Schräg ist schön

Amrei Niessen und Frédéric Fourré für zwei Wochen Gastgeber in der Weinpinte

Weinpinte

Ach, die Weinpinte! Irgendwie ist sie immer noch nicht so recht in unserem Bewusstsein – und das liegt nicht nur an uns: Das neue Konzept, immer mal wieder jemand Neues in der Bar für drei Monate werkeln zu lassen, klingt ja fast utopisch, und für Utopien sind wir ja zu haben. Aber wenn man dann mal abends spontan hin will und alles ist verrammelt, dann ist das nüschte mit dem Vertrauen, was man in (s)eine Weinbar mit Anspruch ja gerne hätte, auch wenn sie in der Neustadt liegt. Also haben wir es nicht, wie mal geplant, zu einem Zweitbesuch beim ersten Praktikanten geschafft und waren um so mehr auf höchste erfreut zu hören, dass nun (für nur vierzehn Tage!) Amrei Niessen & Frédéric Fourré an der Bar und in der Küche Gastgeber für vinophile Besucher*innen sind.

Ein erstes Hurra: Öffnungszeiten gibt es – und sie scheinen eingehalten zu werden. Um 17 Uhr haben die Beiden den Laden aufgeschlossen, und so soll es bleiben (offizielle Schließzeit: ein Uhr nachts. Zumindest am ersten Abend hat das hingehauen…). Als ich (recht früh, es sollte ein kurzer After-Work-Besuch werden) eintrudelte, hing der Haussegen keineswegs schief, aber das Angebotsschild wollte nicht ausbalanciert hängen. Also blieb es, nach einigen Versuchen, leicht schräg – und das passt ja ganz gut zu den beiden Winzern, die man ansonsten eher aus Radebeul und dort von den einschlägigen Weinfesten kennt. Frédéric Fourré hat als einziger französischer Winzer in Sachsen ja schon ein Herstellungs-Alleinstellungsmerkmal – aber uns interessiert ja mehr der Wein als die Herkunft des Winzers. Obgleich: Hier gibt es Zusammenhänge, denn Fourré hat für seine Weine einen eigenen Stil entwickelt, den man ungestraft französisch nennen darf. Eine Bereicherung für die hiesige Winzerlandschaft ist das, auch wenn es nicht immer gebietstypisch schmeckt – aber lieber gebietsuntypisch und dafür gut, oder?

Wir bleiben aber noch ein wenig am schrägen Schild hängen, denn was drauf steht, ist auch ein wenig schräg: Die Gastgeber laden ein zum Kampftrinken. Nein, nicht im Sinne von Masse, sondern eher im Sinne von Klasse: der Wettkampf heißt Fourré vs. Schlumberger und findet in drei Runden statt (wer mag, konnte aber auch nur eine, zwei oder gar vier Runden wagen). Das ist ja fast ein kleines Sensatiönchen, denn beim Konzept der Weinbar spielt der Name Schlumberger eine wesentliche Rolle. Wer nicht nachlesen will, hier der Versuch einer Zusammenfassung in einem Satz: Die Praktikanten der Weinpinte bekommen die Location gestellt, sie kaufen Weine auf Provision – aber eben nur solche von Schlumberger, sie können was zu essen dazu anbieten (keinerlei Zwang außer dem einer kleinen Küche) und können den Gewinn für sich behalten. So weit, so gut.

Was ich aber trotz zahlreicher Hintergrundgespräche nie kapiert hatte: Wie soll sich „der Praktikant“ bei immer gleichem Angebot besonders hervortun – und das auch noch in nur drei Monaten (oder gar in zwei Urlaubswochen)? Klar, bei Schlumberger gibt es viel Wein, aber wer das Spezielle sucht, wird dann vielleicht doch nicht fündig. Silvio Nitzsche, der Kopf und Geist hinter der Weinpinte, meinte mal bei einem Glas Wein: „Schlumberger ist Teil des Konzepts – und so soll es bleiben, da ist die Loyalität groß!“ Nun scheint es aber für die beiden Sommerwochen eine Regelung mit dem kleinen Zeh jenseits der Legalität zu geben – und das ist wunderbar; das ist schön schräg. Denn einen (bzw. zwei) Winzer als Gastgeber zu haben und dessen Weine nicht zu bekommen, wäre schon schade. Und so haben wir mit großem Genuss verglichen, aufopferungsbereit wie immer natürlich in drei Runden.

Es war ein schöner warmer Sommertag, also starteten wir mit der rosaroten Runde. 2015 Rosé von Fourré aus Sachsen vs. 2015 Drostdy Hof aus Südafrika. Wie nicht anders zu erwarten: erfrischend trocken waren beide – der sächsische farblich blasser und geschmacklich eher rund, der südafrikanische (vom Cabernet Sauvignon) kräftiger in Farbe wie Geschmack. Mein Favorit in dieser Runde – bis auf die gruselige Farbe der Kapsel und des Verschlusses – der Drostdy Hof. Beim Rosé plaudern wir und stellen fest: Der Frédéric Fourré ist ja auch Koch! Ein Tausendsassa sozusagen – und so entschwindet er mit unserem Essenswunsch ab in die Küche. Zeit also, einen Blick auf die kleine Tageskarte zu werfen. Schön: Einheitspreise für die Weine: 3 € für 0,1 Liter, 6 € für 0,2 l und 18 € für die Flasche. Übersichtlich. Aus der Küche probierten wir Lachs-Zucchini-Quiche mit Salat (6,50 €) und die kleine Käseplatte (4 Käse, Butter, Brot, Trauben für 7 €).

Zur Quiche, die mit einem knackigen Salat und feinem Dressing serviert wurde, gab es einen Blanc de Noir vom Weingut Nelles – Spätburgunder weiß gekeltert von der Ahr. So einer ist (mit einem Anteil von 15%, ebenfalls weiß gekeltert) auch in der Chimäre von Frédéric Fourré. Die restlichen 85% der Cuvée sind Grauburgunder – und insgesamt ist die Chimäre ein fantastischer Begleiter zur Quiche. Und der Blanc vom Nelles? Was will man schon erwarten von einem Weingut, dessen Spätburgunder schon mehrfach zum „Besten deutschen Rotwein des Jahres“ gewählt wurde? Grandios! Super! Toll! Unsere alte Faustregel, wonach man einen Wein immer genießen kann, wenn der VDP-Adler auf der Kapsel prangt, passte mal wieder. Aber immerhin: in dieser Runde gab’s für uns zum Essen ein Unentschieden.

Zum Käse, der zur großen Freude nach was schmeckte und nicht so ein analoger geschmacksneutraler Kaufhauspappzeuchs war, starteten wir einen ungleichen Wettstreit zwischen weiß (2015 Müller Thurgau von Fourré) und rot (2013 Lemberger vom Weingut des Grafen Neipperg, Württemberg). Käse und ein dunkelgranatroter, vanilliger Blaufränkisch – das klingt doch gut! War es auch. Aaaaaber: Der heimliche Liebling war Frédéric Fourrés Müller. Ist er ja meistens, sein Signaturwein sozusagen. Solo, aber eben auch zum Käse. Pfeif‘ auf die Konventionen: schräg ist schön!

[Amrei Niessen & Frédéric Fourré sind Gastgeber in der Weinpinte noch bis Ende Juli. Danach wird die Weinpinte international – mit Anne Katrina Baylon Alvero und Mayra Alejandra Castillo aus San Francisco.]

Weinpinte
Bischofsweg 17
01097 Dresden

Tel. 0351-219 681 00

Öffnungszeiten:
Di-Fr: 17-01 Uhr
Sa: 11-01 Uhr

[Besucht am 19. Juli | Übersicht der hier besprochenen Restaurants in Dresden und Umgebung]

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