Wanderung in der Cloud

Von Ulassai zur Punta Mazeu

Ulassai

Ulassei heißt die kleine Stadt im Herzen der Ogliastra, die Ausgangspunkt einer bezaubernden Rundwanderung ist. Die 1.500-Einwohner-Stadt klebt quasi am Berg und bietet mit ihren bunten Fassaden dem Auge (und dem Fotoapparat!) immer neue Blickfänge. Wir sind bei dieser Wanderung der Beschreibung im Rother Wanderführer von Walter Iwersen und Elisabeth van de Wetering gefolgt (Tour 36 in der 5. Auflage von 2010) – aber der Weg ist auch ohne die Hilfe ganz gut zu finden. Man erfährt dann nur nicht soviel 😉 Der wichtigste Tipp ist natürlich, dass es diese Wanderung überhaupt gibt, und der zweitwichtigste: wo sie losgeht. Wir parken also wie empfohlen und finden den Einstieg so schnell wie nie: Eine Leiter, die über einen Zaun führt – und dann ist auch gleich Landschaft da! Der Weg schraubt sich in Serpentinen hoch auf das Plateau, unter dem wir gerade noch geparkt haben. Vorteil für Gucker: Die Perspektive ändert sich ständig, Ulassai war zu Beginn ein Hochgucker, ist dann schnell auf Augenhöhe und wird später noch etwas sein, auf das wir staunend herab sehen.

WegeführungLinks und rechts des Weges sind Jungpflanzen durch Maschendraht geschützt – hier scheint sich jemand um den Hang zu kümmern. Auch die Wegeführung wird nötigenfalls durch ein paar zusätzliche Steine verdeutlicht: sehr schön. Weniger schön für uns: Beim Aufstieg auf Serpentinen wechselt man ja immer mal die Richtung um 180 Grad. Was wir vor uns sahen, war ein fotografenfreundlicher Himmel mit Blau und Wolken – aber in der anderen Richtung zog es bedrohlich grau zu. Darunter litt vor allem die Meersicht, die uns versprochen war: alles grau! Der Vorteil bei diesem Arrangement: bei der nächsten Kehre sahen wir dann wieder ins Licht – und Ulassai hat, sonnenbeschienen, deutlich mehr Strahlkraft als mit Licht aus!

Je höher wir kamen, desto deutlicher sah man am Hang gegenüber von Ulassai jenseits des Riu Pardu die beiden Dörfer Gairo: oben das jetzt bewohnte, etwas weiter unten das 1951 wegen Erdrutschgefahr aufgegebene Gairo Vecchio. Leider war das jetzt so gar nicht unsere Richtung, und als wir später auf dem Heimweg da durch fuhren, hatten sich die Himmelsschleusen gewaltig geöffnet – da war nix mit kurzer Stipvisite…

NebelwaldWir haben es aber noch trocken und laufen weiter hoch zur Punta Matzeu, 957 Meter laut Rother, 955 laut Schild da oben. Der Weg hoch führt zuerst durch Wald mit silbrig grün glitzernden Blättern, etwas später erinnert er an den Lorbeerwald auf La Gomera mit Flechten an den Bäumen und Moos auf den Steinen: hier scheint es öfter mal feucht zu sein! Steinmännchen (manchmal auch veritable stattliche Steinmänner!) geben Gewissheit, immer noch auf dem richtigen Pfad zu wandern – aber unter uns: da es keine Abzweige gab, hat uns das nicht verwundert!

Sylke über UlassaiWir erreichen einen ersten Ausguck gen Ulassai aus der Höhe – mit fantastischer Panorama-Aussicht einerseits und netten Sitzplatz-Felsen, um die Aussicht auch zu genießen. Was man sehr gut erkennen kann, sind die schroff abfallenden Wände der Tafelberge – auf einem sind wir ja gerade. Aber noch nicht ganz oben: fünf Minuten vom Superausblick sind es noch zur Punta Matzeu. Da ist es noch ein wenig höher, aber vor allem werden die Blicke in vorher versperrte Richtungen möglich. Prinzipiell eine schöne Sache – statt auf Ulassai gleich unterhalb der Hochebene den Blick gen rund 14 Kilometer entfernte Küste schweifen zu lassen, erst über das saftige Grün der Berge, dann das blaue Meer.

Hier Sonne – da RegenAber Pustekuchen: Das Mittelmeer verbarg sich hinter einem gräulichen Vorhang von Bindfäden, die aus einer Wolke runter machten. Wir: in der Sonne. Ulassai: in der Sonne. Die Berge vor uns: in der Wolke. Wir hätten ja umdrehen können, aber einmal part of the cloud zu werden, hat ja auch was. Die ersten Minuten ging’s noch recht sonnig voran, so dass wir sogar einen Abstecher zur Grotta Matzeu wagten. Der Weg war nett, die Grotta ein schwarzes Loch, das zu erkunden wir keine Lust hatten. Also zurück – freilich nicht ohne mit großem Hallo! die cloud zu begrüßen, die uns sanft umschlang und vor dem Austrocknen bewahrte. Aber wozu gibt es denn Funktionskleidung mit Regenjacke und -hose?

Scala 'e PrediDer Weg erwies sich als sehr wetterangemessen: wieder reichlich Moos und Flechten im Wald. Wenn schon kein richtiger Regenwald, dann doch wenigstens ausreichend Regen im Wald! Der Wanderführer erwähnte noch, dass wir „durch waldreiches, von Wildschweinen aufgewühltes Gelände“ gehen – was wir so nicht sahen, aber darob nun gar nicht enttäuscht waren. Aber immerhin lieferte uns diese Stelle im Buch Gesprächsstoff zum Thema Was tun, wenn Dir ein Wildschwein begegnet? Es war ein angeregtes Gespräch – und es endete auf der Scala ‚e Predi, einer Lichtung mit an diesem Tag doppelt tollem Ausblick: Zum einen steht man (wenn man sich nahe genug ran traut) direkt am Rande des Tafelbergs und kann fast senkrecht runter sehen – und zum anderen hatte es aufgehört zu pieseln, die Sonne kam gerade hervor.

Runter am FelsSowas genießt man doppelt – hier ein Foto, da ein Foto. Und dann diese himmlische Ruhe da oben! Oh, was war denn das? Quiekt da nicht was? Oh! Und da, näher dran im Wald vor uns: grunzt es da nicht? Wie hatten wir kurz zuvor theoretisiert? Laaangsam, ganz langsam in entgegengesetzter Richtung von hinnen schleichen? Genau. Wie gut, dass der Weg vom Plateau in entgegengesetzter Richtung weiter führte. Bedenklich fanden wir, dass ein regennasser Felsweg am Abhang entlang die Fortsetzung sein sollte – ohne Wildschweingeräusch im Rücken und bei trockener Witterung kein Thema, aber so… Weiter unten am Ende des Weges gab es übrigens einen Zaun – um die Wildschweine vom letzten Teil der Wanderung entfernt zu halten?

ErdbeerbaumDieser letzte Teil führt relativ gemächlich auf einer Asphaltstraße entlang. Als besonders aufregend notierten wir zuerst Erdbeerbäume mit einigen reifen Früchten (ja, sie schmeckten sehr gut), zweitens einen irgendwann mal heruntergefallenen Felsen, den man beim Asphaltieren liegen ließ und einfach drumherum gemacht hat sowie drittens Felsformationen, die ans Elbsandsteingebirge erinnerten. Irgendwann kommen dann Häuser von Ulassai ins Blickfeld – allerdings die am anderen Ende. Hinter den Häusern steigen wieder Felswände empor – ein wenig weiter, entnehmen wir einem Hinweisschild, soll einen Besuch der Grotta di su Marmuri lohnen – wir haben das dann im Anschluss an die Wanderung gemacht und nicht bereut.

Ulassai – Punta Matzeu

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