Schnepfenköniginnen und Badeträume

Nebel vor Maddalena

Morgenüberraschung auf Sardinien: Sehr schlechte Sicht. Gelinde gesagt, denn vom Fährhafen in Palau erkennt man das nur knapp vier Kilometer entfernte Ziel, die Insel Maddalena, gar nicht. Wenn man Pech hatte, sah man zwar die Hand vor dem eigenen Auge, aber die der Begleitung schon nicht mehr. So eine dicke Suppe würde man vielleicht am Tower von London erwarten, aber doch nicht hier? Manchmal erspähte man die Gipfelzacken naher Hügel, dann war wieder alles zu. Gespenstisch schälte sich eine Fähre aus der Suppe: eigentlich unsere, aber wir trauten dem Braten erst, als man gegenüber die Gipfelkonturen von Maddalena sah.

Mehrere Fährgesellschaften teilen sich das Geschäft, es fährt sogar in der Nebensaison alle halbe Stunde ein Schiff. In der Hauptsaison geht es noch geschäftiger zu, da sind es fünf Schiffe die Stunde. Allerdings gibt es es keinen Fährverbund: Man kauft das Ticket für eine Gesellschaft und muss dann auch mit der (wenn man ein Rückfahrticket gekauft hat) wieder zurück. Für die 2x 20 Minuten kostete es für zwei Personen und einen Kleinwagen 33 Euro. Und die Fähre war voll, das Geschäft scheint sich zu lohnen.

GraukappenfotografieBeim Einschiffen ist große Hektik: Wer darf wann rauf und wohin genau? Die Leute vom Schiff haben einen Plan, aber speziell einige Touris haben ganz andere. Da geht’s dann wunderbar laut zu, aber irgendwann steht alles wie gewünscht und wir legen ab. Mit uns an Bord ein Bus voller Schwaben (und Schwäbinnen) der Marke Club Graukappe. Zielsicher haben sie die volle Bandbreite der Reeling eingenommen und knipsen den Nebel. In ihrer Sprache, die ja eigentlich keine ist, sondern ins Kraut geschossener Gutturalismus, freuen sie sich, dass das Ziel immer größer und deutlicher wird, je näher man kommt. Wenn man selbst einmal einen guten Fotoplatz erkämpft hat, kommt garantiert eine mit so einer Miniknipse und brabbelt einen an. Wenn ich es richtig verstanden habe, wollte sie auch mal genau an dieser Stelle das wunderbare Motiv knipsen! MaddalenaMaddalena ist eine lebhafte Stadt, hat aber nur die Strandpromenade, die Haupteinkaufsstraße Via XX Settembre und ein Stückchen Via Garibaldi zum Bummeln und natürlich die palmendekorierte Promenade – gleich daneben wird’s unspektakulär. Außerdem gibt es direkt am Fähranleger die Garibaldi-Säule, um die sich hier alles dreht, denn sie steht im Zentrum eines Kreisverkehrs.

Die Läden der Via XX Settembre vermitteln den Eindruck, dass man hier gern zahlungskräftigeres Publikum hat. Es gibt aber nichts, was man nicht auch Andernorts für meist weniger Geld bekommen könnte – und wenn man ein wenig sucht, findet man sogar eine nette Bar vom Typ Veedels-Kneipe. Eine Signora schmeißt den Laden souverän und nett, die weitläufige Nachbarschaft geht ein und aus, und als wir dort abends auf ein Glas Wein (2 Euro, Chips inklusive) saßen, ging ein Mann von Tisch zu Tisch und zeigt jedem die Tüte mit dem Fisch, den es am Abend bei ihm zu essen geben wird. Ich war kurz davor ihm zu sagen, dass wir noch keine Gaststätte gefunden hätten, weil die von uns angesteuerte Osteria Enoteca da Lio gleich nebenan geschlossen hatte und ihm gerne helfen würden, den Fisch würdig zu verspeisen – aber für solche Scherze reicht mein Italienisch bei weitem nicht aus.

Hingucker-RouladeWir landeten dann zum Abendessen in einer Seitengasse in einem Restaurant, das einen netten Eindruck machte. Die beiden Bedien-Mädels erhielten für ihre einzigartige Art der Bedienung den Titel „Schnepfenköniginnen des Urlaubs“ – und abweichend von der sonst geübten Praxis, zehn Prozent Trinkgeld zu geben, lediglich einen freundlichen Abschiedsgruß. Das Essen war auch nicht umwerfend, aber durchaus noch in der Kategorie ordentlich einzuordnen. Beachtlich auf jeden Fall die Servierweise der von mir bestellten Kalbsroulade – zwei Damen, die neben uns saßen, giggelten fröhlich vor sich hin, als sie den gegrillten Phallus gewärtigten. Wobei das Fleisch sehr kräuterig gewürzt war, aber ebenso wie Sylkes Thunfisch (der lag hingegen wie erwartet platt auf dem Teller) deutlich zu lang gegrillt und daher zu trocken. Das Carpaccio vorweg, um auch mal was Positives zu sagen, war in Ordnung. Und der Italiener am Nebentisch, den ich hier mal Marcello nenne (weil er mich an einen Marcello erinnerte, den ich kenne) hatte eindeutig den Vorteil, besser kommunizieren zu können: Er bestellte, ohne in die Karte zu sehen, Spaghetti mit Muscheln und danach eine Fischplatte – worauf man ihm eine Auswahl der frischen Fische zeigte. Noch besser hatte es das Paar getroffen, für das ein Tisch neben uns reserviert war: Offensichtlich waren sie Stammgäste (von den Schnepfenköniginnen aber nicht anders behandelt als wir, nur von der immer netten Chefin besonders umgarnt). Die Zahl der ihnen präsentierten Fische überstieg die der Marcello gezeigten deutlich. Und was soll ich sagen: Das sah gut aus! Aber wir sind auch zu einem akzeptablen Preis satt geworden und hatten ja nette Tische um uns herum!

Cala TrinitaZurück vom Abendessen zum Tag: Eigentlich sind wir ja gerade erst angekommen, einmal die Via XX Settembre hoch und zurück, um dann die berühmte Tour rund um die Insel anzutreten. Man ist schnell rum um die Insel, obwohl sich die Strada Panoramica natürlich um die Buchten schlängelt und die Hügel rauf wie runter windet. Von den Buchten bereitete uns die Spiaggia di Spalmatore mit kühlem Weißwein und heißen Männern viel Freude – gut ausschauen tut sie auch, die Bucht. Mehr Männer erlebten wir in der traumhaft schönen Cala Trinita, man kann das nachlesen oder sich anhören! Auch ohne sehenswerte Männer ist das eine tolle Badebucht!

SteinigNach dem Baden rundreisen wir weiter und stellen hinter jeder Kurve fest, dass die Straße hier zwar nicht mehr das Panorama im Namen führt, aber dennoch jede Menge liebreizende Ausblicke bietet. Und da nicht so arg viel los ist Ende Mai (also vor der Saison), kann man auch fürs eine oder andere Bild immer mal wieder anhalten. Das nächste Ziel sehen wir dabei auch schon: Caprera, die nahezu unbewohnte und beinahe unbebaumte Insel, die mit Maddalena durch einen Damm verbunden ist. Was es gibt, ist vornehmlich Natur. Rundgelutschte Steine im Meer, imposante Felsgebilde wie den Steinlaus-Mutanten und das Grab von Giuseppe Garibaldi, den sie den Löwen von Caprera nennen. Das Museum (5 € Eintritt) klärt alle gerne auf, die zu den Öffnungszeiten kommen (geöffnet täglich außer Montag von 9.00 bis 13.30 Uhr).

Palau-Maddalena-Caprera

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