can Majoral vertreten und Anne Frehle stellte Wheatfield Wines aus Südafrika vor. Aber das sind zwei eigene Geschichten – wie auch einige Details zu den Weinen der Gemischten Bude. Denn da sind wir immer noch nicht ganz durch. Vorweg nur dies: Frédéric Fourré hatte (wie schon im Vorjahr) in der Neustadt bei Weine & Zigarren seine neuen Weine vorgestellt – und wir waren entzückt über die klare Linie, die der Franzose aus Radebeul (oder der Radebeuler aus Frankreich) mittlerweile gefunden hat. Andreas Kretschko freute sich über „Mengen wie nie“ – und dass die dann auch noch knackig-frisch gerieten, erfreut dann nicht nur ihn. Wenig genug ist’s natürlich noch immer! Stefan Bönsch (bzw. seine Weine) hatten wir ja schon bei den Kochsternstunden zweimal genießen dürfen – neu für uns war ein Grauburgunder, der eine Nacht auf der Maische lag und sich damit bei den Gestrengen des Landes alle Chancen auf ordentliche Klassifizierung verdorben hatte. Weil er einen Hauch von Lachsfarbe zeigt, schämt er sich nicht, als Landwein angeboten und von uns mit viel Vergnügen genossen zu werden. Was so ein Maische-Quickie alles bewirken kann…

Mehr lesenswerte Beiträge

  • Rock und Wein am BergRock und Wein am Berg Radebeul – ich komm an! Du geiler Weinbergblick, Du machst mich an. (Spencer und Co. – seh-hören) Pétrus, Weinkenner wissen das, ist ein sündhaft teurer Wein. […]
  • Winzers LieblingeWinzers Lieblinge Falls es jemand noch nicht mitbekommen haben sollte: 2015 war endlich mal ein Jahrgang, wo die Winzer nicht viel zu meckern hatten – zumindest die in Sachsen […]
  • Zusammen arbeiten und Spaß dabei habenZusammen arbeiten und Spaß dabei haben Die Gleichung mutet befremdlich an, obwohl sie doch stimmt. 3+2=1. Man könnte ja diesen einen senkrechten Strich wegnehmen und aus dem Plus ein Minus machen, […]
  • Auf den Spuren von Omas Geschmack Die Oma hat Schuld. Meistens. Denn bei ihr hat man Sachen gegessen, an die man sich besonders gerne erinnert. Gibt's jemand, der nicht so ein Lieblingsessen […]
  • „Gib mal ’nen Schluck vom Kalb!“„Gib mal ’nen Schluck vom Kalb!“ Das mit dem Wein kann ja ganz schön kompliziert sein. Außer bei denen, die lediglich alle beide anbieten, also nen Roten und nen Weißen. Kommt für schwierigere […]
  • „Ich bin lieber am Gast!“„Ich bin lieber am Gast!“ Lange nachdenken sollte man nicht, wenn zum Erntedankfest Mitte September ins Bülow Palais geladen wird. Erstens nicht über das Datum ("Erntedank vor der Ernte […]

1 Trackback / Pingback

  1. Stolz auf die alten Reben | STIPvisiten

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*