Dancing in the street

Appetitmacher vom Feinsten beim Schaubudensommer

Dancing in the Street

Es gibt immer noch Menschen, die den Schaubudensommer in Dresden nicht kennen. Nicht schlimm, wenn man, sagen wir: in Köln wohnt oder in Hinterhermsdorf. Aber wenn man, sagen wir mal: als Polizist, in der Dresdner Neustadt unterwegs ist, sollte man ja schon wissen, was da passiert. Ist aber nicht so, weswegen ein Polizist auf Streife den fröhlichen Mitternachtsumzug, der zum Schaubudensommer gehört wie der Beifall zur Show, anhielt und den Trompeter höflich aber bestimmt bat, das Blasen einzustellen. „Die Bewohner hier in der Louisenstraße wollen schlafen!“ Der Trompeter guckte verständnislos – weil er nix verstand. Er ist Pole aus Wroclaw und spielt mit der Kapela Timingeriu, die derzeit mit dem Fahrrad unterwegs ist. Im Festivalcafé spielten sie – spontan und außer Plan – und verzückten die Gäste in dieser lauen Sommernacht. Und als der Herr Direktor dann, wie immer, zur Mitternachtsüberraschung einlud, führte die Kapelle den Zug der geschätzt 300 fröhlich-friedvollen Menschen an.

Micha WinklerDie Polizisten (der draußen am Trompeter und der drinnen im Wagen) konnten aufgeklärt werden. Schaubudensommer: das ist ein auch von der Stadt geförderte Veranstaltung, die in diesem Jahr zum 18. Mal rund um die Scheune stattfindet. Zelte mit Kleinkunst im Stundentakt – und vor allem: reichlich gute Laune. Selten so viel lachende fröhliche Leute auf einem Platz in Dresden gesehen – dem können auch zwei Polizisten im Mitternachtsstreifendienst nichts anhaben. Die hatten eh ein Einsehen, ließen Band und Besucher weiter ziehen – zum Hof der Dreikönigsschule. Auf der alten Sporthallen stand schon, im roten Scheinwerferlicht, Micha Winkler – der Mann mit der Posaune. Auf dem Balkon gleich nebenan fasziniert zuschauende, zuhörende und mitklatschende Neustädter: von wegen Schlafen! Doch nicht in einer lauen Sommernacht, nicht zur Schaubudenzeit!

Zirkus GonzoAm anderen Ende des Hauses ein Autokran mit einem weißen Tuch. Darin verwickelt sich der in Kopenhagen aufgewachsene und nun aus der Schweiz kommende Finn Jagd Andersen in immer neue akrobatische Figuren. Zur meditativ-jazzigen Posaune gibt er sich nahezu schwerelos, die Zuschauer sind vor Faszination mucksmäuschenstill. Als Zirkus Gonzo ist diese One Man Show am Vertikaltuch sicher mit einigen Dingen mehr auch im normalen Abendprogramm – haben wir verpasst. Aber man kann ja nicht alles haben.

Jindrich Staidel ComboUnd wir wollen und können ja auch nicht klagen, denn die beiden am Abend vor dem Mitternachtsumzug besuchten Shows waren so schweißtreibend wie unterhaltsam. Die Sache mit Schweiß erklärt sich schnell: In den Zelten geht’s – der besseren Sicht wegen – mit den Sitzbänken hoch bis unters Dach. Und dort trifft Mensch auf heiße Luft – herrlich! Aber macht nichts, denn weiter unten auf der Bühne gibt’s Musik am Strick. Die Jindrich Staidel Combo bindet den Zuschauern den tschechischen Bären auf. Wer sich aufs Programmheft verlässt, erwartet „ein Fest der zügellosen Hysterie!“, denn „hier geht‘s tschechisch leicht mit dem nötigen Schluck Hoppsalla an die Grenze, wo Beifall nicht gewünscht, Wippen aber unumgänglich nötig ist.“

Die Jindrich Staidel Combo ist ja auch so ein Ding mit Erklärungsbedarf. Als wir sie vor Jahren auf dem Konzertplatz zum ersten Mal hörten (und begeistert waren ob der Mischung an Musikalität, Spaß und Wortwitz, von der Optik ganz zu schweigen), fragten wir noch voller Naivität in der Pause: Wo kommt ihr denn her? – und freuten uns über die Antwort: Nu, aus Dräsdn! Mittlerweile wissen wir, dass Dresden aus Staidel-Sicht quasi der eingemeindete Vorort vom Fruchthof Teplice ist und haben Spaß, ohne zu tanzen (ein Insider 😉 ). Die neue Show macht die vier Musiker zu puppets on a string, eigentlich zu Musikern am Seil. Diese Seilschaften sind ein zusätzlicher Angriff auf die Zwerchfelle und damit sehr willkommen! Schade, dass nach einer halben Stunde Schicht war – aber so ist das beim Schaubudensommer: alles nur Appetitmacher, die aber vom Feinsten!

AnnamateurVöllig durchgenässt nach dem sächsisch-tschechischen Saunagang im Zelt wussten wir die Freitreppen und das Getränkeangebot auf dem Festivalgelände dann deutlich zu schätzen – um nach gehöriger Pause erneut auf Risiko zu setzen: Am Ende der laaaaangen Schlange, die hoch zum Saal in der Scheue führte, weiß man ja nie, ob man noch reinkommt oder ob kurz vor einem alles dicht ist. Der Andrang hat Tradition, wenn Anna Mateur auftritt – und womit? Mit Recht! Denn was da an Politischem, an Kabarett und Satire, an starker Musik abgeht, lohnt die lange Schlange. Das Leitmotiv der kurzen Show war quasi die logische Fortsetzung der pegidistischen Montagsübel – Dresden den Dresdner, Bautzner raus! Chemnitzer raus! Leute aus Aue raus (die sowieso, eh!)! Und dann? Dann kämpfen die Stadtteilbewohner für ihre Flecken. Jeder gegen jeden, nur Striesen gegen sich selbst. Köstlich abstrus. Aber die, die es hätten merken können, wenn sie es denn merken würden, waren eh nicht da – also hatten alle Spaß. Auch optisch hatte die Show ihre Reize, da kennt Anna Maria Scholz nüschte!

[Schaubudensommer 2015 vom 16. bis 26. Juli immer ab 19 Uhr, Festivalplatz hinter der Scheune (Alaunstraße 36-40, 01099 Dresden) – Programm | Besucht am 21. Juli 2015]

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